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Griechenland-Einigung in Brüssel: Verschnaufpause für Europa

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Griechische Fahnen in Athen: Einigung im Griechenland-Streit Zur Großansicht
DPA

Griechische Fahnen in Athen: Einigung im Griechenland-Streit

Die Einigung von Brüssel verhindert hoffentlich den Grexit, doch es wurde in diesen dramatischen Verhandlungen viel Schaden angerichtet - auch von deutscher Seite.

Natürlich werden sie jetzt wieder aufstöhnen: Die Griechen-Gegner in Deutschland und die Syriza-Ideologen in Athen. Trotzdem ist es ein Segen, dass Europa sich geeinigt hat. Selbst Angela Merkel und Alexis Tsipras haben sich am Ende im Interesse der gemeinsamen Sache zusammengerauft. Endlich, möchte man sagen. Alles andere, nämlich der Grexit, wäre eine Katastrophe gewesen - für Europa und für Griechenland sowieso.

Europa bleibt zusammen, Deutschland wird für mindestens drei Jahre über den ESM Geld an Athen zahlen und die Griechen bekennen sich zu weiteren Reformen. Alle bekommen eine Verschnaufpause. Das sind die guten Nachrichten dieser Nacht aus Brüssel.

Man sollte nur nicht naiv sein: Es ist längst nicht ausgemacht, dass diese Einigung hält, was sie verspricht. Griechenland hat schon zu oft Zusagen gemacht und diese am Ende nicht umgesetzt. Die Drohung mit Neuwahlen, die nun schon in Athen ausgesprochen wird, zeigt, welches politische Durcheinander von dort weiterhin zu erwarten ist.

Auch die Ausgestaltung des neuen Treuhandfonds, in den Privatisierungserlöse fließen sollen, ist völlig offen. Ob damit jemals die geplanten 50 Milliarden Euro eingenommen werden, ist zweifelhaft. Auf den ersten Blick wirkt der Fonds jedenfalls eher wie ein Beruhigungsmittel für Merkels CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Europa bleibt in der Krise. Das ist die andere, die schlechte Nachricht dieser Nacht. Das griechische Drama wird mit dieser einen großen Nachtsitzung sicherlich nicht beendet sein. In diesem Streit vermischen sich etliche Ebenen miteinander, es geht selbstverständlich ums Geld, aber auch um persönliche Sympathien und Eitelkeiten, um nationale Befindlichkeiten und Ressentiments.

Leider ist in den vergangenen Wochen und Tagen viel Schaden entstanden, vielleicht zu viel. Alexis Tsipras und seine Regierung haben den Rest Europas durch ihre irre Zickzack-Politik verhöhnt und den Ruf Griechenlands in Europa schwer ramponiert.

Gleichzeitig haben es Angela Merkel und vor allem Wolfgang Schäuble geschafft, mit ihrer strammen Sparrhetorik halb Europa gegen Deutschland aufzubringen. Selbst die fundamental wichtige Partnerschaft zwischen Paris und Berlin schien an diesem Wochenende kurz vor dem Bruch. Der reine Horror für das geeinte Europa.

Schäubles Grexit-Plan und sein Auftreten als Zuchtmeister der griechischen Regierung sichert ihm Applaus von vielen Deutschen. Natürlich hat er in manchen Punkten recht, doch niemand sollte sich etwas vormachen: Sein harscher Stil wirkt auf andere abstoßend. Auch er sollte jetzt abrüsten und mit ihm seine Fans.

Harte Verhandlungen sind wichtig, aber ebenso wichtig ist es, dass danach Kompromisse gefunden und umgesetzt werden. Das kann gehen, aber nur mit Respekt vor der Position des anderen.

Zum Autor
Christian Thiel
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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insgesamt 261 Beiträge
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1. Quatsch
denis111 13.07.2015
Bei allem Respekt: die Kritik ist an anderer Stelle angebracht, nämlich in Richtung des griechischen Staatsapparates. Ich habe selbst griechisches Blut in meinen Adern, meine Frau stammt aus dem Balkan: sie haben keine Vorstellung davon, um es nett auszudrücken, wie es "dort" zugeht. Das Geld ist rausgeschmissenes Geld. Und ja: unser Geld. Nein zu Europa, nein zu Griechenland, ja zu Deutschland. Und ja: ich stöhne auf.
2. stramme Sparrhetorik der Deutschen?
kritischer-spiegelleser 13.07.2015
Deutschland soll nur immer zahlen. Und ansonsten den Mund halten! Da ist Merkel aber vorrangig dem deutschen Steuerzahler verpflichtet und nicht der EU! Diese EU ist doch für dieses ganze Dilemma verantwortlich! Durch ihre Politik des billigen Geldes hat sie die EU-Staaten in die Überschuldung geführt!
3.
Boltzmanns_heir 13.07.2015
Schäuble hat einen auf Varoufakis gemacht. Damit wird man beim Heimpublikum zum Held, aber am Verhandlungstisch zum Paria. Sollte der neue Schäuble so weitermachen, wäre Deutschland bald in einer Situtation wo nur mehr ein Rücktritt Schäubles das Gesicht und die Reputation halbwegs retten könnte. Das ist die Nebenwirkung der Varoufakis Strategie.
4. Dr.
braintainment 13.07.2015
"Gleichzeitig haben es Angela Merkel und vor allem Wolfgang Schäuble geschafft, mit ihrer strammen Sparrhetorik halb Europa gegen Deutschland aufzubringen. Selbst die fundamental wichtige Partnerschaft zwischen Paris und Berlin schien an diesem Wochenende kurz vor dem Bruch. Der reine Horror für das geeinte Europa." Jaja, wenn einer auf einmal aufgestellte Regeln pocht, dann bringt das die Schuldenmacher gleich auf die Palme. Alles "funktioniert" in Europa wie bei Stuttgart21 - Fakten schaffen und ab irgendeinem Punkt ist die Umkehr natürlich nicht mehr möglich. So wie in Griechenland - Schummeln um in den Euro reinzukommen (jeder wusste es), Schulden machen auf Deubel komm raus und dann den Rest der EU erpressen: bedingungslose weitere Hilfen oder Schuldenschnitt. Bravo EU - das hat Zukunft!
5. Treuhandfond
plleus 13.07.2015
Zitat: Auch die Ausgestaltung des neuen Treuhandfonds, in den Privatisierungserlöse fließen sollen, ist völlig offen. Ob damit jemals die geplanten 50 Milliarden Euro eingenommen werden, ist zweifelhaft. Auf den ersten Blick wirkt der Fonds jedenfalls eher wie ein Beruhigungsmittel für Merkels CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zitat Ende Das ist in der Tat sehr zweifelhaft, da die Käufer natürlich den Preis drücken können, wenn man unter solchem Druck verkaufen muß. Eigentlich sollte man diese Aufgabe dem geben, der diesen Vorschlag gemacht hat. Natürlich mit Garantie des Erfolgs.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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