Grillfest mit Staatsgast Merkel, Bush und das berühmteste Wildschwein der Welt

Es schien, als habe er sich schon den ganzen Tag darauf gefreut. Selbst bei der Pressekonferenz zu den wichtigen politischen Themen verlor US-Präsident Bush das gegrillte Wildschwein nicht aus dem Blick. Entsprechend gut aufgelegt erschien er dann zum abendlichen Barbecue.

Aus Trinwillershagen berichtet


Stralsund/Trinwillershagen - Es treten auf: Ein Spielmannszug in roten Sakkos, Jäger mit grünen Hüten, die manchmal in ihre Hörner stoßen, Angela Merkel in Jeans und blauem Leinensakko mit ihrem Mann Joachim Sauer, George W. Bush samt Frau Laura, das unvermeidbare sonnenbebrillte Sicherheitspersonal, ein paar Gäste auf zusammenklappbaren Holzbänken und viele - handverlesene - Schaulustige. Wichtige Requisiten: Drei Grillgeräte, über denen sich Wildschwein und Hirschbraten drehen, das aufgespießte Fleisch sieht ein wenig verkohlt aus.

US-Präsident Bush und Bundeskanzlerin Merkel beim Grillen: "Ich freue mich auf das Schwein"
REUTERS

US-Präsident Bush und Bundeskanzlerin Merkel beim Grillen: "Ich freue mich auf das Schwein"

Willkommen in Trinwillershagen. In dem kleinen ehemaligen DDR-Vorzeigedorf zwischen Rostock und Stralsund, in dem einst die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft "Rotes Banner" um Planübererfüllung kämpfte, wollte die Bundeskanzlerin einen Abend in eher privatem Ambiente mit dem US-Präsidenten begehen - nach dem Auftritt auf dem Alten Markt in Stralsund.

Man hatte schon den ganzen Tag den Eindruck, als habe sich der Präsident bei seiner Deutschland-Visite vor allem auf das abendliche Barbecue gefreut. Denn so ernst die Probleme auch waren, die Merkel und Bush bei ihren politischen Gesprächen am Mittag zu bereden hatten, bei der anschließenden Pressekonferenz drängte sich das für den Abend angekündigte 30-Kilo-Wildschwein in den Vordergrund. "Ich freue mich auf das Schwein", gab Bush launig zu Protokoll und kündigte sogar an, am nächsten Tag zur Qualität des Grillfleisches Stellung zu nehmen.

Wie auf einem Schützenfest

Bis kurz vor halb sieben musste sich der hungrige Bush da noch gedulden, bis er im Hubschrauber auf dem Fußballfeld neben dem Kulturhaus landet, wo die Feier geplant ist. Sonnenschirme sind aufgespannt, Pils aus der Region wird ausgeschenkt, es soll ländlich und rustikal sein. Wenn nicht der Hubschrauber mit dem Aufdruck "United States of America" auf dem Rasen stünde, könnte man sich auf einem Dorfschützenfest wähnen.

Wie schon in Stralsund genießt der US-Präsident die Nähe zu den Leuten. Er schüttelt Hände, grinst in Fotohandys und Digitalkameras, nimmt kleine Kinder auf den Arm und spricht verständnisvolle Worte zu den Eltern, wenn die Kleinen in den Händen des prominenten Besuchers plötzlich anfangen zu weinen. Zur Untermalung spielt die Blaskapelle und lässt sich willig für ein paar Momente vom mächtigsten Mann der Welt mit dem Taktstock in der Hand dirigieren. Fürs Erinnerungsfoto läuft er sogar Gefahr, eine Querflöte ins Auge zu bekommen.

Eine Einladung zum Grillfest gilt als Kompliment

Irgendwann kommt der Gastwirt Olaf Micheel zu Bush und Merkel. Das Wildschwein hatte Micheel selbst geschossen, aber das Fleisch soll Bush schneiden. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln steht er am Grill, sägt an dem gegrillten Tier und reicht anschließend Merkel das Messer.

Bush betont, dass die Grilleinladung für ihn eine besondere Ehre sei. "Laura und ich kommen aus Texas", sagte er. "Eines der größten Komplimente, die man einem Gast dort machen kann, ist ihn zum Barbecue einzuladen." Morgen will Bush zum G8-Gipfel nach St. Petersburg weiterreisen. Den Menüplan hat er bestimmt jetzt schon parat.



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