GroKo-Pläne Berufsverbände halten Aufstockung bei Polizei und Pflege für kaum umsetzbar

Union und SPD wollen Tausende neue Stellen bei Polizei, in der Justiz und Pflege schaffen. Gewerkschaften und Berufsverbände sagen: Das reicht noch lange nicht - und es fehlt an Bewerbern.

Personalmangel in der Pflege (Archivfoto)
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Personalmangel in der Pflege (Archivfoto)


Gewerkschaften und Berufsverbände halten die im Koalitionsvertrag von SPD und Union vereinbarte Schaffung von Tausenden zusätzlichen Stellen bei der Polizei, in der Pflege und in der Justiz für kaum umsetzbar. Die Polizeigewerkschaften, der Berufsverband für Pflegeberufe und der Richterbund befürworteten die Pläne auf Anfrage der "Welt am Sonntag". Sie wiesen aber auf erhebliche Probleme bei der Besetzung der Stellen hin.

"Tausende Polizisten gehen in den nächsten Jahren in Rente. Es ist schon schwierig, für sie qualifizierten Nachwuchs zu finden", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow, der "WamS". Nach Informationen der GdP werden in den Jahren bis 2021 rund 44.000 Beamte pensioniert. Dem stehen geplante Neueinstellungen von 56.000 gegenüber. Bleibt unter dem Strich ein Plus von 12.000 Polizisten.

Angesichts der Aufgabenfülle und schon bestehenden Überstundenbelastungen reiche diese Aufstockung "bei Weitem nicht aus", betonte Malchow auf der Website der Gewerkschaft. Auch der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, beklagte, dass es bereits jetzt in einigen Bundesländern an qualifizierten Bewerbern mangele. Im Koalitionsvertrag wird als Ziel genannt, insgesamt 15.000 neue Stellen in den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern zu schaffen.

Auch der Deutsche Richterbund äußert sich skeptisch zum Ziel, 2000 neue Richterstellen zu schaffen. Die Justiz habe für junge Spitzenjuristen deutlich an Attraktivität verloren, erklärte der Richterbund. Die Privatwirtschaft locke mit deutlich höheren Gehältern.

In der Pflege sollen 8000 zusätzliche Fachkräfte eingestellt werden. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe hält dies für längst nicht ausreichend. "Ich sage immer: Die Politik hat eine Null vergessen", sagte Verbandspräsidentin Christel Bienstein der "Welt am Sonntag". Deutschland werde in den nächsten Jahren 80.000 weitere Pfleger brauchen. Auch sie beklagte Probleme bei der Besetzung offener Stellen.

Pflegenotstand: Und wer betreut Sie?

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oka/AFP

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insgesamt 22 Beiträge
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dm62.werbung 18.02.2018
1. Gerechte Bezahlung?
Man könnte die Attraktivität in einiger dieser Berufsgruppen mit Sicherheit erhöhen, wenn man die Gehälter entsprechend anpassen würde. Ich finde die Aussagen der Politik schon amüsant, dass man eine Zahl "xy" mehr einstellen will - aber wer will denn noch? Guter Entlohnung für gute Arbeit ist ein Schritt dahin.
claude 18.02.2018
2. Gilt die Marktwirtschaft nicht für die arbeitende Bevölkerung?
Wenn ein so wichtiges Gut knapp wird, dann steigen die Preise, würde man meinen. Für die Löhne der Pflegerinnen und Pfleger scheint dies aber nicht zu gelten, hier scheint die Marktwirtschaft nicht zu gelten. Wenn der Gesellschaft die Pflege ein so wichtiges Thema ist, dann müssen die Berufe eben ausreichend attraktiv gestaltet werden, um genügend Bewerber anzulocken. Wenn erst mal die Löhne stimmen und genügend Bewerber da sind, dann verbessern sich automatisch auch noch die Arbeitskonditionen, weil die Pfleger dann mehr Zeit haben für die einzelnen Pflegebedürftigen.
eunegin 18.02.2018
3. aus der HR-Praxis
Mal von einem Personaler: die wohlklingenden Zusagen der Unternehmensleitung (oder hier eben Politiker) nach tausenden neuen Stellen sind kurz- und mittelfristig illusorisch. Ein solcher Aufwuchs ist nicht zu stemmen: Bewerberzahlen, Qualitätsmängel, im Öffentlichen Dienst vergleichsweise mäßige Bezahlung (dafür Sicherheit), Aus- und Fortbildungskapazitäten, ja sogar physischer Platz. Dazu kommt, dass zwangsläufig eine ungünstige Stellenlage entstehen würde, was sich in jahrzehnten rächt. Besser als eine Hauruckaktion wäre eine echte Strategie zum langfristigen (gesunden) Aufwuchs. Hört sich aber wneiger reißerisch an.
Havel Pavel 18.02.2018
4. Woher sollen die Bewerber denn kommen?
Was für eine naive Logik, plötzlich die Kräfte bei Polizei und in der Pflege aufstocken zu wollen. Man wird sich schon glücklich schätzen müssen, wenn man wenigstens die aus Altersgründen ausscheidenden Kräfte durch Nachwuchs ersetzen kann. Offenbar ist den Verfechtern solcher Äusserungen gar nicht bewusst, dass man hierzu auch Bewerber braucht, die zudem auch noch dafür einigermassen geeignet sein sollten und diese stehen halt nur in bescheidener Azahl zur Verfügung. Für die eindeutige Mehrheit aller Bewerber dürften gerade diese Berufe so ziemlich an letzter Stelle der Attraktivität stehen und wohl nur dann ergriffen werden wenn sich absolut nichts anderes finden lässt. Welcher junge Mensch kann sich angesichts der skandalösen Bilder die man fast täglich über den Einsatz der Polizei und den Vorgängn in Pflegeheimen zu sehen bekommt denn überhaupt noch für solche Berufe begeistern? Zunächst müssten nun mal wohl dort eher die strukturellen Missstände beseitigt und aufgearbeitet werden, dann könnten evtl. diese Berufe wieder mehr Ansehen und Attraktivität erhalten und künftig mehr Zulauf gewinnen.
kratzdistel 18.02.2018
5. alt gegen neu oder zusätzliche stellen
zwischen 2017 und 2021 werden so 44 0000 polizeibeamte in ruihestand gehen von ca. 215 000 in Deutschland. was vereinbart worden ist, klingt vorerst gut, wenn es zusätzliche stellen sind aber nicht, wenn damit die ausgleichung der ausscheidenden eingerechnet sind. dann wäre es nur eine irrelevante Bereicherung.
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