GroKo und Gleichberechtigung Die armen Betroffenen

Die kommende GroKo betrachtet arbeitende Frauen in erster Linie als Opfer auf dem Arbeitsmarkt, denen mit Regulierungen zur Karriere verholfen werden muss. Das ist eine wenig zeitgemäße Perspektive.

Weibliche Führungskraft als Spielzeugfigur
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Weibliche Führungskraft als Spielzeugfigur

Ein Gastbeitrag von Jutta Falke-Ischinger


Zur Autorin
  • Disput/ Berlin!GmbH
    Jutta Falke-Ischinger ist Gründerin und Geschäftsführerin der Debatten-Plattform
  • Disput/Berlin!

Jetzt kann es also losgehen mit der neuen Dynamik für Deutschland! Doch leider schafft es der Aufbruch, den die GroKo in der Überschrift des Koalitionsvertrags verheißt, nicht mal verbal über die ersten Seiten.

Wer das Kapitel zur Gleichberechtigung liest, dem wird schnell klar, dass ohne staatlich angetriebenes Förderband bei den Frauenkarrieren offenbar gar nichts läuft. Empowerment? Wird erstickt im Beschwören von Gerechtigkeit und regulierend eingreifenden Gesetzen und Sanktionen, etwa gegen Firmen, die sich beim Frauenanteil durchmogeln wollen mit einer Zahl, die gar nicht geht: "Zielgröße Null."

Zielgröße Null - das beschreibt im Übrigen auch die Dimensionen des schwarzen-roten Nicht-Aufbruchs und wen er aktivieren will.

Bleiben wir bei den Frauen und ihrem Anteil an den Spitzenjobs: Die Zahlen stagnieren, nur in den Aufsichtsräten geht's sanft bergauf, in drei Vierteln aller Unternehmensvorstände aber sitzt laut DIW immer noch keine Frau.

Raus aus der Opferrolle!

Die #MeToo-Debatte hat zudem die Temperatur zwischen den Geschlechtern auf den Gefrierpunkt gedrückt. #MeToo, #Aufschrei, #SpeakUp: So wichtig es ist, Zeichen zu setzen gegen sexualisierte Gewalt und die Ausnutzung von Abhängigkeit - besser wäre es, wenn diese Hashtags den Auftakt markierten zu neuer Frauenpower statt zu einer Sisterhood der Opfer. Die ist kaum förderlich in Zeiten, in denen der Mangel an Selbstvertrauen als eines der größten Hindernisse gilt auf dem Weg von Frauen in die Führungsetagen.

So sieht dies auch Christine Lagarde. In Davos hatte die IMF-Chefin, die keinen Hehl daraus macht, dass sie zweimal durch die Aufnahmeprüfung der französischen Elitehochschule ENA gefallen ist, vor allem eine Botschaft für uns Frauen: Lasst euch nicht unterkriegen!

Mutig über Geld reden

Viele Frauen wissen jedoch den eigenen Wert auch in finanzieller Hinsicht nicht (ein-)zu schätzen. Die Personalchefin einer Bank erzählte jüngst im kleinen Kreis, sie habe keine einzige Bewerberin erlebt, die beim Vorstellungsgespräch je überhöhte Gehaltsforderungen geäußert habe - ganz im Gegensatz zu den Männern. Das ist nicht nur eine Anekdote: Auch Studien belegen, dass viele Frauen in Gehaltsverhandlungen allzu bescheiden auftreten.

Seit Anfang 2018 gilt das Lohntransparenzgesetz, ein kleiner Schritt zur Überwindung des Gender Pay Gap. Ersten Umfragen zufolge nutzen Frauen dieses neue Recht auf Auskunftserteilung kaum, so schreibt es der "Tagesspiegel". Über die Gründe wird da nur spekuliert: Womöglich scheuten Frauen Konflikte, die sich aus solchen Nachfragen ergeben könnten. Als habe Rot-Schwarz das Desaster geahnt, verspricht der Koalitionsvertrag auch gleich Abhilfe: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes soll Unterstützungsangebote machen - für "Betroffene".

Also dann, Betroffene, am besten gleich los und anstehen fürs Nummernkärtchen bei der Beschwerdestelle! Sind wir hier unter Erwachsenen?

Bisher hilft kein Coaching

Auch wenn Corporate Germany von einer Kultur der Ermutigung noch weit entfernt ist, hat doch jedes Unternehmen, das auf sich hält, inzwischen einen Strauß an Maßnahmen im Angebot: Anti-Bias-Trainings, Leadership-Kurse, Mentorenprogramme und flexible Arbeitszeiten.

Leider aber mit wenig Erfolg. Am Rande einer Veranstaltung in Berlin klagten Vertreter multinationaler Konzerne erst kürzlich, dass sie sich im Vergleich zu anderen europäischen und asiatischen Märkten vor allem in Deutschland schwer damit tun, Führungsjobs mit Frauen zu besetzen. Kündigte sich Nachwuchs an, sprängen sie ab, die weiblichen High Potentials. Und das trotz Karriere-Coaching vor, während und nach der Elternzeit.

Selbst in den USA, in denen es weder Quote noch staatliche Kinderbetreuung gibt, sitzen deutlich mehr Frauen in den Vorständen der größten Unternehmen.

Was ist los mit deutschen Frauen?

Familienzeit ist wichtig, keine Frage. Nur: Welche Rollenmuster wollen wir weitergeben? Dass ein Teilzeitleben ausreicht, solange der Mann den Ernährer gibt? Dass es sich für Mädchen nicht lohnt, nach den Sternen zu greifen? Oder in die Politik zu gehen? Schön bescheiden bleiben - Zielgröße Null?

Die neue Regierung springt uns hier kaum zur Seite als "agent of change". Kein Wunder, denn in ihrem Menschenbild findet Selbstverantwortung - abgehakt als neoliberaler Kampfbegriff - so gut wie keinen Widerhall. Stattdessen verspricht die GroKo: "Wir werden die Probleme anpacken, welche die Menschen in ihrem Alltag bewegen." Prima, denk ich mir, schau ich mir dann vom Sofa aus an.

Auch Klagen der Politik, dass etwa "Frauen in MINT-Berufen fehlen", verhallen ungehört, klingen eher nach missglückter Planwirtschaft als nach einer Mobilisierung von Talenten.

Frauen, setzt Normen!

"Sucht Euch einen Job, durch den Ihr in den kommenden zehn Jahren etwas verändern könnt", rät eine befreundete amerikanische Professorin dagegen gern ihren Studentinnen. Und darum geht es: Ganz oben mitmischen, etwa bei der nächsten Welle der Digitalisierung. Großes Thema aller internationaler Tech-Foren: Wie lässt sich Bias bei Systemen künstlicher Intelligenz vermeiden? Es geht um Daten, das Setzen von Normen, Standards, Codes. Da müssen Frauen dabei sein, auch als Wissenschaftlerinnen und Gründerinnen. Genauso, wenn ausgehandelt wird, wie die Arbeit von morgen aussehen soll, sozialer Ausgleich, Bildung oder moderne Strukturen demokratischer Partizipation.

Es geht also für uns Frauen um mehr als nur um formale Gleichberechtigung, es geht ums Mitgestalten unserer Zukunft.

Wer weiß, vielleicht gelingt es dann auch im Einsatz für uns selbst und die Welt drumherum, die durch Sanktionen, Quoten, Misstrauen und #MeToo abgesteckte Kampfzone der Geschlechter allmählich zu verlassen...

Hashtag: #Es wird Zeit

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
627235 08.03.2018
1. So ist's richtig
Frauen, holt euch die Jobs, die ihr wollt. Oder auch nicht, wenn ihr lieber was anderes macht. Gleichberechtigung habt ihr, also macht doch was damit. Also, was immer ihr wollt. Aber hört bitte auf, das angebliche Patriachat für alles verantwortlich zu machen.
dschauhara 08.03.2018
2. Liberalistische Kampfschrift?
Wie schön, dass Fr. Falke-Ischinger den Sprung in die kapitalistische Glamourwelt geschafft hat. Der ganze Artikel ließt sich wie eine Kampfschrift für die FDP mit einem dementsprechenden Frauenbild. Ja, ich denke auch, dass Empowerment wichtiger ist als Quoten, ja, es ist wichtig Rollenbilder zu ändern, ja, die GroKo-Agenda ist eine leere triste Fläche was das angeht. Trotzdem - mit einer Sicht, dass jede Frau selbst ihres Glückes Schmied ist, die einfach nur mal "Anti-Bias-Trainings, Leadership-Kurse, Mentorenprogramme" oder ähnliches mitmachen soll (allein bei den Wörtern könnte ich schreien) - schreibt sie an der Realität der meisten Frauen in diesem Land vorbei. Zum Rollenwechsel in der Familie gehören zwei, zum Empowerment gehört, dass ich das, wodurch ich "empowert" wurde in der Realität der Arbeitswelt umsetzen kann und nicht an der gläsernen Decke von old-boys-networks scheitere. Und zusätzlich: die meisten Arbeitnehmerinnen in unserem Land arbeiten nicht als Managerinnen in multinationalen Konzernen, da wollen die auch nicht umbedingt hin. Dementsprechend ist das vielleicht für die multinationalen Konzerne traurig, aber die meisten Frauen würden sich wohl eher freuen, wenn sie als Krankenschwestern, Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Erzieherinnen, Pflegerinnen, Fabrikarbeiterinnen etc. pp. eine einigermaßen gleiche Bezahlung wie Männer in ihren Berufen bekämen. Aber ich vergaß - das sind ja nicht die tollen MINT-Berufe, sondern zumeist nur die blöden Frauenberufe, wo die doofen Weiber doch selbst schuld sind, dass sie sie machen. Wie unfair, für solche Berufe so viel Gehalt einzufordern wie im tollen tollen MINT-Bereich. Sind ja auch so sinnlose Arbeiten, die Pflege, die Erziehung. Wer braucht das schon? Schließlich sind nur die Jobs im multinationalen Konzern toll, wo ich dann voll empowert nach meinen Seminarbesuchen auf den Tisch haue und locker flockig in den kapitalistischen Raubbau an unserem Planeten einsteige. Yiha!
heinrichhaine 08.03.2018
3. Aus Sicht der Evolution
Eine konsequente, finanzielle Gleichsstellung von Mann und Frau wäre für den Fortbestand der "Rasse" nicht ungefährlich, denn eine Frau bindet sich nicht nach "unten" - sucht sich einen Partner, der mehr verdient als sie selbst. Auch hierzu gibt es jede Menge Studien und Statistiken - die es eigentlich nicht braucht, denn man(n) macht ja seine eigenen Erfahrungen. Ausnahmen bestätigen nur die Regel...und begründen sich meist dadurch, dass die Frau gar nicht aus diversen anderen Gründen) die Möglichkeit einer Wahl hat. hat sie die Möglichkeit, greift sie zum Besserverdienenden.
großwolke 08.03.2018
4. Durchgesetzter Feminismus
So klingt er, der Gegen-Entwurf zum verkrampften Feminismus der Marke Stokowski & Berg: selbstbewusst, analytisch, durchaus nicht verharmlosend, was bestehende Probleme angeht, aber mit einem schonungslos klaren Blick darauf, wo diese Probleme liegen und am wem es letzten Endes liegt, sie zu beheben. Hat mir sehr gut gefallen, gern mehr davon. Was mir im Text aufgefallen ist, ist folgender Satz: "Dass es sich für Mädchen nicht lohnt, nach den Sternen zu greifen?" Da steckt mehr Wahrheit drin, als die Autorin vielleicht glaubt. In Chemie und Pharma, wo es a) viele Studienabgängerinnen gibt und b) auch eine ganze Anzahl mittlerer und großer Firmen, in denen sowas wie eine Karriere technisch möglich ist, liegen die Einstiegsgehalter für junge Promovierte bereits so hoch (obere 20 bis 25 % der Einkommensverteilung in Vollzeit), dass eine Karriere tatsächlich nur begrenzt attraktiv ist. Klar könnte es immer mehr Geld sein als man grad bekommt, aber wer nach den ersten paar Jahren um die 3000 Euro netto bekommt plus mehr oder weniger anständigen Jahresbonus, der ist vielleicht auch als akademischer Sachbearbeiter (m/w) mit 37.5-Stunden-Woche und Zeit für Freunde und Familie schon sehr zufrieden, speziell dann, wenn der Weg auf die nächste Ebene deutlich mehr Zeit und Nerven kostet. Nur so ein Gedanke.
akarsu0 08.03.2018
5.
Ich bin überrascht, der Spiegel haut in letzter Zeit 3-4 feministische Beiträge raus und jetzt diese Kritik? Mal einen Artikel zu dem Thema Feminismus den ich gut finde, wer hätte das gedacht. Wie beschrieben hängt es von den Frauen ab was sie erreichen können und nicht. Sich nur beklagen hat noch nie jemanden voran gebracht. Und mal ehrlich, die Wahrscheinlichkeit das eine Frau eine Führungsposition in einem deutschen Unternehmen ergattert ist 1000 mal höher als für mich als Deutsch-Türke, da hilft Mann sein mir auch nicht weiter :D also ganz so schlecht steht ihr auch nicht da ;)
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