Gründerin des Allensbach-Instituts Meinungsforscherin Noelle-Neumann ist tot

Sie galt als Pionierin der Meinungsforschung und als eine der weltweit wichtigsten Kommunikationswissenschaftlerinnen: Elisabeth Noelle-Neumann ist tot. Die Gründerin des Demoskopie-Instituts Allensbach starb im Alter von 93 Jahren.

Elisabeth Noelle-Neumann: Die "Herrin der öffentlichen Meinung" ist gestorben
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Elisabeth Noelle-Neumann: Die "Herrin der öffentlichen Meinung" ist gestorben


Allensbach - Mit ihrem Meinungsforschungsinstitut hat Elisabeth Noelle-Neumann jahrzehntelang das Denken der Deutschen durchleuchtet. Das brachte ihr den Ruf als "Herrin der öffentlichen Meinung" ein. Doch zuletzt lebte die 93-Jährige zurückgezogen in ihrem Haus im kleinen Bodensee-Städtchen Allensbach, wo sie am Donnerstag starb. Noelle-Neumann sei am Mittag friedlich eingeschlafen, sagte ein Sprecher des Meinungsforschungsinstituts Allensbach und bestätigte damit einen Bericht des Konstanzer "Südkuriers".

Noelle-Neumann gilt als Pionierin der Meinungsforschung. Zusammen mit ihrem ersten Ehemann, dem CDU-Bundestagsabgeordneten und Journalisten Erich Peter Neumann, gründete sie 1947 das erste deutsche Meinungsforschungsinstitut. Viele zweifelten damals am Erfolg. "Wir wurden ausgelacht", berichtete die Gründerin später. Die Idee für das Institut brachte Noelle-Neumann von einem Studienaufenthalt in den USA mit.

Im Laufe der Jahrzehnte hat das Allensbach-Institut Millionen von Bundesbürgern befragt. Die repräsentativen Umfragen betreffen alle Bereiche von Politik über Wirtschaft bis zu Konsum, Kultur und Religion. Die Demoskopen haben die Lebenseinstellung der Deutschen, ihre Hoffnungen und Ängste, Vorlieben und Abneigungen unter die Lupe genommen.

Jahrelang leitete Noelle-Neumann das Institut selbst und wurde zu einer wichtigen öffentlichen Figur: Als "Gedächtnis der Deutschen", "Herrin der Zahlen" oder "Pythia vom Bodensee" wurde sie bezeichnet. Bereits in den 1950er Jahren war sie zweimal auf der Titelseite des SPIEGEL zu sehen.

Noelle-Neumann galt als eine der weltweit wichtigsten Kommunikationswissenschaftlerinnen. 1964 wurde sie als Professorin an die Universität Mainz berufen, wo sie den Lehrstuhl für Publizistikwissenschaft zu einem Zentrum empirisch-analytischer Medienforschung machte.

Kontroverse um Noelle-Neumanns Rolle in der NS-Zeit

Einen besonderen Namen machte sich das Allensbach-Institut in der politischen Meinungsforschung und bei Wahlprognosen. Die Demoskopin gilt daher auch als prägend für die die Bundesrepublik. Seit 1957 veröffentlicht das Institut am Tag vor wichtigen Wahlen Prognosen, die jahrzehntelang kaum vom Endergebnis abwichen.

Seit der Bundestagswahl im September 2005 hat aber das gute Bild von Allensbach und auch anderen Meinungsforschungsinstituten Kratzer bekommen. Denn mit ihrer Vorhersage, es werde einen klaren Sieg für ein schwarz-gelbes Regierungsbündnis geben, lagen sie klar daneben. Stattdessen gab es eine große Koalition.

Auch bei der Bundestagswahl 1965 kam es nach ersten Meinungsumfragen, die einen Sieg der SPD erwarten ließen, in letzter Minute zu einem Stimmungsumschwung für die Union. Noelle-Neumann versuchte dies 15 Jahre später mit ihrer Theorie der "Schweigespirale" zu erklären, bei der auch die Macht der Medien eine Rolle spielte.

Noelle-Neumann arbeitete in der Nazi-Zeit selbst als Journalistin. Doch in ihrer eigenen Autobiografie beschreibt sie sich als unpolitisch. Ihre Zeit im Internat von Salem am Bodensee habe dazu geführt, "dass ich mich von den Nazis fernhielt, mich aus ihren Angelegenheiten heraushielt und so wenig wie möglich mitmachte".

Das sahen Kritiker anders. Denn Noelle-Neumann war Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen und arbeitete auch für die NS-Zeitung "Das Reich". In den 70er, 80er und 90er Jahren gab es deshalb wiederholt Anlass für Kontroversen über ihre Rolle in der NS-Zeit.

In der Bundesrepublik hing Noelle-Neumann das Image der "Haus-Demoskopin" der CDU an - wogegen sie sich stets gewehrt hatte. Zu Alt-Kanzler Helmut Kohl hatte sie aber unbestritten ein gutes Verhältnis. Er gehörte zu ihren engsten Freunden und unterstützte sie auch bei ihrer Uni-Karriere in Mainz kräftig. Noelle-Neumann war zudem Beraterin Konrad Adenauers und verehrte Ludwig Erhard.

Den von links einsetzenden Wertewandel und dessen Theoretiker in der Frankfurter Schule attackierte sie entschieden: "Es gibt wenige Menschen, die ich so verabscheue, wie ich Adorno verabscheut habe", sagte sie einmal.

Kanzlerin würdigt die Verstorbene

Die Zukunft ihres Lebenswerkes sicherte Noelle-Neumann rechtzeitig. Um das Allensbach-Institut als unabhängiges, wissenschaftliches Institut zu bewahren, wurde es 1996 in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht. Das Institut hat heute 95 feste Mitarbeiter und rund 2000 nebenberufliche Interviewer.

Privat fand die Wissenschaftlerin nach dem Tod ihres ersten Mannes ein neues Glück. Seit 1979 war sie mit dem Kernphysiker Heinz Maier-Leibnitz verheiratet. Er starb im Dezember 2000.

In ihren 2006 erschienenen "Erinnerungen" wird deutlich, dass Noelle-Neumann unter massiver Kritik von Seiten der Studenten wie der Medien gelitten hat. Doch sie hat sich auch stets als Außenseiterin gefühlt. "Wissenschaftler müssen - genau wie Künstler - unbedingt ertragen können, Außenseiter zu sein", sagte sie.

Noelle-Neumann erfuhr aber auch viel Anerkennung, was zahlreiche Auszeichnungen belegen. Und Kanzlerin Angela Merkel würdigte die Verstorbene als treibende Kraft der Demoskopie in Deutschland. Noelle-Neumann habe stets den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt, sagte Merkel. "Dieser Blick hat geholfen, die Werte und Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger in unserem Land besser zu verstehen."

mmq/dpa/apn



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