"Alternative für Deutschland" Partei der Besserwisser

Am Wochenende feiert die "Alternative für Deutschland" in Berlin ihren Gründungsparteitag. Die Euphorie in den Reihen der Anti-Euro-Partei ist groß. Mitbegründer Bernd Lucke glaubt fest an den Einzug in den Bundestag und hofft sogar auf ein zweistelliges Ergebnis.

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dapd

Berlin - Ein bisschen Dramatik muss sein. Auf ihrer Facebook-Seite zählt die "Alternative für Deutschland" (AfD) die Zeit bis zum Gründungsparteitag herunter. Noch fünf Tage, noch vier, noch drei, dazu immer einen knackigen Slogan wie: "Klartext statt B€ruhigungspillen." So geht das bis zum Sonntag, dann wird im Berliner Interconti-Hotel die neue Anti-Euro-Partei offiziell aus der Taufe gehoben. "Es herrscht große Aufbruchstimmung", sagt Bernd Lucke, 50, Mitbegründer und wahrscheinlich erster Bundeschef der AfD.

Die "Alternative für Deutschland" will bei der Bundestagswahl im September das traditionelle Parteienspektrum aufmischen - mit einer zentralen Botschaft: "Schluss mit diesem Euro!" Die AfD fordert die "geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes". Zurück zur D-Mark? "Eine Option", nennt Lucke diesen Weg. Zwar finden sich im noch schmalen Wahlprogramm auch der Ruf nach Volksabstimmungen oder einem einfacheren Steuerrecht. Doch punkten will man vor allem mit dem Nein zur Gemeinschaftswährung. "Der Euro spaltet Europa", sagt der Parteigründer, der im normalen Leben als Wirtschaftsprofessor an der Uni Hamburg lehrt. Er glaubt: "Die friedliche Einigung Europas bedarf keiner gemeinsamen Währung."

Die AfD will die Alternative sein für die angeblich alternativlose Euro-Rettungspolitik Angela Merkels. Von Rettungsschirmen und Hilfspaketen hält man nichts, man glaubt, einen besseren Weg aus der Krise zu kennen. Auch wenn das Austrittsszenario vage bleibt, die Schelte am Kurs der Kanzlerin stößt auf fruchtbaren Boden. In den vergangenen Wochen hat die AfD Tausende Mitglieder gewonnen, mehr als 7000 sollen es schon sein, überall formieren sich derzeit Landesverbände. Zum Parteitag werden rund 1300 Anhänger erwartet. Mehr gehen nicht rein in den Saal.

Ganz unglücklich ist die AfD darüber wohl nicht. Schon jetzt ist kaum zu kontrollieren, wer da alles erscheinen wird. Es gebe aber keine Hinweise, dass rechtsradikale Kreise eine Bühne suchen würden, sagt Lucke. Seit Wochen schon versucht sich die AfD gegen den Vorwurf zu wehren, mit ihrer Euro-Kritik auch Rechtspopulisten oder gar Rechtsradikale anzuziehen.

Schwierige Abgrenzung nach rechts

Kein leichtes Unterfangen, die Übergänge sind oft fließend. Man prüfe jedes Neumitglied auf eine mögliche Rechtsaußen-Vergangenheit, beteuert die AfD. Gleichzeitig ist auf der Facebook-Seite in offiziellen Einträgen auch von "Staatsmedien", "Blockparteien" und "Multi-Kulti-Umerziehung" die Rede - ein Vokabular, wie es auch Rechtsextremisten gerne zur Feindbild-Pflege benutzen. Kein Wunder, dass die NPD die AfD für ihre "wichtige Eisbrecher- und Türöffner-Funktion für die nationaldemokratische Euro- und EU-Kritik" lobt. "Das ist Beifall von der falschen Seite", sagt Lucke, rechtfertigt die Facebook-Wortwahl aber mit Meinungsfreiheit. Man dürfe sich auch mal "mit kräftigen Worten" Luft machen. "Das bedeutet aber nicht, dass das Parteipositionen sind." Manches im Netz wird später daher vorsichtshalber geglättet.

Die AfD bezeichnet sich selbst als unideologisch. Lucke war 33 Jahre lang Mitglied der CDU, 2011 trat er aus. Er ist nicht der einzige enttäuschte Christdemokrat, der sich der AfD angeschlossen hat. Mehr als 700 Mitglieder hätten früher ein Parteibuch von CDU und CSU gehabt, heißt es, Hunderte sollen einst in der FDP gewesen sein. Die Unterstützerliste im Internet liest sich mit all den Professoren- und Doktortiteln wie das Namensverzeichnis einer deutschen Hochschule.

Bürgerliches Milieu also, und vor allem dort könnte die AfD wildern. Offiziell wollen die Parteiführungen von Union und FDP von Nervosität nichts wissen, die Umfragewerte geben derzeit auch keinen Anlass dazu. Aber man beobachtet die Entwicklung der AfD genau. Mehrere Spitzenkräfte warnten bereits öffentlich vor den Slogans der Euro-Skeptiker. "Ich freue mich, wenn sich die anderen Parteien wegen uns Sorgen machen", sagt Lucke.

Ob es wirklich Grund zur Unruhe für die Bürgerlichen gibt, darüber sind sich die Wahlforscher nicht einig. Infratest dimap ermittelte, dass sich immerhin 24 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen könnten, der AfD im Herbst ihre Stimme zu geben. Allerdings sind darunter Anhänger aller Parteien, zudem sagt dieses Potential nichts über das tatsächliche Verhalten am Wahltag aus. Auch ergab eine Forsa-Umfrage, dass die Menschen die D-Mark-Nostalgie längst abgelegt haben. Nur 27 Prozent hängen demnach der alten Währung nach.

Den Sprung über die Fünfprozenthürde trauen der AfD bei der Bundestagswahl derzeit die wenigsten Demoskopen zu. Allerdings wird in diesen Tagen auch gerne darauf verwiesen, dass bei knappem Wahlausgang schon wenige Abwanderer für Schwarz-Gelb gefährlich werden können. In Niedersachsen fehlten 335 Stimmen zum Machterhalt, während die ebenfalls Euro-kritischen Freien Wähler rund 39.000 Stimmen holten - unterstützt von Lucke und seiner "Alternative für Deutschland".

Doch mit der Euphorie wachsen auch die Ansprüche. Die Zusammenarbeit mit den Freien Wählern hat Lucke aufgekündigt, im Herbst will er mit seiner "Alternative" mehr als die 1,1 Prozent von Niedersachsen schaffen. Deutlich mehr. Er neige normalerweise nicht zu übertriebenem Optimismus, sagt der Parteigründer. Er sei aber sehr zuversichtlich, dass die AfD in den Bundestag einziehe. "Ob wir sogar über zehn oder 15 Prozent liegen, da will ich keine Prognose abgeben."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 776 Beiträge
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Seite 1
trick66 11.04.2013
1. Gruselkabinett
Mit der Fotostrecke hat SPON die Chancen der AfD sicher nicht befördert...
mneisen 11.04.2013
2.
Klar - eine Partei, die gegen das geheiligte europäische Einigungsprojekt und insbesondere gegen den Friedensstifter gemeinsame Währung eingestellt ist, kann vor dem kritischen Blick der Spiegel-"Journalisten" nicht bestehen. Was wäre eigentlich, wenn eine Partei, die sich hauptsächlich aus Fachleuten auf dem Gebiet der Ökonomie zusammensetzt, tatsächlich besser Bescheid weiß über Dinge wie Währungs- und Wirtschaftspolitik?
lebenslang 11.04.2013
3. möglich
möglich das alle parteien federn lassen müssen, denn menschen die den euro ablehnen gibt es auch bei der SPD und den linken. alles in allem eine bereicherung für die demokratie wie auch die piraten (die sich leider selbst zerlegt haben).
okokberlin 11.04.2013
4.
lieber besserwisser als inkompenz ala cdu/fdp/spd/grün und deren gemeinsames dilettantisches handeln und mrd versenken. meine stimme hat diese neue partei schon jetzt.
gefaber 11.04.2013
5. Rechtsabzwacker
Schöne Sache, endlich mal eine Partei, die der CDU auch ein paar Stimmen von rechts abzwackt. Dann könnte es ja doch was werden mit dem Regierungswechsel.
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