Grüne 2009 Partei der Selbstbetrüger

Spitzensteuern, Mindestlöhne, mehr Arbeitslosengeld: Die Grünen schreiben rigorose Forderungen in ihr Wahlprogramm. Dabei ticken die Anhänger der Partei in Wahrheit ganz anders. Viele sind saturiert, antiradikal - fast so spießig wie jener Helmut Kohl, den sie einst bekämpften.

Von Franz Walter


Es geht recht radikal zu im Entwurf des grünen Wahlprogramms, der am Wochenende im Berliner Velodrom auf einer Bundesdelegiertenkonferenz der Ökopartei verhandelt wird. Selbst Oskar Lafontaine, der laute Propagandist des politischen Generalstreiks, fand lobende Worte.

Parteichefs Özdemir und Roth: Wollen die Wähler überhaupt das, was die Grünen in ihr Programm geschrieben haben?
DPA

Parteichefs Özdemir und Roth: Wollen die Wähler überhaupt das, was die Grünen in ihr Programm geschrieben haben?

Denn die Grünen versprechen das Arbeitslosengeld II zu erhöhen, die Bürgerversicherung einzuführen, Mindestlöhne zu generalisieren, beim Spitzensteuersatz zuzulegen - überhaupt die großen Vermögen stärker heranzuziehen zur Finanzierung eines gigantisches Investitionsprogramm für Bildung und Ökologie.

Man spricht in den Reihen der Ökopartei derzeit gern von "Grün pur", will bewusst - es gehe doch alleine um Inhalte - nicht über Koalitionen reden, wenngleich das den Spitzenleuten zunehmend schlechter gelingt. Entscheidend jedenfalls sei, so Spitzenkandidat Jürgen Trittin mit rhetorischer Inbrunst, der "ökologisch-soziale Politikwechsel".

Nun fragt sich der eine oder andere, warum man mit all dem nicht ernst gemacht hat, als die Gelegenheit bereits da und zudem machtpolitisch äußerst günstig war - während der rot-grünen Regierungsjahre nach 1998.

Warum soll 2009 unter der vermutlich einzig für die Grünen realistischen Koalitionsregierung Rot-Gelb-Grün bei denkbar ungünstigsten Etatbedingungen das möglich sein, was unter Schröder/Fischer aus vermeintlichen Sachzwangsgründen nicht machbar war?

Und außerdem: Wollen die grünen Wähler wirklich und überhaupt das, was die grünen Politiker als wünschenswerte Politik in ihr Wahlprogramm hineingeschrieben haben?

Gewiss, es ist nicht einfach für politische Aktivisten der Ökopartei. Die Anhängerschaft der Grünen lebt unzweifelhaft in einer Art stetem Selbstbetrug. Seit Jahren zeigen etliche Erhebungen, dass die postmaterialistischen Menschen der Republik im Grunde vollauf zufrieden sind mit den Verhältnissen, ihren eigenen gegenwärtigen Lebensumständen, ihren weiten Zukunftsaussichten.

So zufrieden wie die grüne Klientel ist kein Milieu sonst in Deutschland.

Das ist ja auch ganz verständlich. Etliche sind verbeamtet. Das Einkommen ist ordentlich, nicht selten besser als ordentlich. Die Berufe sind meist interessant und selbstbestimmt. Der durchschnittliche Grünen-Anhänger hat wenig Grund zu klagen. Und er tut es auch nicht mehr.

Blickt er zurück, distanziert er sich ein wenig ironisch von den radikalen Flausen der achtziger Jahre, von den eigenen Flegeljahren des fundamentalistischen Protests. Aber er möchte das von anderen, gar Nachgeborenen keineswegs denunziert wissen.

Damals, so pflegt er (oder natürlich auch und erst sie) dann trotzig zu sagen, habe man wenigstens noch Ziele verfolgt, Ideale besessen, für eine Vision gekämpft. Jetzt aber - man geht schließlich auf die 50 und weiter zu - im fortgeschrittenen Alter, mit allerlei Zipperlein, sei man einfach gesetzter und ruhiger geworden. Aber auch vernünftiger!

Früher war alles schwarz oder weiß. Jetzt ist es überwiegend grau.

Geben sich Demoskopen und Sozialforscher auf Erhebungsreisen in die verschiedenen Lebenswelten der Republik und landen dann bei den Sympathisanten der Grünen, so machen sie die immergleiche Erfahrung: Deren Anhänger entscheiden sich bei der Beantwortung der vorgelegten Fragen nicht gern für "stimme voll zu" oder "stimme gar nicht zu". Sie lieben mehr als alle anderen Bevölkerungsteile die Antwort "teils-teils".

Der Durchschnittsgrüne möchte es nicht mehr so radikal, so extrem. Er hält es jetzt wie diejenigen Bürger, die er vor 25 Jahren noch verächtlich als Spießer belächelt hat, lieber mit Maß und Mitte. Ganz bösartig ausgedrückt: Der gemeine Grüne ähnelt Helmut Kohl immer mehr. Jedenfalls will der durchschnittliche Wähler dieser Partei gar keinen grundlegenden ökologisch-sozialen Wechsel in der deutschen Gesellschaft.

Schon 2004, als die Republik in Düsternis und Protest über und gegen die Agenda-Reformen verfiel, war nur eine einzige Lebenswelt ganz überwiegend zufrieden mit der eigenen Partei, mit den Leistungen der Regierung und natürlich mit den sonst höchst umstrittenen Sozialreformen des Schröder-Kabinetts - die grüne.

Allerdings hüteten sich die Anführer der Grünen, diese Ergebnisse einer durchaus aufwendigen regierungsamtlichen Expertise kund zu tun. Ein bisschen peinlich war es ihnen schon, wie saturiert sich der eigene Anhang mittlerweile gerierte.

Doch hat sich der Trend seither nicht umgekehrt. Im Gegenteil. Auch das belegen zahllose Erhebungen. Gäbe es etwa eine Direktwahl, dann hätte der Kandidat der Sozialdemokraten für das Kanzleramt im grünen Milieu wohl keine Chance, sich gegen Angela Merkel durchzusetzen.

Nirgendwo sonst ist außerdem der Vorbehalt gegen einen weiteren Ausbau der sozialen Rechte für die unteren Schichten so groß wie bei den Postmateriellen. Selbst im Anhang von Westerwelle ist der Argwohn gegen zunehmende Sozialstaatlichkeit nicht so ausgeprägt wie hier. In der Skepsis gegen staatliches Engagement in privaten Unternehmen steht die grüne Klientel ganz in der Reihe mit Schwarzen und Gelben - und ist weit von Rot-Rot entfernt.

Und der Anteil von Skeptikern gegen einen staatlich begründeten Mindestlohn ist im Grünen-Anhang exakt so hoch wie im Lager der Union. Auch in dieser Frage gibt es einen signifikanten Unterschied zu den Wählern der Sozialdemokratie und der Linken.

Im Grunde strebt das grüne Milieu im Jahr 2009 ganz gen Jamaika, wie die Koalitionsvariante mit Union und FDP ja genannt wird. Aber wahrscheinlich würden die Anhänger es den Grünen übel nehmen, wenn sie ein solches Bündnis politisch tatsächlich anstreben würden.

Denn wie gesagt: Der Selbstbetrug ist ein verstörender Wesenszug des bundesdeutschen Postmaterialismus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
Rainer Unsinn 07.05.2009
1. ...............................
Zitat von sysopSpitzensteuern, Mindestlöhne, mehr Arbeitslosengeld: Die Grünen schreiben rigorose Forderungen in ihr Wahlprogramm. Dabei ticken die Anhänger der Partei in Wahrheit ganz anders. Viele sind saturiert, anti-radikal - fast so spießig wie jener Helmut Kohl, den sie einst bekämpften. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,623422,00.html
Will der Spon uns verklickern das ein wohlhabender Mensch nicht links sein darf? Oder das ein Reicher nicht die Linke wählen darf? Das man ein Verlierer sein muss um sich für die Schwachen der Gesellschaft einzusetzen? Die Armen sind altruistisch, die Reichen zwangsläufig egoistisch weil reich? Und wenn ein Reicher sich sozial engagiert ist er ein entarteter Reicher den man am besten einweisen sollte zur Heil-Egoisiserung, oder was? Bei allem nötigen Respekt: Was auch immer für Drogen Autoren konsumieren die solche Schriften in die Welt setzen, sie sollten schnell damit aufhören, weil sie erkennbar unter exorbitantem Realitätsverlust leiden.
Der Markt, 07.05.2009
2. Heuchler
Die Grünen sind für mich von allen die allergrößten Heuchler. Der erste Krieg mit deutscher Beteiligung mit den Stimmen der Grünen, die menschenverachtenden Hartz-Gesetze mit den Stimmen der Grünen. Das überflüssige MEADS-Waffensystem mit den Stimmen der Grünen. Waffenexporte in Länder mit Kindersoldaten, mit den Grünen. Die grünen Kinderlies dann auf Privatschulen schicken, weil man ja sein Kind nicht in die Schulen steckt, in denen der Migrantenanteil bei 80 bis 90 Prozent liegt. Nee, die Grünen gehen gar nicht.
mbberlin, 07.05.2009
3. ...
Die Grünen sind seit langem unglaubwürdig und unwählbar. Das fängt bei der Agenda 2010 an, die sie maßgeblich mit auf den Weg gebracht haben. Jetzt von Erhöhung des Arbeitslosengeldes zu faseln, ist nicht nur Selbst- sondern vor allem auch Wählerbetrug. Ebenso die Forderung nach Mindestlöhnen, die ja bei der SPD auch noch 'rumgeistern. Das hätte man alles längst während Rot/Grün in Sack und Tüten bekommen können. Hamburg ... Ex-Jugoslavien ... der "flüchtige", selbstherrliche Ex-Außenminister ... Keine Alternative zu den anderen "Volkparteien", nicht mal mehr beim Kernthema Umweltschutz.
M. Oron 07.05.2009
4. Er hat ja teils/teils recht ...
Jetzt musste ich schon in mich gehen ... gehe auf die 50 zu, selbstbestimmter Job ... bla bla bla ... passt scho´ Heute sehe ich vielliecht alles realistisch grauer, aber die alten Ziele Umweltschutz, nachhaltiges Wirtschaften, Basisdemokratie, ... das wünsche ich mir noch immer. Netter Versuch einer Analyse und probieren wir es mal mit Jamaika :-)
Westpol 07.05.2009
5. genauer lesen, rainer unsinn
Zitat von Rainer UnsinnWill der Spon uns verklickern das ein wohlhabender Mensch nicht links sein darf? Oder das ein Reicher nicht die Linke wählen darf? Das man ein Verlierer sein muss um sich für die Schwachen der Gesellschaft einzusetzen? Die Armen sind altruistisch, die Reichen zwangsläufig egoistisch weil reich? Und wenn ein Reicher sich sozial engagiert ist er ein entarteter Reicher den man am besten einweisen sollte zur Heil-Egoisiserung, oder was? Bei allem nötigen Respekt: Was auch immer für Drogen Autoren konsumieren die solche Schriften in die Welt setzen, sie sollten schnell damit aufhören, weil sie erkennbar unter exorbitantem Realitätsverlust leiden.
natürlich darf ein wohlhabender mensch links sein, gibt es ja auch immer wieder s. lafontaine und peters - keiner regt sich darüber auf. nur vertreten die grünen-wähler eben keine linken positionen wie die zitierten meinungsumfragen belegen. es geht bei der stimmabgabe wohl vielmehr um ein diffuses gewissenberuhigungsmoment der saturierten postmaterialisten. mehr helfen würde der gesellschaft persönliches, bürgerschaftliches engagement im ehrenamt - wie beispielsweise nicht zuletzt von den ja so unsozialen liberalen immer wieder gefordert.
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