Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Grüne als Lobbyisten: Erst Bio, dann Bimbes

Von Gerd Langguth

Die Grünen geben sich gerne kritisch gegenüber Lobbyisten. Wenn aber Politiker der Ökopartei neue Karrierewege gehen, suchen auch sie sich gutdotierte Posten bei Interessenvertretern. Vom Abgeordneten zum Freund der Industrie? Für manche Grüne kein Problem.

Grüne und Lobbyismus: Lockruf des Geldes Fotos
MARCO-URBAN.DE

Die Grünen sahen sich einst als "Anti-Parteien-Partei" - das war noch, als sie klein und durch die Fünfprozenthürde gefährdet waren. Inzwischen haben sie einige Jahrzehnte Überlebenstraining hinter sich - und sie haben viel politisches Personal verschlissen, das nicht mehr auf die Hinterbänke der Gesellschaft zurückkehren will. Nicht jeder schafft es, wie Jürgen Trittin quasi lebenslang Politik zu machen. Denn wichtige Funktionsträger werden auch bei den Grünen entweder nicht mehr aufgestellt oder müssen sich aus dem Politbetrieb verabschieden.

Manche wechseln als Lobbyisten die Seite. Das ist umso bemerkenswerter, als es keine Partei gibt, die so wie die Grünen den Lobbyismus bekämpft.

In einem Beschlussantrag zur ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen vom November 2008 wird zwar einerseits der Lobbyismus gerechtfertigt: "Andererseits gehört die Organisation von Interessen zur Demokratie." Der Austausch von Meinungen sei Kernbestandteil einer pluralistischen Gesellschaft. Aber die Grünen mahnen offiziell:

"Findet dieser Austausch zwischen der Politik und Vertreterinnen und Vertretern von Interessengruppen statt, muss er für die Öffentlichkeit jedoch transparent sein."

Sie konstatieren, dass der Einfluss von Lobbyisten auf die politischen Entscheidungsprozesse in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Einer Entmündigung der Parlamente würde dadurch Vorschub geleistet.

"Mit ganzen Stäben von hochqualifizierten Fachleuten ausgestattet, gewinnen Vertreterinnen und Vertreter von Einzelinteressen mehr und mehr Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren und Entscheidungsprozesse in Parlament und Regierung."

Wie sieht die grüne Realität aus?

Viele Funktionsträger der Grünen, die nicht ein Leben lang dem Parlament angehören können, halten nach einer lukrativen Alternative zu einem Parlamentsmandat Ausschau - und viele wurden fündig. Die Grünen werden daher den älteren Parteien immer ähnlicher. Zahlreiche Beispiele können das belegen:

  • Ein besonders einflussreicher Lobbyist sitzt für die Grünen im Parlament: Hans-Josef Fell, gelegentlich als "Mister Sunshine" bezeichnet. Offensichtlich gehört bei den Grünen die Förderung von Solarenergie zum Bereich des "guten Lobbyismus". Dass es sich hier aber um eine Branche handelt, mit der sehr viel Geld verdient werden kann, wird dabei meistens übersehen. Fell ist seit 2005 für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Sprecher für Energiepolitik. Er gilt neben dem verstorbenen SPD-Abgeordneten Hermann Scheer als ein Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Fell verband seine privilegierte Aufgabe als Parlamentarier mit seinem Engagement als stellvertretender Sprecher des Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solarinitiativen und bis vor kurzem als Vizepräsident von Eurosolar. Allerdings legt Herr Fell Wert auf die Feststellung, dass sein Engagement ehrenamtlich erfolgt, also ohne Bezahlung.
  • Nächstes Beispiel: Gunda Röstel , im Dezember 1996 zur Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen gewählt, hat sich vollständig aus der Politik zurückgezogen und diente sich der Wirtschaft an. Im Oktober 2000 wurde sie Managerin für Projektentwicklung und Unternehmensstrategie bei Gelsenwasser AG, damals ein Tochterunternehmen von E.on. Seit Juli 2004 ist sie kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH. Außerdem soll jetzt die frühere Bundesvorsitzende der Grünen in den Aufsichtsrat des bislang stark auf Atomenergie setzenden baden-württembergischen Versorgers EnBW einziehen, nominiert allerdings durch die baden-württembergischen Grünen. Es heißt, dass Röstel sich seinerzeit gerne von der grünen Politik verabschiedete, fühlte sich doch die sensible Ostdeutsche von dem sehr politikerfahrenen "Macho" und informellen Parteivorsitzenden Joseph ("Joschka") Fischer kujoniert.

  • Apropos EnBW: Der frühere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Rezzo Schlauch, war später unter anderem Mitglied des Beirats von EnBW. Der populäre baden-württembergische Politiker gehörte damit einem Beirat aus 37 Personen an. Es fällt auf, dass sich unter den Energieunternehmen nicht nur EnBW des Rats von Ex-Politikern bedient. Energieunternehmen umgeben sich wegen der starken Abhängigkeit von Entscheidungen der Politik gerne mit ehemaligen Politikern aller Couleur.
  • Matthias Berninger , ehemaliger Staatssekretär für Verbraucherschutz, wechselte ebenfalls die Seiten und ging zum Schokoriegelfabrikanten Mars. Unter der Verbraucherschutzministerin Renate Künast war er zuständig für Kampagnen gegen dicke Kinder und prügelte deshalb die Ernährungsindustrie. Im Februar 2007 wechselte er zur Europazentrale des US-Nahrungsmittelherstellers Mars - als Director Corporate Health and Nutrition.
  • Keine Partei kämpft aggressiver gegen das Rauchen als die Grünen. Doch das hinderte die Ex-Bundestagsabgeordnete Marianne Tritz nicht daran, Geschäftsführerin des Deutschen Zigarettenverbands (DZV) zu werden. Ihre Hauptaufgabe: das Aufpolieren des Images des Tabakgenusses. Tritz wechselte unmittelbar aus dem Büro des Grünen-Fraktionschefs Fritz Kuhn in die Zigarettenindustrie.

Der schnöde Mammon

Auch der einstige grüne Spitzenmann Joschka Fischer - für einige Zeit lehrend in den USA tätig - ist unter die Lobbyisten gegangen. Er arbeitet für den Handelsmittelkonzern Rewe und in Konkurrenz zum Lobbyisten Gerhard Schröder, der sich für die Gaspipeline Nord Stream einsetzt. Fischer wirbt für die alternative Route der Nabucco-Pipeline über die Türkei und durch Rumänien, Bulgarien und Ungarn nach Österreich.

Die Industrie hat früh erkannt, wie wichtig gut vernetzte grüne Politiker sind, um für sie Lobbyismus zu betreiben. Dabei setzt die Industrie darauf, dass sich grüne Funktionsträger mit viel "Bimbes" (Ausdruck von Helmut Kohl für Geld) auch dann gewinnen lassen, wenn sie einst für diametral entgegengesetzte Zielsetzungen standen.

Auch Grüne sind nicht mehr unbedingt immun gegen den schnöden Mammon.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell sei Vize-Präsident von Eurosolar. Tatsächlich hat Fell seinen Engagement bei der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien e. V. im April beendet. Außerdem hieß es, Jens Katzek sei Mitglied der Grünen gewesen. Er war jedoch Mitglied beim BUND. Wir haben die Fehler korrigiert und bitten, sie zu entschuldigen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
shokaku 16.05.2011
Aber aber, das ist doch positiver Lobbyismus. Für einen Politiker ist halt keine Ausrede zu billig, wenn es darum geht die eigenen Taschen zu füllen. Da bilden selbstverständlich auch die Grünen keine Ausnahme.
2. Macht korrumpiert
bluearoma 16.05.2011
auch die Grünen, denn das sind auch nur Menschen..
3. und...
fritz_64 16.05.2011
was soll uns dieser Bericht sagen. Das die Grünen mittlerweile eine etablierte Partei sind, die sich den Bundesdeutschen Gegebenheiten auf das beste angepasst hat? Genau so ist es, eigentlich kein Unterschied zum alt hergebrachten, hoffentlich mit ein wenig mehr schlechten Gewissen dem Wähler gegenüber als CDU/SPD/FDP...die neue MITTE eben!
4. Geld regiert die Welt
micheldeutsch 16.05.2011
Zitat von sysopDie Grünen geben sich gerne kritisch gegenüber Lobbyisten. Wenn aber Politiker der*Öko-Partei neue Karrierewege gehen, suchen sie sich häufig gut dotierte Posten bei Interessenvertretern. Vom Abgeordneten und BUND-Mitglied zum Freund der Chemieindustrie? Für*Grüne*kein Problem. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,758986,00.html
Trotz aller Anstrengungen sich über alles erhaben zu fühlen, sind sie (die Grünen) auch nur Menschen. Das gilt ebenso für die Linken.
5. Tja, alles Homo sapiens eben ...
fernossi 16.05.2011
Warum sollen die Gruenen anders sein als die anderen Parteien. Der Waehler ist selbst schuld, wenn er unreale Wuensche in die Dagegen-Partei projiziert. Dass die Gruenen dem nicht widersprechen, sondern dieses Sauber-Image fuer sich ausnutzen und wider besseres Wissen vielleicht auch noch auszubauen versuchen, ist Ihnen nicht einmal vorzuwerfen. Da alle im Glashaus sitzen, waere es dennoch ganz angenehm, wenn nicht mehr so viele Steine fliegen und die Bevoelkerung fuer bloed verkauft wird.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Das ist der 17. Deutsche Bundestag
Namen, Sitze, Machtverhältnisse: SPIEGEL ONLINE zeigt den Bundestag im Überblick

Fotostrecke
30 Jahre Grüne: Bärte, Blumen, Turnschuh-Eid
Zum Autor
DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestages und des CDU-Parteivorstandes. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.

Die Geschichte der Grünen
7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft
Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.
13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei
In Karlsruhe wird am 13. Januar 1980 die neue Bundespartei unter dem Namen "Die Grünen" gegründet. Die erste Bundesversammlung der Partei in Saarbrücken bestimmt das Führungstrio August Haußleiter, Petra Kelly und Norbert Mann als "Parteisprecher". In der Präambel zum ersten Programm heißt es: "Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien. … Wir verstehen uns als Teil der grünen Bewegung in aller Welt." Zentrales Thema der Grünen wird die Umwelt - ein Feld, das die deutsche Politik bislang kaum beachtet hat: "Die in Bonn etablierten Parteien verhalten sich, als sei auf dem endlichen Planeten Erde eine unendliche industrielle Produktionssteigerung möglich. Dadurch führen sie uns nach eigener Aussage vor die ausweglose Entscheidung zwischen Atomstaat oder Atomkrieg, zwischen Harrisburg oder Hiroshima. Die ökologische Weltkrise verschärft sich von Tag zu Tag: Die Rohstoffe verknappen sich, Giftskandal reiht sich an Giftskandal, Tiergattungen werden ausgerottet, Pflanzenarten sterben aus, Flüsse und Weltmeere verwandeln sich in Kloaken, der Mensch droht inmitten einer späten Industrie und Konsumgesellschaft geistig und seelisch zu verkümmern, wir bürden den nachfolgenden Generationen eine unheimliche Erbschaft auf. Die Zerstörung der Lebens- und Arbeitsgrundlagen und der Abbau demokratischer Rechte haben ein so bedrohliches Ausmaß erreicht, dass es einer grundlegenden Alternative für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bedarf."

Unmittelbar nach der Gründung brechen heftige Kämpfe um die grundsätzliche Richtung aus; die Wertkonservativen - wie die Gruppe um den ehemaligen CDU-Abgeordneten und Schriftsteller Herbert Gruhl - ziehen sich zurück.
6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl
Mit 5,6 Prozent der Zweitstimmen und 27 Abgeordneten ziehen die Grünen in den zehnten Bundestag ein; es ist seit Jahrzehnten die erste neue politische Kraft, der das gelingt. Aber der Erfolg führt nicht zu einer Einigung in der Partei, sondern verstärkt die Flügelkämpfe zwischen Fundamentalisten - "Fundis" - und Pragmatikern - "Realos". Permanente Streitpunkte: das Rotationsprinzip für wichtige Funktionen in der Parteiführung, die Trennung von Amt und Mandat - und die Frage, wie weit man mit den etablierten Parteien zusammenarbeiten konnte und wollte. Nach der Hälfte der Legislaturperiode "rotieren" alle Angeordneten - bis auf Petra Kelly und Gert Bastian, die sich weigern, ihren Platz frei zu machen.
16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen
Der Sozialdemokrat Holger Börner gewinnt 1983 die vorgezogenen Landtagswahlen in Hessen, er ist bei der Bildung seiner Regierung aber auf die Tolerierung durch die Grünen angewiesen. Im Oktober 1985 wird diese Zusammenarbeit formalisiert - und die hessischen Grünen unter dem Realo Joschka Fischer werden offizieller Regierungspartner in der ersten rot-grünen Koalition. Bei seiner Vereidigung zum Umweltminister am 12. Dezember erschien Fischer in Jeans und Sportschuhen. Die rot-grüne Koalition zerbrach nur zwei Jahr später am Streit über Genehmigungen für das Hanauer Atomunternehmen Alkem.
25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"
Bei den Wahlen zum elften Bundestag können die Grünen ihr Ergebnis noch einmal deutlich verbessern: Unter einem von "Fundis" dominierten Vorstand - Jutta Dittfurth, Rainer Trampert und Lukas Beckmann - holen sie 8,3 Prozent der Stimmen und ziehen mit 44 Abgeordneten ins Parlament ein. Das Rotationsprinzip wird reformiert: Die Parlamentarier bleiben jetzt volle vier Jahre - dann wird gewechselt.
2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen
Auf den Fall der Mauer reagieren die Grünen mit einem Aufruf an die Bundesregierung, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen - und sie argumentieren auch in den folgenden Monaten gegen eine "Einverleibung" der DDR und einen "Vollzug der Unterwerfung" oder "Anschluss". In den Bundestagswahlkampf zieht die Partei mit einer trotzigen Verfremdung eines Werbeslogans der Bahn gegen die Einheitseuphorie: "Alle Reden von Deutschland. Wir reden vom Klima". Die Wahl wird zum Debakel für die West-Grünen, sie verpassen die Fünfprozenthürde und damit den Wiedereinzug in den Bundestag. Die "Grüne Partei in der DDR" hingegen verbündet sich mit der Bürgerbewegung "Bündnis 90" und bekommt vom Verfassungsgericht einmalig eine separate Fünfprozentklausel im Osten zugestanden - zusammen schafft man 6,1 Prozent und zieht mit acht Parlamentariern in den Bundestag ein. Im Richtungsstreit, der auf die Auseinandersetzung mit dem Wahldebakel folgt, treten prominente "Fundis" aus der Partei aus - die Parteilinken Jutta Dittfurth, Thomas Ebermann und Rainer Trampert.
14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90
Es ist eine Fusion in drei Etappen: Unmittelbar nach der Bundestagswahl 1990 tun sich Grüne in Ost und West zusammen; dann vereinigen sich Teile der vormaligen DDR-Bürgerbewegungen "Neues Forum", "Initiative Frieden und Menschenrechte" sowie "Demokratie Jetzt" zur Partei "Bündnis 90"; im Mai 1993 schließlich gehen Grüne und Bürgerbewegte in der Formation "Bündnis 90/Die Grünen" zusammen.
27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland
So deutlich war die Wechselstimmung noch nie: Erstmals wird bei einer Bundestagwahl eine Regierung komplett abgewählt - CDU und FDP. Die SPD holt mit ihrem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder 40,9 Prozent der Stimmen, Bündnis 90/Die Grünen erreichen 6,6 Prozent. Das reicht für die erste rot-grüne Koalition im Bund. Im Kabinett sitzen drei grüne Minister: Joschka Fischer wird Außenminister, Andrea Fischer übernimmt das Gesundheitsressort, und Jürgen Trittin tritt als Umweltminister an. Gemeinsam mit der SPD wird der mittelfristige Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und eine Ökosteuer eingeführt.

Der Nato-Einsatz in Serbien stellt das Bündnis auf eine harte Probe. Beim Sonderparteitag der Grünen im Mai 1999 wird das Spitzenpersonal wüst beschimpft, Joschka Fischer wird von einem Farbbeutel getroffen und am Ohr verletzt. Aber er kämpft für eine Fortsetzung der Luftangriffe gegen Milosevic: "Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung der Angriffe für das grundfalsche Signal. (...) Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt, damit das klar ist!"
22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm
Im März 2002 erteilt die Bundesdelegiertenkonferenz in Berlin dem neuen Grundsatzprogramm den Segen. Titel: "Die Zukunft ist grün." Die wesentlichen Unterschiede zum "Saarbrücker Programm" beschreiben die Grünen so: "Inzwischen sind wir nicht mehr Anti-Parteien-Partei, sondern die Alternative im Parteiensystem. Die entscheidende Veränderung war, dass wir uns zu einer Reformpartei entwickeln wollten und mussten, um erfolgreich zu bleiben. Unsere politischen Visionen und Ziele wollen wir heute durch eine langfristig angelegte Reformstrategie erreichen." Die neue Richtung kommt beim Wähler an; bei der Bundestagswahl am 22. September erreichen die Grünen 8,6 Prozent - und gleichen so die starken Verluste der SPD aus. Rot-Grün geht wichtige Reformprojekte an, büßt aber im Bundesrat die Mehrheit ein und hat danach nur noch geringen Gestaltungsspielraum.
18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts
Mit der vorgezogenen Bundestagswahl verlor die bisherige Regierung ihre Mehrheit - und während sich die SPD in die Große Koalition retten konnte, stürzten die Grünen in die Opposition ab. Der bisherige Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer - heimlicher Herrscher der Partei - kündigte rasch seinen kompletten Rückzug aus der Politik an, während andere rot-grüne Ex-Minister weiter machten. Renate Künast, zuvor zuständig für das Verbraucherschutzministerium, wurde gemeinsam mit Fritz Kuhn neue Fraktionschefin im Bundestag, der bisherige Umweltminister Jürgen Trittin zu einem ihrer Stellvertreter gewählt.
15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus
Auf dem Bundesparteitag in Göttingen verabschieden sich die Grünen endgültig vom außenpolitischen Pragmatismus der Regierungsjahre. Das klare Nein der Delegierten gegen den kombinierten Antrag des Vorstands, der Verlängerung des Isaf- und des "Tornado"-Mandats in Afghanistan zuzustimmen, ist eine Ohrfeige für Künast, Kuhn und Co. Gleichzeitig genießt die Basis mit dieser Entscheidung, dass sie nach den vielen außenpolitischen Kompromissen der rot-grünen Ära fürs Erste keine Rücksicht mehr nehmen muss.
17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün
Es war ein langer Weg der Hamburger Grünen, von den fundamentaloppositionellen Anfangstagen bis ins Frühjahr 2008 - der an einem sonnigen Apriltag mit der Unterzeichnung des bundesweit ersten schwarz-grünen Koalitionsvertrags endete. Dass es selbst mit der verhältnismäßig liberalen Hamburger CDU unter Bürgermeister Ole von Beust nicht leicht für die Grünen wird, zeigt sich bald: Der Bau des von den Grünen bekämpften Kohlekraftwerks in Moorburg lässt sich nicht mehr aufhalten. Inzwischen droht ein weiteres Grünen-Projekt zu scheitern - und damit möglicherweise auch die Koalition: Die Schulpolitik von Bildungssenatorin Christa Goetsch stößt in der Stadt auf heftigen Widerstand. Das längere gemeinsame Lernen aller Kinder wird für Schwarz-Grün in Hamburg zur Bewährungsprobe. Im August 2010 tritt CDU-Bürgermeister Ole von Beust zurück, im November zerbricht die Koalition.
5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor
Wochenlang war es hin- und hergegangen, SPD und CDU warben im Saarland um die Gunst der Grünen - am Ende entschied sich die Partei mit ihrem Vorsitzenden Hubert Ulrich für ein Jamaika-Bündnis. Die Koalition mit CDU und FDP ist die erste dieser Art in Deutschland, von Parteilinken im Saarland wie im Rest der Republik wird sie argwöhnisch beobachtet. Rein strategisch ist es aus Grünen-Sicht ein kluger Schachzug, weil die Partei so ihre Machtoptionen verbreitert. Allerdings wäre auch ein rot-rot-grünes Bündnis eine Premiere gewesen.
28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg
Nach dem Abgang des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust schmeißt auch der Koalitionspartner hin: Am 28. November kündigen die Grünen dem neuen CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus die Gefolgschaft. Damit ist die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene vorzeitig gescheitert.
12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident
Die baden-württembergische Landtagswahl am 27. März 2011 führt zu einer kleinen politischen Revolution im Ländle - und stellt einen weiteren Meilenstein für die Grünen dar: Spitzenkandidat Winfried Kretschmann holt 24,2 Prozent der Stimmen und kann gemeinsam mit der SPD eine Koalition bilden. Am 12. Mai wird Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident im Stuttgarter Landtag vereidigt.
25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu
Dem Bundesparteiag am 25. Juni 2011 gehen wochenlange parteiinterne Debatten voran - doch am Ende ist das Votum klar: Die Delegierten stimmen in Berlin mit großer Mehrheit der schwarz-gelben Atomwende in ihren Grundzügen zu.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: