Pädophilie-Debatte bei den Grünen "Wir schämen uns für dieses Versagen"

Womöglich Hunderte Jungen wurden in den Achtzigerjahren Opfer von Pädophilen, die bei den Berliner Grünen organisiert waren. Für die Bundespartei kommen die Ergebnisse einer neuen Studie äußerst ungelegen.

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Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe (1980): "Sozial, gewaltfrei"
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Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe (1980): "Sozial, gewaltfrei"


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Der Freizeitladen "Falckenstein-Keller" im Berliner Stadtteil Kreuzberg war unscheinbar. Doch hier trafen sich in den Achtzigerjahren viele Pädophile der Metropole, unter ihnen: Mitglieder der "Alternativen Liste" - so nannte sich der Berliner Landesverband der Grünen in seinen ersten Jahren.

Der "Falckenstein-Keller" war einer der Orte, in denen Mitglieder der Grünen in den ersten Jahren der Partei Kinder missbrauchten. Diese Vergangenheit holt die Partei jetzt ein: Eine von den Berliner Grünen eingesetzte Kommission beschreibt in einem Bericht, wie die Täter in der Berliner Pädophilenszene vernetzt waren. Womöglich wurden Hunderte Jungen zu ihren Opfern.

Schon die Studie des Göttinger Politologen Franz Walter über den Einfluss von Pädophilen in der Gründungsphase der Grünen hatte die Partei in den vergangenen Jahren erschüttert. Der jetzt veröffentlichte Bericht, für den auch Historiker in Archiven forschten, schockiert wegen neuer Details und erschütternder Interviews mit Zeitzeugen.

Im Zentrum der Studie stehen zwei Parteimitglieder: Fred Karst und Dieter Ullmann sollen seit den frühen Achtzigern etliche Kinder missbraucht haben - vor allem aus "sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen". Der mehrfach wegen Kindesmissbrauchs verurteile Karst, der regelmäßig im "Falckenstein-Keller" zu Gast war, gründete auch die Grünen-AG "Jung und Alt".

"Diese Blindheit macht mich fassungslos"

Diese Arbeitsgemeinschaft war ein Treffpunkt für Pädophile, die dort unter anderem "Butterfahrten" für Jungen anboten - und sich an ihnen vergingen. Die Gruppe gehörte zum "Schwulenbereich" des Landesverbands und war daher eine offizielle Gliederung der Partei. "Wir schämen uns für das institutionelle Versagen unserer Partei", sagte Landeschefin Bettina Jarasch. "Diese Blindheit für den Machtmissbrauch macht mich bis heute fassungslos und wütend."

Dass es so weit kommen konnte, liegt offenbar an einer Besonderheit der Berliner Grünen. Ein sogenanntes "Minderheiten-Dogma" sicherte der AG "Jung und Alt" weitreichende Autonomie und eine Sonderregel: Meinungen, die nicht mehrheitsfähig waren, durften jahrelang dennoch im Namen der Partei verbreitet werden - auch die Auffassung, sexuelle Beziehungen zu Kindern seien legitim.

Die Bundespartei reagierte jetzt betont gelassen auf die 90-seitige Studie. Natürlich halte man an der Aufarbeitung der eigenen Geschichte fest, ließ die Bundesspitze in einer Mitteilung am Mittwoch wissen: "Wir wollen, dass die Taten aufgeklärt werden und dass das Leid der Betroffenen Anerkennung findet." Die Partei trage aber "grundsätzlich keine Verantwortung für Straftaten einzelner Parteimitglieder".

So sehen es auch die Berliner Grünen. Landeschefin Jarasch lehnte Vorwürfe gegen einzelne Parteifunktionäre ab: Das wäre "billig". "Es war ein Gesamtversagen", sagte sie weiter, die Grünen hätten "institutionell versagt".

"Anerkennungsgeld" für Opfer

Als Oppositionspartei befinden sich die Grünen gerade im Stimmungshoch, weil die BND-Spionageaffäre ihnen endlich Angriffschancen auf die Regierung bietet. Die Pädophilie-Studie kommt daher zur Unzeit, so wie schon bei den ersten Enthüllungen vor der Bundestagswahl im Herbst 2013.

Unklar bleibt wohl, wie viele Kinder in Berlin tatsächlich betroffen waren. Das Kommissionsmitglied Thomas Birk hatte im März von etwa zehn Tätern und rund tausend Opfern gesprochen, diese Schätzungen nun aber relativiert: Er habe Fallzahlen innerhalb der Berliner Pädophilen-Netzwerke hochgerechnet, an denen auch Grünen-Mitglieder beteiligt gewesen seien. Nicht alle Fälle ließen sich jedoch eindeutig den Grünen zuordnen. Die Studie nennt allein für Karst und Ullmann "eine hohe Dunkelziffer von Opfern", die Frage nach der Anzahl beteiligter Grünen-Mitglieder lässt sie völlig offen.

So bleiben viele Fragen zum Pädophilie-Kapitel bei den Grünen, das in Berlin erst 1995 endete: Damals hätten die letzten "pädosexuellen Propagandisten" die Partei verlassen, so Landeschefin Jarasch. Der inzwischen gestorbene Karst kam mit seinem Austritt einem Ausschlussverfahren zuvor, die AG "Jung und Alt" löste sich auf, auch Ullmann ist mittlerweile tot.

Den missbrauchten Jungen wollen die Grünen nach eigenen Angaben nun helfen. Bislang habe sich erst ein Opfer pädophiler Übergriffe von Parteimitgliedern gemeldet, die Grünen hoffen auf weitere Rückmeldungen über eine Anlaufstelle. Die inzwischen erwachsenen Männer sollen Jarasch zufolge zumindest ein "Anerkennungsgeld" erhalten - auf einen Betrag wollte sie sich nicht festlegen.


Zusammengefasst: Die Grünen in Berlin haben in den Achtziger- und Neunzigerjahren sexuellen Missbrauch von Kindern toleriert. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem eine "Arbeitsgemeinschaft Jung und Alt" pädophilen Parteimitglieder Zugang zu Jungen verschaffte. Der Landesverband will Opfern nun ein "Anerkennungsgeld" auszahlen.



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