Kommentar zum Abschied vom Veggie Day Freies Fressen

Die Grünen wollen sich vom "Veggie Day" verabschieden. Künftig darf jeder wieder essen, was er will. So soll es im neuen Programm stehen. Danke, liebe Grünen, das ist echt großherzig!

Abschied vom fleischlosen Tag: "Was ich esse, entscheide ich selbst"
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Abschied vom fleischlosen Tag: "Was ich esse, entscheide ich selbst"

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"Eins, zwei oder drei", so heißt eine beliebte Ratesendung für kleine Fernsehzuschauer. Moderiert wurde sie anfangs von Michael Schanze, und wenn sich seine jungen Rategäste für ihre Antwort auf eine Quizfrage entschieden hatten, stellten sie sich auf eines von drei Feldern, unter denen Leuchten angebracht waren. Schanzes wichtigster Satz in der Sendung lautete: "Ob ihr recht habt oder nicht, sagt euch gleich das Licht." Unter wem danach das Licht angeht, hat gewonnen und bricht in euphorischen Jubel aus.

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Erleuchtung bringt also Erlösung, und so hätte es die Partei der Grünen auch gern. Sie wünschen sich sehr, vom Trauma ihres Wahldebakels erlöst zu werden, und es zeigen sich erste Zeichen von Erleuchtung. In das neue Parteiprogramm soll Anfang November nämlich dieser Satz Eingang finden: "Was ich esse und was nicht, entscheide ich selbst nach meinem Geschmack."

Im vergangenen Bundestagswahlkampf trat die Partei noch mit der Forderung an, in öffentlichen Kantinen möge es künftig einen verpflichtend fleischlosen Tag pro Woche geben, einen "Veggie Day". In einem ansonsten ereignisarmen Wahlkampf machte das schnell Schlagzeilen, was die Grünen zunächst freute. Die damalige Fraktionschefin Renate Künast sagte im kleinen Kreis: "Das ärgert vielleicht die anderen, aber unsere Klientel macht das richtig glücklich." Es kam anders. Die Grünen blieben am Wahlabend weit unter dem erhofften Ergebnis und müssen sich seither als Verbotspartei schimpfen lassen.

Die Grünen ändern die Ansage, nicht aber den Geist

Nun zählt zum Schönen an Fehlern, dass man aus ihnen lernen kann. "Was ich esse und was nicht, entscheide ich selbst nach meinem Geschmack", ist ein solcher Lernversuch. Aber wahr ist leider auch: Was für die Grünen ein großer Schritt ist, ist für die Menschheit ein vergleichsweiser kleiner.

Die Deutschen zum Beispiel haben im Laufe der Jahrhunderte durchaus einige Erfahrung darin gesammelt, über ihr Essen zu entscheiden. Das verläuft bei Auswahl, Menge und Verzehr nicht immer rein rational oder unfallfrei, aber das gilt für den großen Rest des menschlichen Daseins schließlich auch.

Die Grünen ficht es nicht an. Wenn das Volk, der große Lümmel, der grünen Moral nicht folgen mag, sondern nach Essensfreiheit verlangt, dann will die Partei diese wenigstens huldvoll gewähren dürfen, so viel Ordnung muss sein. Die Grünen ändern also die Ansage, nicht aber den Geist, die patriarchalische Attitüde.

Bislang hat der Antrag der Parteiführung, der seit einiger Zeit im Netz steht, noch keine große Debatte unter den Mitgliedern ausgelöst. Einer der Kommentare darunter lautet: "Der komplette Artikel muss gegendert werden." Dann hieße es wohl: "Was er/sie/es essen will und was nicht, entscheiden er/sie/es nach seinem/ihren/seinem Geschmack."

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Die Grünen nehmen Abschied vom Veggie-Day

In ihrem Entwurf für ein neues Parteiprogramm verabschieden sich die Grünen vom Plan, einen fleischlosen Tag in Kantinen einzuführen. Was meinen Sie?

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Nikolaus Blome studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Seit Oktober 2013 ist er Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Hauptstadtbüros von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nikolaus_Blome@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
f-rust 29.10.2014
1. noch sehr freundlich
kommentiert mit feiner wortklinge. ja, über die grünen und ihre quasireligiöse dogmatisierende verbotsmentalität braucht es inzwischen gar nicht mwhr den "säbel". feiner kommentar. danke.
pluuto 29.10.2014
2. sonst keine Probleme?
"Was ich esse und was nicht, entscheide ich selbst nach meinem Geschmack." Muss man nichtssagende Selbstverständlichkeiten ins Parteiprogramm schreiben? Da hätte ich noch einige Vorschläge: "Was ich im Fernseher angucke, entscheide ich selbst nach meinem Geschmack." oder "wie und wie oft ich mit meiner Frau schlafe, entscheide ich selbst nach meinem Geschmack." Danke ihr grünen Moralapostel, danke für Nichts.
muellerthomas 29.10.2014
3.
Braucht SpOn wirklich noch einen zweiten Fleischhauer?
DieterFr 29.10.2014
4. Kann es sein,...
dass eine ganze Parteiführung intellektuell dermaßen unterbelichtet ist, dass sie immer noch nicht bemerkt hat, dass halbwegs mündige Bürger es leid sind, von den Grünen vorgepredigt zu bekommen, was gut und was richtig ist? Herr Blome hat es auf den Punkt gebracht. Die Grünen sind absolut unfähig zu jeglicher Selbstdistanz und Selbstironie. Man versucht, aus Fehlern zu lernen, aber die Grundeinstellung bleibt immer die gleiche. Wir Grünen müssen die Welt retten, und nur wir wissen, wie man das macht. Und jetzt erlauben wir dem Rest der Bundesbürger zu essen, was ihnen schmeckt. Könnte direkt aus einer Satiresendung kommen.
rambazambah 29.10.2014
5. 1-2 oder 3
"Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!" So hieß es doch richtig, richtig? Die Forderung nach ihrem "Veggie Day" war ja ganz niedlich aber zum einen haben die meisten Kantinen jeden Tag eine vegetarische Alternative und zum anderen weiß man ja, dass wenn einem solch ein Zwang auferlegt wird, der Mensch grundsätzlich erst einmal zur Trotzreaktion neigt. Wie das Mäuschen von Stein: DAGEGEN! Ich glaube inzwischen weiß wirklich jeder (in Deutschland), welche Auswirkungen Fleisch und dessen Herstellung auf die Umwelt haben. Reportagen über Schlachtvieh, das durch halb Europa gekarrt wird, Angst, Schreie, igitt igitt wie furchtbar. Dasselbe bei der Wiesenhof-Reportage: igitt igitt wie furchtbar! Die armen Hühnchen!... Beim nächsten Grillfest alles vergessen, da muss der Bruzler auf den Grill! Sorry, liebe Grünen, aber so lange Fleisch derart günstig in Massen zu erwerben ist (Discounter), wird sich an der Einstellung und am Ess- und Konsumverhalten nichts ändern!
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