Grüne Fischzug am roten Felsen

Verbraucherschutzministerin Künast besucht ein Forschungsschiff in der Nordsee, sortiert Fische und glaubt am Ende selbst, dass sie nie Außenministerin werden wollte: Wie sich die grüne Partei, die sich schon auf die Zeit nach Joschka freute, auf weitere Jahre mit ihrem Vormann einstimmt.

Von Gerd Rosenkranz, Helgoland


Grüne Frontfrau: Renate Künast
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Grüne Frontfrau: Renate Künast

Deutsche Bucht - Es ist Freitagnachmittag, nach acht Stunden bei mittlerem Seegang scheint alles wieder im Lot. An Bord der schlingernden Nussschale schwärmt Renate Künast mit soviel Inbrunst von ihrem "Traumjob", dass die Vermutung nahe liegt, sie müsste vor allem sich selbst davon überzeugen. Gerade hat die Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft den halsbrecherischen Strickleiter-Abstieg von Deck des Forschungsschiffs "Walther Herwig III" schadlos überstanden, das Börteboot schunkelt Richtung Sandbank Helgoland, von wo die bekennende Städterin wenig später Richtung Festland und Wochenende entschwebt.

Eher durchwachsen hatte der Kurz-Trip mit Zwischenstation auf dem Sandstein-Atoll in der Deutschen Bucht begonnen. Erst fehlte das Bade-Equipment für den Designerpool im Hotel. Dann ließ auch noch Joschka Fischer sprechen. Als seine Ministerkollegin am Donnerstag zur Tagesschau-Zeit mit dem Hubschrauber auf Helgoland einschwebte, hatte der große Zampano sie jäh um einen Karrieretraum ärmer gemacht. Jedenfalls vorläufig. Bis dahin galt Künast nicht nur Parteifreunden als aussichtsreichste Kandidatin für die Fischer-Nachfolge im Auswärtigen Amt.

Im Jahr 2006, ließ der grüne Starpolitiker ausrichten, wolle er mit Kanzler Gerhard Schröder noch einmal im Doppelpack zur Bundestagswahl antreten. Ihre Parteien hatten "die Jungs" (Künast) wie üblich nicht von der bevorstehenden Flucht nach vorn unterrichtet. Monatelang ließ Fischer die Spekulationen über seine Europa-Ambitionen treiben, schwieg nach außen wie nach innen eisern über seine Pläne und versetzte die grüne Partei in eine Art Dauervibration. Denn zur Debatte stand nicht nur die Frage, wer den Frontmann im Herbst 2004 als Außenminister und Vizekanzler beerben sollte, sondern das gesamte Hierarchie-Gefüge der Öko-Partei.

Schlingerbett in der Krankenstation

Nun heißt die Parole: Schluss der Debatte. Plötzlich merkt die Partei, wie sehr sie sich innerlich schon auf "die Zeit nach Joschka" eingelassen hatte. Und erst jetzt fällt auf, dass "niemand gesagt hat, Joschka bitte bleib, wir schaffen es nicht allein", wie ein Spitzengrüner spitz bemerkt.

Renate Künast jedenfalls bestieg Freitagfrüh bei mäßigem Wetter und ebensolcher Stimmung das Börteboot im Helgoländer Hafen, wo sie der Kapitän der Jolle darüber aufklärte, dass es auf der Felseninsel acht Fischer gebe - nicht nur einen. Ziel des Ausflugs war das Flaggschiff "Walther Herwig III" der Bundesforschungsanstalt für Fischerei (BFAFi), das derzeit unter der wissenschaftlichen Leitung des Instituts für Fischereiökologie (IFÖ) in Nord- und Ostsee seine 255. Forschungsreise absolviert. Zwei Wochen lang fahnden die Wissenschaftler nach Schadstoffen, kontaminierten und kranken Fischen, sammeln im Rahmen internationaler Meeres- und Umweltabkommen Daten über die Belastung der offenen See und suchen nach Wirkungszusammenhängen zwischen Schadstoffbelastung und alten und neuen Fischkrankheiten.

Die Crew des mit Technik und Forschungsgerät voll gestopften Heckfängers (21 Mann Besatzung plus 12 Frauen und Männer aus dem Forscherteam) gab sich alle Mühe, der Ministerin mehr als nur Ablenkung zu bieten. Was auch gelang. Das "Schlingerbett" in der Krankenstation jedenfalls, das notfalls auch für eine seekranke Ministerin hätte bereitgestellt werden können, faszinierte Künast nur zu Beginn des Ausflugs.

Die Walther Herwig III kreuzt regelmäßig mal in der Nord- oder Ostsee, vor der norwegischen Küste, um Grönland, Spitzbergen oder auch im Tiefengewässer vor der portugiesischen Küste, wo bis in die achtziger Jahre Atommüll-Fässer verklappt wurden, deren Rückstände sich dann in den Fischen nachweisen ließen. Später deckten die Forscher den Zusammenhang zwischen der industriell betriebenen Dünnesäureverklappung in der Deutschen Bucht und bestimmten Fischkrankheiten auf, was schließlich zur Aufgabe dieser Praxis führte.

Tapfer fingerte Künast in Makrelen und Sprotten

Inzwischen hat sich die Lage entspannt, die Kontamination vor allem der Nordsee mit Schadstoffen geht zurück. Schwerer belastet bleibt die Ostsee. 1998 wiesen dort 23 Prozent aller Dorsche Hautgeschwüre auf und konnten nicht mehr vermarktet werden. Doch auch in der Nordsee beobachten die Wissenschaftler neuartige Krankheiten - so seit einigen Jahren den kräftigen Anstieg einer Pigmentstörung bei der Kliesche, einem Plattfisch, der sich besonders gut zur Überwachung von Fischkrankheiten eignet. Der Ursache sind die Forscher bislang nicht auf die Spur gekommen. Dass möglicherweise die wegen des Ozonlochs in der Atmosphäre erhöhte UV-Strahlung der Auslöser sein könnte, ist bisher nur eine Hypothese.

So schön war die Zeit: Grünen-Parteitag 2000 in Münster
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So schön war die Zeit: Grünen-Parteitag 2000 in Münster

Ausgerüstet ist das 64 Meter lange Schiff nicht nur mit wissenschaftlichen Labors, sondern auch mit hochmodernem Fanggerät. Das gab der Ministerin eine Ahnung von dem, was der hochgerüstete kommerzielle Fischfang mit elektronischen Ortungsverfahren und über den Meeresboden rollendem "Netzgeschirr" zu leisten vermag. Eine durchaus zweischneidige Botschaft geht von diesem Fortschritt aus: Der Nordatlantik wird mit wachsender Geschindigkeit leer gefischt, die Fischereiflotten reagieren auf schrumpfende Bestände mit weiterer Aufrüstung. Resumee der Ministerin: "Wir haben gelernt, der Fisch hat keine Chance zu entkommen."

Tapfer und mit erkennbar wachsender Begeisterung fingerte Künast Makrele, Hering, Sprotte, Scholle, Kliesche, Tintenfisch und Knurrhahn auseinander. Bei der Crew kam das gut an. Als "zupackend" hätten sie sie erlebt, meinten am Ende Matrosen wie Wissenschaftler - und das bestätigte wohl auch das Bild, das sie sich von ihrer politischen Chefin vorher gemacht hatten. Artig bedankte die sich im Gegenzug für "den sehr informativen und eher angenehmen Arbeitstag."

Nach dem Abschied, unten im kleinen Schunkelboot gerät die Grüne regelrecht ins Schwärmen. Erinnerungen an die schönsten Momente eines Ministerlebens steigen auf: Besuche bei den Weinbauern, wo man als Erwachsene besten Wein nippen und "wie ein Kind lernen" kann. Oder die Preisverleihung zum Wettbewerb "Unser Dorf muss schöner werden" im Berliner Kongresszentrum ICC, als Vicky Leandros sang "Theo, wir fahr'n nach Lodz" und sich der befürchtete Kulturschock in fröhliches Einvernehmen verwandelte. "Sowas", jubiliert Künast, "erlebst Du nie als Justizministerin - und auch nicht als Außenministerin." Was sie macht, ist ihr Traumjob. Basta. "Auch wenn mir das nie jemand glaubt."



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