Grüne Jugend über Fußballpatriotismus "Man könnte die Mannschaft auch mit DFB-Fahne unterstützen"

Schwarz-Rot-Gold bei der EM? Die Grüne Jugend will das nicht - und forderte: "Fahnen runter." Es folgten Morddrohungen. Ein Interview mit Sprecherin Jamila Schäfer.

Fußballfans in Frankfurt
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Fußballfans in Frankfurt

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Schland überall. Auf Fanmeilen, in Kneipen, in Wohnzimmern, an Autos, im Stadion. Rechtzeitig zur Fußball-EM tauchen überall in Deutschland wieder Fanartikeln in den Nationalfarben auf. Schwarz-Rot-Gold ist in. Nur nicht bei der Grünen Jugend.

Gleich mehrere Landesverbände des Parteinachwuchses der Grünen haben am Wochenende mit Facebook-Posts einen Shitstorm ausgelöst. "Fußballfans Fahnen runter", heißt es etwa bei der Grünen Jugend in Rheinland-Pfalz. "Wer sich als patriotisch definiert, grenzt andere aus."

Politiker von CDU, SPD und von der Grünen Mutterpartei selbst zeigen sich amüsiert bis entsetzt. Die Fahne sei ein "Symbol für weltoffenes, sympathisches Deutschland", twittert Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU). Nicht jeder Kommentar in den sozialen Netzwerken ist so harmlos.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE verteidigt Jamila Schäfer, Bundessprecherin der Grünen Jugend, den Kurs ihres Verbandes. Nationale Gemeinschaftsgefühle seien grundsätzlich gefährlich. "Man könnte die Mannschaft ja auch mit einer DFB-Fahne unterstützen."

Lesen Sie hier das komplette Gespräch mit Jamila Schäfer:

SPIEGEL ONLINE: Frau Schäfer, die Grüne Jugend in Rheinland-Pfalz fordert: "Fußballfans Fahnen runter". Ihr Verband warnt vor dem "Party-Patriotismus". Sind Sie gern Spaßbremse?

Schäfer: Nein, natürlich nicht. Wir wollen niemandem die Freude am Fußball nehmen. Wir kritisieren aber die Aufladung von großen Turnieren wie der Fußball-EM mit einem positiven Bezug zur Nation. Ehrlich gesagt wundert es uns, dass sich Menschen dadurch angegriffen fühlen oder glauben, wir wollten ihnen etwas verderben. Davon redet doch niemand.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie stören sich an den Flaggen. Sind "Deutschland, Deutschland"-Rufe im Stadion auch tabu?

Schäfer: Die reine Unterstützung der Mannschaft ist nicht das Problem. Aber solche Großereignisse tragen dazu bei, dass sich Nationalismus gesamtgesellschaftlich festigt. Die Frage ist doch: Brauchen wir das alles? Man könnte die Mannschaft ja auch mit einer DFB-Fahne unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Schwarz-Rot-Gold verbieten?

Schäfer: Nein, es ist die freie Entscheidung der Menschen, was sie tun. Wir stören uns aber am massiven Gebrauch dieser Symbole. Mit der Begeisterung für Deutschland ist nun mal häufig nicht nur die Begeisterung für das Team gemeint, sondern auch für das Vaterland. Wir halten aber nationale Gemeinschaftsgefühle grundsätzlich für gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Jeder, der die deutsche Fahne schwenkt, ist Nationalist?

Schäfer: Nein, aber es ist offensichtlich, dass sehr viele ihren Patriotismus gewaltvoll verteidigen. Das sieht man auch an all den Morddrohungen und Gewaltaufrufen, die wir jetzt erhalten. Ich selbst habe Nachrichten erhalten, man wolle mich aufhängen oder erschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von unsäglichen Extremen. Hunderttausende feiern friedlich mit Schwarz, Rot und Gold.

Schäfer: Klar, viele der Hasskommentare kommen von richtigen Nazis. Aber grundsätzlich grenzt man sich mit der Stärkung der eigenen Gruppe immer auch von anderen ab. Wenn es um Herkunft, Abstammung oder das Vaterland geht, entsteht daraus schnell gewaltvoller Hass. Gerade in Zeiten von AfD und Pegida müssen wir darauf aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet", hat Johannes Rau gesagt. Warum machen Sie diesen Unterschied nicht?

Schäfer: Das lässt sich eben nicht klar voneinander trennen. Das eine geht oft mit dem anderen einher. Wir fragen uns einfach, warum man überhaupt auf etwas wie die Nation stolz sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Vereinen? Deren Fans sind häufig sehr lokalpatriotisch, auch hier gibt es Rivalitäten. Wollen Sie, dass sich die Anhänger von Bayern München oder Borussia Dortmund künftig nicht mehr mit ihren Städten identifizieren?

Schäfer: Das ist etwas anderes. Bei der EM spielen Mannschaften, die nach Staatsbürgerschaften zusammengesetzt werden. Genau das ist eben der Nährboden für Nationalismus.

SPIEGEL ONLINE: Im Netz richtet sich ein gewaltiger Shitstorm gegen die Grüne Jugend. Selbst in Ihrer Mutterpartei schütteln manche den Kopf über ihre Position. Hat Sie das überrascht?

Schäfer: Wir haben ja nicht zum ersten Mal diesen Party-Patriotismus kritisiert. Wir kennen daher die heftigen Reaktionen. Aber dieses Mal ist es besonders krass. Ich bin schockiert, wie viele strafrechtlich relevante Kommentare dabei sind. Das zeigt, dass die Debatte mittlerweile völlig enthemmt ist.



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