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Grüne: Junger Mann zum Mitreisen gesucht

Von Claus Christian Malzahn

Reinhard Bütikofer will nicht mehr Parteichef der Grünen sein - wer will es ihm verdenken. Nun sucht man in Berlin einen Nachfolger. Doch der Job ist wenig attraktiv - und mit Kollateralschäden verbunden. Einer davon heißt Claudia Roth.

Hamburg - Der angekündigte Rückzug von Reinhard Bütikofer als grüner Bundesvorsitzender kommt nicht überraschend. Für den Chaosparteitag von Köln, auf dem sich die Delegierten im Dezember mit einem naiv-pazifistischen Afghanistan-Antrag praktisch aus der Realpolitik verabschiedet hatten, wurde seinerzeit vor allem Bütikofers wirre Regie verantwortlich gemacht. Der Parteichef und seine Mitstreiterin Claudia Roth hatten die mürrische Stimmung an der Basis damals völlig unterschätzt - und grüne Experten wie den damaligen Uno-Chef in Afghanistan, Tom Koenigs, gar nicht erst eingeladen. Das Presseecho war verheerend, die Öko-Partei bot ein Bild wie in ihren schlimmsten Zeiten.

Grüne Roth: Von der fröhlich-drallen Seite
DPA

Grüne Roth: Von der fröhlich-drallen Seite

Das soll sich im kommenden Wahlkampf auf keinen Fall wiederholen, dafür steht zu viel auf dem Spiel. Die Grünen wollen bei den Wahlen 2009 als drittstärkste Kraft im Fünf-Parteien-Spektrum dastehen - damit gegen sie keine Regierung gebildet werden kann. Vorher wird in den Ländern geübt - möglicherweise Schwarz-Grün in Hamburg und Rot-Rot-Grün in Hessen. Bei der stärker werdenden Konkurrenz kann man sich Fehlbesetzungen wie früher jedenfalls nicht erlauben.

Renate Künast und Jürgen Trittin, als Spitzenkandidaten ausgerufen, sind zwei grüne Kader der ersten Stunde. Ihre Ernennung folgt dem in dieser Antipartei offenbar unvermeidlichen Prinzip der Quotierung: Frau/Mann, Realo/Linker. Die beiden Altvorderen sollen nun stemmen, was früher ein Joschka Fischer alleine geschultert hat. Sowohl Künast wie Trittin waren Minister der rot-grünen Bundesregierung, sie haben bereits in den achtziger Jahren eine wichtige Rolle in ihrer Partei gespielt. Ein Generationswechsel sieht anders aus.

Für den wäre nach dem Abgang Bütikofers nun Gelegenheit - jedenfalls ein bisschen. Kurz nach Bekanntgabe des Rückzugs sind die Bundes-Grünen jedenfalls in hektisches Namedropping verfallen. Gesucht wird zunächst mal ein Mann - wenn es irgendwie geht bitte jung und realpolitisch orientiert.

Mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen

Doch so viele junge Recken kommen in der inzwischen ergrauten Partei da nicht in Frage. Matthias Berninger ist schon lange weg. Immerhin gibt es Tarek al-Wazir, den Anti-Koch-Kämpen aus Wiesbaden. Er gilt in Parteikreisen in Hessen allerdings als unabkömmlich. Oder Boris Palmer - der aber wird in Tübingen gebraucht. Dann wäre da noch Cem Özdemir - der sitzt im Europaparlament in Brüssel und lebt in Berlin Kreuzberg. Er wäre tatsächlich einsatzfähig. Aber wird er sich das antun?

Insgesamt also mehr Frage- als Ausrufezeichen bei der Kandidatenkür. Zudem gibt es nicht viele Gründe, warum politische Talente wie al-Wazir, Palmer oder Özdemir überhaupt ihre relativ sicheren Posten im Tausch für eine Planstelle bei der grünen 1b-Prominenz in Berlin aufgeben sollten. ParteichefInnen sind eben keine nachwachsenden Rohstoffe. Dazu kommt die ganz grundsätzliche Frage, warum ein rational denkender Mensch eigentlich Chef einer Partei werden sollte, die eigentlich gar keine Chefs haben möchte; eine Partei, die zwar offiziell der Basisdemokratie das Wort redet - um sich dann in ihren Entscheidungsfindungen aber lieber auf vormoderne patriarchale Prinzipien zu verlassen - wie die Ära Fischer das gezeigt hat.

Und dann gibt es noch ein gewichtiges Argument dagegen, Bütikofers Job zu übernehmen. Es lautet: Claudia Roth.

Die Begeisterung, an ihrer fröhlich-drallen Seite ("Ich liebe die Türkei und ihre Konflikte!") in den nächsten Wahlkampf zu ziehen, hält sich bei allen vorstellbaren Kandidaten in engen Grenzen, wie man hört. Es ist deshalb mehr als wahrscheinlich, dass Bütikofers Abgang eine Sogwirkung entfaltet, von der nachhaltig auch die verbleibende Parteivorsitzende betroffen sein wird - um mal eine Rothsche Stammvokabel zu benutzen.

Wenn aber Claudia Roth geht, muss in Berlin schon wieder eine grüne Kontaktanzeige aufgegeben werden. Bärbel Höhn aus NRW? Rebecca Harms aus Niedersachsen? Oder besser gleich zwei Frauen an der Spitze: Antje Hermenau aus Sachsen im Tandem mit Anja Hajduk aus Hamburg?

Die Grünen werden in den kommenden Wochen jedenfalls ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: in Hinterzimmern über sich selbst reden.

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Forum - Schwarz-Grün - Chance oder Risiko?
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1.
freqnasty, 26.02.2008
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
2.
BillBrook 26.02.2008
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
3.
Rasmuss 26.02.2008
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
4.
Klo, 26.02.2008
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
5.
perpendicle, 26.02.2008
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
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