Grünen-Chefs Baerbock und Habeck Der Mann an ihrer Seite

Abschied vom Flügelproporz: Die Grünen haben jetzt mit Robert Habeck und Annalena Baerbock eine reine Realo-Spitze. Ausschlaggebend war auch der starke Auftritt der Brandenburger Bundestagsabgeordneten.

Neue Grünenchefs Robert Habeck, Annalena Baerbock
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Neue Grünenchefs Robert Habeck, Annalena Baerbock

Aus Hannover berichtet


Immer wieder Robert Habeck - auf dem Kornfeld, im Watt, auf einem Boot. Der Umweltminister in Kiel war in den vergangenen Wochen überall zu sehen, in den Medien omnipräsent. Als eine Art Heilsbringer für die nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen deprimierten Grünen wurde er gefeiert. Als Mann der Hoffnung.

Diese Überhöhung ist bei den Grünen manchem zu viel. Zum Beispiel der Brandenburger Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock, die wie Habeck auf dem Grünen-Parteitag in Hannover für den Parteivorsitz kandidierte. "Wir wählen hier heute nicht nur die Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende der Grünen", ruft sie den Delegierten zu. Riesenapplaus.

Es war ja so: Dass Habeck zu einem der beiden neuen Grünen-Chefs werden würde, war klar, seitdem die Partei am Freitag extra für ihn ihre Satzung änderte. Der Kieler Minister trat auf dem zweiten zu wählenden Platz ohne einen Gegenkandidaten an. Die spannende Abstimmung war also die zwischen zwei Frauen: der Reala Baerbock und Anja Piel vom linken Parteiflügel.

Baerbocks schwerster Job

Viel war diskutiert worden in den vergangenen Wochen über die Flügel der Grünen - über Realos und Linke. Wie stark sind sie noch? Welche Macht haben die Linken der Partei noch? Die Wahl der Vorsitzenden war dafür ein Test.

Würde es Baerbock gelingen, die Delegierten zu überzeugen, neben Realo Habeck statt der linken Piel noch eine Reala an die Parteispitze zu wählen? Etwas, was es - bis auf eine kurze Ausnahme im Jahr 2000 mit Renate Künast und Fritz Kuhn - noch nicht in der Geschichte der Partei gab?

Der 37-jährigen Klima- und Europaexpertin ist die Aufregung anzumerken, als sie auf die Bühne tritt. Es gelingt ihr mit einer kämpferischen Rede, in deren Anschluss sie mit rund 64 Prozent gegen Piel gewinnt.

Baerbock stellt Gerechtigkeitsthemen in den Fokus, womit sie auch auf der linken Seite punkten kann. "Ich weiß, was es heißt, wenn ein Kind nicht zum Kindergeburtstag kommen kann, weil die Mutter sich ein Geschenk nicht leisten kann", sagt Baerbock. Diese unsichtbare Armut sei die "größte Schande in diesem Land". Sie redet über die EU, die man in ihrer aktuellen Form verteidigen , aber gleichzeitig ihre Schwächen zur Kenntnis nehmen müsse. Und sie verlangt Härte in der Klimapolitik: "Hier müssen wir nicht mehr ringen. Hier brauchen wir Radikalität." Die Klimakrise sei die größte Krise unseres Planeten.

Es ist eine Rede, die mehreres miteinander verbindet: Realo-Pragmatismus, Persönliches und eben auch einen klaren linken Kurs etwa in der Flüchtlingspolitik. So prangert Baerbock, die sich selbst in Potsdam für Flüchtlinge engagiert, die von SPD und Union geplante weitere Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Geschützte mit harten Worten an.

Piel, die Parteilinke, hat dem nicht viel entgegenzusetzen. Sie beginnt ihre Rede , indem sie erst einmal bestätigt, was Baerbock gesagt hat. Die niedersächsische Grünen-Fraktionschefin arbeitet sich mehr an Union und SPD ab. Hängen bleibt wenig, darunter etwa der Satz: "Eine ungerechte Gesellschaft wird niemals eine nachhaltige Gesellschaft werden."

Baerbock gewinnt das Frauenduell deutlich, die Delegierten entscheiden sich gegen die einzige Linke im Rennen. Damit sind die Weichen an diesem Tag schon gestellt, das Wichtigste entschieden.

Das weiß auch Robert Habeck, als er am Mittag nach der Wahl Baerbocks seine eigene Bewerbungsrede hält. Für ihn ist der Druck weg. Zumindest der akute Druck, gewählt zu werden. Jetzt geht es darum, wie er die Bühne nutzt, welchen Ton er setzt. Was hat er vor mit der Partei?

Grünen-Chef Robert Habeck
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Grünen-Chef Robert Habeck

Die Aufgabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederherzustellen, macht Habeck zum Zentrum seiner Rede. Die Grünen müssten die Strukturen so verändern, dass keine Menschen verloren gehen. Es ist auch der indirekt formulierte Anspruch, dass die Grünen zu einer Art Volkspartei werden - sich breit aufstellen, für alle Bevölkerungsschichten wählbar sind. Viele große Ideen skizziert Habeck und wird nur in wenigem konkret: Er fordert Umverteilung, höhere Steuern auf Kapital und Vermögen. Er formuliert seinen Machtanspruch: Macht kommt von machen, nicht von wollen. Mehr als 81 Prozent der Delegierten wählen Habeck.

Wie trägt die neue Einigkeit?

Am Ende ist die Einigkeit, mit der die Grünen jetzt schon an zwei Tagen Habeck gestützt und dafür eigenen Prinzipien aufgeweicht haben, schon fast irritierend. Es war mit mehr Widerstand gerechnet worden.

Wie geht es weiter? Was bedeutet das neue Realo-Duo für die Grünen insgesamt? Wird die Partei das neue Kraftzentrum bei den Grünen? Jedenfalls ist an der Spitze etwas Neues entstanden, in der Fraktionsspitze hingegen herrscht weiter Flügelproporz und Kontinuität - in einer Zeit, in der die Grünen die kleinste Partei im Bundestag sind.

Und wie geht es weiter für Baerbock und Habeck? Sie stehen an unterschiedlichen Punkten: Baerbock hat eine ungewisse Situation für sich entschieden. Habeck hat in Sachen Beliebtheit viel zu verlieren. Er weiß, dass Verehrung, große Erwartungen auch Risiken bergen. Er gibt sich zurückhaltend, sagt schon zu Beginn seiner Rede in Richtung Baerbock: "Vielleicht habe ich ja Glück und darf der Mann an deiner Seite sein."

Als er gewählt ist, wendet sich Habeck fast demütig an seine Partei. "Was ich geworden bin, bin ich durch euch geworden", ruft er.

insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 27.01.2018
1. Frischen Wind
... bringt diese Wahl allemal! Und ganz sicher auch neue Ideen. Am Ende ist das mit den Flügeln nicht so wichtig, die Grünen Inhalte - Kernthema Ökologie - müssen in der Gesellschaft vertreten werden. Ohne Realitätssinn wird eine Partei sowieso nicht gewählt.
lupo44 27.01.2018
2. wie alle Parteien des deutschen Bundestages haben auch die GRÜNEN.....
keine Staatstragende Ansicht und Entwicklung zur Flüchtlingspolitik und den Familiennachzug für die substitären Flüchtlinge. Europa hat eine heimliche Verordnung sich auf die Fahnen geschrieben-wir helfen und nehmen auf. Von diesen Staaten Europas nimmt nach wiie vor Deutschland Flüchtlinge auf.Ganz Europa und Pro Asyl kritisiert uns Deutsche wenn wir uns öffentlich Gedanken machen was in Zukunft geht hier nach Deutschland .Wir haben doch eine Verantwortung für die Menschen die zu uns kommen ,aber wir haben auch Verantwortung für das Wohl unseres Volkes.Warum versucht man immer wieder bei dieser Frage "die Nazikarte zu ziehen oder Populismus,und Fremdenhass und nach zu sagen. Es ist doch ligitim darüber offen zu reden ohne rassistischen Gedankengut. Das ist doch auch Gegenstand unserer Verfassung und unseres Grundgesetzes.Dazu haben die GRÜNEN heute auch keine Aussage gemacht. Auch hier heißt es wieder wir wollen als Grüne immer dafür sorgen das diese Menschen ohne Schwierigkeiten nach Deutschland kommen können.Es isnd wohl leider derzeitig 60 Millionen Menschen die als Flüchtlinge auf der Welt unterwegs sind.Bitte das ist doch eine Aufgabe für die ganze Welt diese Menschen zu helfen.Das kann doch nicht alleine Deutschland schultern.Es gehört zu einer Dmokratie dazu auch über dieses Thema offen zu reden und für diese Menschen Lösungen zu finden.Das kann Deutschland alleine nicht.Auch nicht die GRÜNEN.
dweik01 27.01.2018
3. Die Grünen sind einfach alle so gut!
So gute Menschen. Man glaubt es fast nicht. Es wäre an der Zeit, daß Grüne die Regierung bilden. Dann wird alles gut.
prologo 27.01.2018
4. Realo-täst-fremd, das sind die Grünen
Zitat von mullertomas989... bringt diese Wahl allemal! Und ganz sicher auch neue Ideen. Am Ende ist das mit den Flügeln nicht so wichtig, die Grünen Inhalte - Kernthema Ökologie - müssen in der Gesellschaft vertreten werden. Ohne Realitätssinn wird eine Partei sowieso nicht gewählt.
Also Realitätsfremd. Das waren die Grünen schon immer. Die Grünen hatten und haben immer großartige Ideen, was man tun muss, für die Umwelt, für die Menschen in der Welt, besonders eine große humanitäre Ader. Aber brauchbare oder umsetzbare Vorschlage hatten und haben sie dafür noch nie gehabt. Die Umsetzung für ihre grünen Ideen ist jeweils unbezahlbar, und in der Praxis gar nicht möglich. Deshalb sind die Grünen ein sehr teurer und unnützer und Zeit verschwendender Faktor im Bundestag. Allein der plötzliche Atomausstieg der grünen Merkel mit den sichersten Atomkraftwerken der Welt ist so plötzlich mit Umweltenergie niemals zu ersetzen. Gefolgt von den geforderten Elektroautos, was diesen Unsinn noch bestärkt. Bezahlen müssen diesen Unsinn wir Bürger. Oder die humanitäre Flüchtlingskrise. Die Kostet Deutschland jetzt über 25 Milliarden pro Jahr an Sozialkosten. Wo kommen die plötzlich denn her? Wer bezahlt das, Frage an die Grünen. Die weiteren Rentner müssen Flaschen sammeln. Was sagen die Grünen dazu? Ich höre da gar nichts. Wo bleibt hier die Realität? Mir gefallen von den Grünen nur die Partei Farben grün und gelb. Das ist ein Lichtblick gegenüber den anderen Parteifarben, schwarz, rot, braun. Zumindest mit den Grünen bleibt es bunt in der Politik.
Outdated 27.01.2018
5. positiv ist der Führungswechsel
Was immer man sonst von den Grünen halten mag, ihre Lust zur Erneuerung ist eine ihrer positiven Eigenschaften.
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