Berlin - Es wird eine Riesenparty: 2000 Gäste haben sich bereits angemeldet zum 30. Geburtstag der Grünen-Bundestagsfraktion, mehr Menschen lässt der Brandschutz in der Haupthalle des früheren Tempelhofer Flughafens ohnehin nicht zu. Im März 1983 zogen die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag ein, das wird nun kommenden Dienstagabend mit allem Pipapo gefeiert. Popstar Jan Delay musiziert, Vorzeigeköchin Sarah Wiener sorgt für die Verpflegung.
Einer wird allerdings fehlen, wenn sich die Grünen zu ihrem 30. Parlamentsgeburtstag hochleben lassen: Joschka Fischer.
Dabei gibt es wohl keinen Grünen-Politiker, der die Partei so geprägt hat wie der 64-Jährige. Fischer machte die antiautoritäre Chaostruppe politikfähig und führte sie 1998 in die Bundesregierung. Dass sie dort sieben Jahre lang blieb, verdankt sie ebenfalls zu großen Teilen Fischer, allen internen Auseinandersetzungen zum Trotz. Selbst seine Steinewerfervergangenheit konnte die Popularität des Außenministers und Vizekanzlers nicht schmälern.
Aber die Grünen und Joschka Fischer haben sich nicht mehr viel zu sagen. Man ignoriert sich gegenseitig nach Kräften. "Joschka ist halt ein inaktives Mitglied", sagt Tom Koenigs, sein alter Kumpel aus Frankfurter Sponti-Zeiten.
Nun wird das Nichtverhältnis für jeden sichtbar: Fischer war von den Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin zur großen Feier gebeten worden, er sollte sogar einer der Hauptredner sein. Doch nach einigem Hin und Her sagte Fischer zunächst als Redner ab, nun will er offenbar gar nicht kommen, so die offizielle Auskunft der Grünen-Fraktion - Stand Mittwoch. Der Ex-Außenminister selbst wollte sich zu dem Vorgang auf Anfrage nicht äußern.
Dass die Grünen ohne Fischer feiern, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich den Umgang der SPD mit Altkanzler Gerhard Schröder anschaut. Fast zeitgleich mit dem Jubiläum der Grünen-Fraktion begehen die Sozialdemokraten den zehnjährigen Geburtstag der sogenannten Agenda-Reformen - im Mittelpunkt steht dabei Schröder. Er wird in der kommenden Woche sowohl in der Bundestagsfraktion reden wie auch auf einer großen Veranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.
Die SPD geht mit Schröder entspannter um
Dabei haben die Sozialdemokraten unter dem Agenda-Kanzler Schröder wohl mindestens so gelitten wie die Grünen unter dem Ober-Realo Fischer: Die von ihm eingeforderte Zustimmung zum Nato-Einsatz 1999 im Kosovo-Krieg hat die Partei beinahe zerrissen, genau wie die deutsche Beteiligung am Afghanistan-Einsatz. Die Grünen blieben zusammen - anders als die SPD, aus dem Streit um die Sozialreformen ihres Altkanzlers entstand die Linkspartei. Dennoch wissen sie in der SPD, was sie an Schröder haben. Und deshalb hat sich die aktuelle Führung dem Altkanzler wieder angenähert - so viel Toleranz gegenüber der eigenen Geschichte leistet sich die SPD.
Die Grünen jedoch halten Distanz. Wer aktuell in der Partei etwas zu sagen hat, mit Ausnahme des Vorsitzenden Cem Özdemir und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ist regelmäßig genervt, wenn die Sprache auf Joschka Fischer kommt. Das hängt auch damit zusammen, dass Trittin, Künast und Parteichefin Claudia Roth jahrelang im Schatten von Fischer stehen mussten. Für sie ist selbst der Politiker a. D. Fischer noch ein Konkurrent. Gleichzeitig können sie darauf verweisen, dass die Grünen ohne Fischer erfolgreicher sind als zuvor.
Umgekehrt gilt Fischer nicht gerade als größter Fan der aktuellen Führung. Speziell zwischen Fischer und Jürgen Trittin gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder laute und stille Kämpfe. Warum sollte Fischer nun ausgerechnet mit Trittin feiern wollen?
Fischer-Freunde haben Verständnis dafür, dass der Ex-Außenminister lieber anders seine Zeit verbringt, als sich mit seinen Nachfolgern Trittin & Co. zu verheddern. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Fischer durchaus Lust hat, sich wieder mehr bei den Grünen umzutun - falls die Jüngeren es irgendwann wollen.
Fürs Erste hält er sich komplett raus - nicht einmal als Zeitzeuge möchte Fischer dieser Tage in Erscheinung treten: Die Filmemacherin Annette Zinkant wollte den Ex-Außenminister für ihre Doku "Geliebte Gegner. Die Grünen und die Macht" befragen, die vergangene Woche in der ARD lief. Fischers Antwort: keine Lust.
Dass er aber nicht einmal zum 30. Fraktionsgeburtstag erscheinen will, bedauert selbst mancher Ex-Widersacher. Hans-Christian Ströbele, der sich mit Fischer so viele Kämpfe geleistet hat wie wohl kaum einer bei den Grünen, sagt: "Das ist schade." Er hätte sich "gerne mit Joschka über die alten Zeiten ausgetauscht".
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