Grünen-Chef Özdemir macht Baby-Pause: "Kochen? Naja ..."

Vaterschafts-Urlaub statt Klimagipfel: Grünen-Chef Cem Özdemir macht nach der Geburt seines zweiten Kindes eine Babypause - sechs Wickel-Wochen sind geplant. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, wie seine Kollegen darauf reagieren und was er von Ursula von der Leyens Familienpolitik hält.

Väter und Mütter: Politiker als Eltern Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Özdemir, wollen Sie als Wickel-Papa nun neben dem Vorzeige-Integrationspolitiker auch der Vorzeige-Familienvater werden?

Cem Özdemir: Nein. Um Vorzeige-Vater zu werden, müsste ich wohl zehn oder zwölf Monate aussetzen - nicht bloß sechs Wochen. Aber das geht leider nicht. Allerdings sehe ich diese Wochen nicht als Opfergang, sondern tue mir auch etwas Gutes, weil ich in einer sehr spannenden Zeit nach der Geburt meines Sohnes zu Hause sein werde. Diese Chance kommt so schnell nicht wieder.

SPIEGEL ONLINE: Mancher Kommentator wirft Ihnen ja seit Ihrer Wickel-Ankündigung vor, Sie würden den Parteivorsitz nicht ernst nehmen. Trifft Sie das?

Özdemir: Das ist natürlich ziemlich daneben. So nach dem Motto, ich würde mich zu Hause auf die faule Haut legen. Dass ich mir als Mann jetzt diesen Quatsch anhören muss, ist eine interessante Erfahrung. So etwas müssen Frauen seit Jahrzehnten ertragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Ihre Politiker-Kollegen?

Özdemir: Überwiegend positiv. Wer es nicht gut findet, der spricht einen in der Regel aber auch nicht an. Interessant ist auch die Reaktion bei türkischen Vereinen oder Migranten-Organisationen: Wenn ich da über eine persönliche Babypause spreche, dann klatschen die Frauen sehr laut - und schauen dann ihre neben sich sitzenden Männer an, die verlegen wegsehen.

SPIEGEL ONLINE: Als im vergangenen Jahr die Neubesetzung des Vorsitzenden-Jobs bei den Grünen anstand, duckten sich viele Ihrer Kollegen weg, verzichteten aus familiären Gründen auf den Posten. Die "Frankfurter Rundschau lästerte über "die Generation, die gerade nicht kann". Sie griffen dann trotzdem zu - bereuen Sie das inzwischen?

Özdemir: Dieser Artikel hat mich schon gefuchst, weil ich mir nicht vorwerfen lassen wollte, meiner Generation sei die Verwirklichung ihrer privaten Lebensziele wichtiger als die Übernahme von Verantwortung. Wir kämpfen ja auch dafür, dass sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen. Und das muss doch auch für beide Elternteile möglich sein. Im Grunde gehört das jetzt zu dem Ziel von meiner Frau und mir, das zu schaffen. Ich bin gerne Politiker und nehme das sehr ernst - zuletzt als Bundestags-Direktkandidat in Stuttgart und natürlich als Grünen-Parteichef - jetzt steht aber für einige Wochen die Familie an erster Stelle. Natürlich ist das ein permanentes Suchen nach Kompromissen. Aber meine Frau ist Journalistin, die ihren Beruf sehr ernst nimmt - da ist ihr Recht nicht kleiner als meines.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich diese sechs Wochen Wickelzeit vor - Politik findet dann gar nicht statt?

Özdemir: Ich fahre das Programm radikal herunter. Aber ich konnte jetzt auch nicht mehr alles absagen, es wird wohl so zwei, drei Termine geben. Sobald das Kind da ist, werde ich zu Hause sein. Wir haben ja bereits eine vierjährige Tochter, um die ich mich vor allem kümmern werde.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, länger auszusteigen?

Özdemir: Ich bin für zwei Jahre gewählt, da kann man schlecht ein Jahr davon fehlen. Dann würden die Grünen wohl tatsächlich sagen, 'das hättest du dir früher überlegen können'. Andererseits ist es ja prima, dass es überhaupt geht. Die Grünen-Geschäftsstelle muss deshalb in diesen Wochen nicht dicht machen, sondern Claudia Roth als Ko-Vorsitzende übernimmt meine Aufgaben. Natürlich gibt es Termine wie den Klimagipfel in Kopenhagen, wo ich gerne dabei wäre. Aber das geht dann eben nicht, obwohl es mich juckt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr iPhone bleibt also auch in den Wickelwochen an?

Özdemir: Natürlich wird es wegen der Strahlung weit genug von dem Neugeborenen platziert. Aber klar, es bleibt zu bestimmten Zeiten eingeschaltet - im Kreißsaal sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein guter Vater?

Özdemir: Wenn man mit Menschen spricht, die als Kinder sehr berufsorientierte Väter hatten, dann hört man oft: Es ist nicht so schlimm, wenn man weiß, dass der Vater viel arbeitet. Aber es ist schlimm, wenn man ihm auch zu Hause anmerkt, dass er noch im Dienst ist. Und das versuche ich inzwischen, mir sehr zu Herzen zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz Ihres Einsatzes: Die Grünen kommen als Familienpartei kaum vor, Frau von der Leyen räumt für die CDU alles ab.

Özdemir: Sie hat uns ja sogar gelobt, als mein Kollege Volker Ratzmann damals aus familiären Gründen seine Kandidatur für den Parteivorsitz zurückgezogen hat. Das war schon bemerkenswert. Mit fällt kein Zacken aus der Krone, von der Leyen für das zu loben, was sie bisher als Familienministerin durchgesetzt hat. Aber genauso kritisiere ich sehr deutlich die Unions-Herdprämie als Belohnung für Eltern, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken. Und mit jemandem wie dem künftigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus zeigt sich ja auch wieder der sehr konservative CDU-Flügel. Aber klar, ich freue mich über die Modernisierer in den anderen Parteien, die in unsere richtige Richtung gehen. Je mehr sich dafür einsetzen, desto mehr können wir in der Familienpolitik auch vorankommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann Familienpolitik der Kitt für gemeinsame schwarz-grüne Projekte werden - auch auf Bundesebene?

Özdemir: Die Familienpolitik ist ein zentrales Feld, sie entscheidet darüber, wohin es in der Gesellschaft geht. Und es ist doch eine Tatsache, dass in den zwei Koalitionen, in denen wir mit der CDU eine Landesregierung bilden, die Grünen genau auf diesem Gebiet die treibende Kraft sind - die CDU macht dort jeweils mit, auch wenn es wie aktuell in Hamburg nicht immer ohne Widerstände abgeht. Damit helfen wir natürlich denen in der Union, die sich sonst nicht durchsetzen könnten. Also: Wenn sich Frau Merkel das grüne Programm vornimmt, hätte sie einen ganz guten Leitfaden für moderne Politik.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie eigentlich am besten zu Hause?

Özdemir: Meine Frau und ich schmeißen in dieser Zeit den Haushalt gemeinsam. Außerdem freue ich mich, dass ich in diesen Wochen meiner Tochter viel vorlesen, mit ihr spielen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kochen?

Özdemir: Naja …

Das Gespräch führten Florian Gathmann und Roland Nelles

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Forum - Sind Politik und Familie vereinbar?
insgesamt 26 Beiträge
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1. Bereits ein ABC-Schütze würde Sie...
Sapientia 20.11.2009
Zitat von sysopGrünen-Chef Özdemir nimmt sechs Wochen Wickelzeit - ist er damit ein Vorreiter für eine neue Generation von Politikern?
darauf aufmerksam machen, das das Beispiel eines Einzelnen keine Trendwende darstellen kann!
2.
Negotiator 20.11.2009
Ich will das ja jetzt nicht kleinreden, aber von was nimmt Özdemir denn eine Auszeit ? IIRC sitzt er im Moment nicht im Parlament. Er ist eigentlich nur Parteichef ?
3.
spiegel-hai 20.11.2009
Zitat von NegotiatorIch will das ja jetzt nicht kleinreden, aber von was nimmt Özdemir denn eine Auszeit ? IIRC sitzt er im Moment nicht im Parlament. Er ist eigentlich nur Parteichef ?
richtig. Sollte man nicht einfach einen Wickeltisch im Plenarsaal aufstellen?
4.
arkor 23.11.2009
Zitat von sysopGrünen-Chef Özdemir nimmt sechs Wochen Wickelzeit - ist er damit ein Vorreiter für eine neue Generation von Politikern?
Kinderpause, und vielleicht...einen Bilderbergerbesuch? Wie wurde der Mann Grünenchef?
5. Nicht gewählt.
FMK 23.11.2009
Zitat von sysopGrünen-Chef Özdemir nimmt sechs Wochen Wickelzeit - ist er damit ein Vorreiter für eine neue Generation von Politikern?
Nachdem er nicht einmal in den Bundestag gewählt wurde, ist das nur konsequent. Ob er Vorreiter ist für viele Politiker? Ja. Vor allem SPD Politiker. Die haben das gleiche Problem.
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Zur Person
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    Cem Özdemir, geboren 1965 in Bad Urach im Kreis Reutlingen, war von 2004 bis 2009 für die Grünen Abgeordneter des Europäischen Parlaments. 1994 wurde Özdemir als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er bis 2002 angehörte. Seit November 2008 ist Özdemir Vorsitzender der Grünen, als Spitzenkandidat der baden-württembergischen Landespartei zog er jetzt wieder in den Bundestag ein.
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