SPIEGEL ONLINE: Die Grünen waren 2010 die Umfragengewinnler des Jahres - aber nun wird es ernst: Wie groß ist Ihre Angst vor dem Superwahljahr 2011?
Özdemir: Es wird ein spannendes Jahr für uns - mit etwas Glück das erfolgreichste in der Geschichte der Grünen: Wir können nach Union und SPD die dritte Partei werden, die in allen Landtagen vertreten ist, wenn wir in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz den Sprung ins Parlament schaffen. Und in Baden-Württemberg und Berlin haben wir sogar Chancen auf den Regierungschef-Posten.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn das nicht klappt?
Özdemir: Wir wissen, dass Umfrage- keine Wahlergebnisse sind. An den Umfragewerten machen sich die Grünen nicht besoffen, deshalb wird es auch keinen Kater geben. Die Wahlkämpfe werden beinhart, das ist allen klar. Auch weil wir finanziell schwächer ausgestattet sind als die politische Konkurrenz und trotz des Eintrittsbooms noch immer mit Abstand am wenigsten Mitglieder haben.
SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Die Grünen übernehmen sich?
Özdemir: Nein. Wir kämpfen schon seit 30 Jahren beharrlich für die Themen, die heute im Zentrum stehen: Erneuerbare Energien, eine ökologische Ausrichtung der Wirtschaft, die Durchlässigkeit unserer Gesellschaft. Wir waren zudem auch im Politikstil immer die etwas andere Partei. Das macht uns glaubwürdiger als die politische Konkurrenz. Und für immer mehr Menschen wählbar. Dazu kommt die katastrophale Performance der schwarz-gelben Bundesregierung. Sie werden es mir also nachsehen, dass ich nicht in Sack und Asche gehe, nur weil unsere Umfragewerte so gut sind. Was mich sehr positiv stimmt: Wir gehen mit einer Geschlossenheit in diese Wahlen, wie es sie in der Geschichte der Grünen wohl noch nie gab.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre wichtiger 2011: In alle Landtage einziehen oder irgendwo den Regierungschef stellen?
Özdemir: Wir wollen beides: Überall vertreten sein und so viel mitregieren wie möglich - am besten sogar mit Grünen in der Regierungszentrale. Wir spielen in Stuttgart und Berlin auf Sieg. Dennoch wird es für unsere Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann und Renate Künast nicht einfach. Aber das Sensationelle ist doch, dass überhaupt über grüne Regierungschefs diskutiert wird - vor einigen Jahren wäre das doch noch undenkbar gewesen. Es zeigt, wie sich die Gesellschaft verändert hat: Die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
SPIEGEL ONLINE: Die Grünen gelten auch als Dagegen-Partei des Jahres - wie soll das künftig beim Regieren funktionieren?
Özdemir: Der Vorwurf ist absurd. Selbstverständlich sind wir gegen vieles, was diese Regierung will: Lohndumping, Studiengebühren oder eine Zwei-Klassen-Medizin - genauso wie wir für Mindestlöhne, gerechte Bildung oder eine Bürgerversicherung eintreten. Außerdem: Dass man uns jetzt vorwirft, wir seien gegen Atomenergie, da muss ich mich schon wundern - das steht im Stammbuch dieser Partei.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Grünen vielleicht deshalb so erfolgreich, weil sie bisher kaum etwas entscheiden müssen?
Özdemir: Das stimmt nicht, wie ein Blick nach Nordrhein-Westfalen, Bremen, Saarland oder Hamburg zeigt: Obwohl wir gerade in Hamburg die eine oder andere schwere Entscheidung mitgetragen haben, sind die Zahlen auch dort sehr gut. Es geht eben nicht nur um andere Inhalte, sondern auch um einen anderen Regierungsstil, mit größtmöglicher Bürgerbeteiligung und Transparenz. Autoritäres Durchregieren - wie es beispielsweise CDU-Ministerpräsident Mappus in Baden-Württemberg mit Stuttgart 21 lange demonstrierte - darf es künftig nicht mehr geben.
SPIEGEL ONLINE: Aber warum sollte es den Grünen anders gehen als der FDP, die mit dem Regierungsantritt viele Anhänger enttäuschen musste?
Özdemir: Einerseits hat die FDP ein Führungsproblem, auf der anderen Seite ist sie als Steuersenkungspartei inhaltlich auf ein Thema verengt. Beides sehe ich bei den Grünen nicht - und habe deshalb auch keine Angst vor einem Absturz à la FDP. Wir sagen den Leuten vor der Wahl, wie die Lage ist: Auch Grüne werden mit knappen Kassen regieren müssen, und ja, das wird schwer. Aber wir nutzen - im Gegensatz zur FDP - die Oppositionszeit, um uns mit durchgerechneten Konzepten aufs Regieren vorzubereiten.
SPIEGEL ONLINE: Schwarz-Grün scheint bei kaum einer der anstehenden Landtagswahlen möglich - wie bitter ist das eigentlich für Sie als Vordenker dieses Projekts?
Özdemir: Wofür ich mich immer starkgemacht habe, ist die grüne Eigenständigkeit - was in unserem Fall bedeutet, sich nicht sklavisch an die SPD zu ketten. Unser Ziel lautet: So viel grüne Politik wie möglich umsetzen. Mit wem wir das tun, entscheiden in den Ländern die jeweiligen Landesverbände. Dass das mit Blick auf 2011 wohl eher die SPD sein wird, liegt auf der Hand, auch angesichts des unsozialen und umweltfeindlichen Kurses der Union. Aber natürlich bleibt Schwarz-Grün grundsätzlich eine Option.
SPIEGEL ONLINE: Auch im Bund?
Özdemir: Mit Blick auf 2013 ist diese Option faktisch vom Tisch, durch die Politik der CDU-Bundeskanzlerin - in erster Linie wegen der Beschlüsse zur Atomkraft, aber auch wegen ihrer zunehmend europafeindlichen Ausrichtung unter Angela Merkel.
SPIEGEL ONLINE: Mit ein paar Korrekturen und ohne Angela Merkel ist die CDU 2013 also doch ein potentieller Partner?
Özdemir: Das ist eine sehr theoretische Frage, auf die ich nur theoretisch antworten könnte. Aber ich bin Realpolitiker - und sehe nicht, dass sich die Union bis 2013 entsprechend verändern wird.
Das Gespräch führte Florian Gathmann
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