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01. Juni 2012, 07:55 Uhr

Integrationsdebatte

Grünen-Chef kritisiert Gaucks Islam-Äußerungen

Muslime gehören zu Deutschland, der Islam aber nicht so richtig: Für den Satz, mit dem er sich von Vorgänger Wulff distanzierte, wird Bundespräsident Joachim Gauck kritisiert. Grünen-Chef Cem Özdemir kann die Unterscheidung Gaucks nicht nachvollziehen. Die Muslime hätten schließlich ihre Religion mitgebracht.

Berlin - Die Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck zum Islam stoßen in Deutschland auf ein geteiltes Echo. Grünen-Parteichef Cem Özdemir reagierte mit Unverständnis auf die Bemerkung des Staatsoberhauptes. Er könne Gaucks Differenzierung zwischen Islam und gläubigen Muslimen nicht nachvollziehen, sagte Özdemir den "Ruhr Nachrichten".

"Wenn der Bundespräsident erklärt, dass Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören, dann gehört natürlich auch ihr Islam zu Deutschland", betonte der Grünen-Politiker. Seit den 1960er Jahren seien Muslime nach Deutschland eingewandert und neben ihren Sprachen und ihrer Kultur hätten sie auch ihre Religion mitgebracht.

In einem "Zeit"-Interview hatte sich Gauck von der Einschätzung seines Vorgängers Christian Wulff distanziert, der Islam gehöre zu Deutschland. "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland", sagte Gauck. Den Satz von Wulff könne er so nicht übernehmen, "aber seine Intention nehme ich an". Gaucks Vorgänger hatte mit seinen Äußerungen 2010 eine heftige Debatte ausgelöst.

Gauck, der evangelischer Theologe ist, sagte, Wulff habe die Bürger auffordern wollen, sich der Wirklichkeit zu öffnen. Und die sehe so aus, "dass in diesem Lande viele Muslime leben". Der Bundespräsident sagte weiter, er könne allerdings auch diejenigen verstehen, die fragten: "Wo hat denn der Islam dieses Europa geprägt, hat er die Aufklärung erlebt, gar eine Reformation? (...) Ich bin hoch gespannt auf den theologischen Diskurs innerhalb eines europäischen Islams."

Lob kam dagegen vom Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. "Der Bundespräsident bricht nicht mit bisherigen Vorstellungen, sondern führt die begonnene Debatte als kluger Moderator fort. Der erneute Erregungs-Remix über die jüngste Äußerung ist nur hinderlich", sagte Mazyek der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Uhl: "Der Islam bleibt für uns eine fremde Religion"

Zuvor hatte Mazyek SPIEGEL ONLINE erklärt, er unterstütze ausdrücklich den theologischen Diskurs, den Gauck anrege und schlage ihn als Schirmherr eines solchen Dialogprozesses vor. "Dort kann geklärt werden, welchen Anteil der Islam am heutigen Europa hat. Denn unzweifelhaft steht das heutige europäische Abendland auch auf morgenländischen Beinen. Wer dies leugnet, betreibt Geschichtsfälschung", so der Vorsitzende des Zentralrats.

Der Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, hatte am Donnerstag SPIEGEL ONLINE gesagt, die Wortwahl des Staatsoberhaupts sei nicht überzubewerten. Indirekt habe Gauck gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Nur weil er nicht exakt die Wortwahl seines Vorgängers übernehme, sei dies keine Abkehr von dessen Position.

Auch der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl lobte die Worte des Bundespräsidenten. "Ich halte das, was Herr Gauck gesagt hat, für sehr klug. Nicht der Islam gehört zu Deutschland, sondern die Muslime, die hier auf Dauer leben", sagte der CSU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". Es gehe um die Menschen. "Der Islam bleibt für uns eine fremde Religion, dennoch sind die Muslime herzlich willkommen."

fab/dpa/dapd

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