Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Grünen-Chefin Roth im Interview: "Zynische und unmoralische Politik"

Die Grünen erwarten, dass das Atomunglück in Japan zum Thema der Landtagswahl in Baden-Württemberg wird. "Das wird den Wahlkampf politisieren", sagt Parteichefin Claudia Roth im Interview. Scharf kritisierte sie den Umgang der schwarz-gelben Bundesregierung mit der Katastrophe.

Grünen-Chefin Roth: "Das geht nun gar nicht" Zur Großansicht
DPA

Grünen-Chefin Roth: "Das geht nun gar nicht"

SPIEGEL ONLINE: Frau Roth, Umweltminister Röttgen (CDU) und Außenminister Westerwelle (FDP) haben am Samstag gesagt, jetzt sei nicht die Zeit, die Atomdebatte wiederzubeleben, die Opfer der Tsunami-Katastrophe in Japan müssten im Vordergrund stehen. Sehen Sie das ähnlich?

Roth: Dass die Atomlobby in der Bundesregierung die Augen verschließt, Beileidsbekundungen abgibt, aber ansonsten keinerlei Konsequenzen ziehen will, ist ja klar. Wir haben uns natürlich auch überlegt, ob man angesichts der Ereignisse in Japan bei der lange geplanten Menschenkette mitmachen kann, es dann aber am Samstag mit viel Nachdenklichkeit getan.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die baden-württembergische Landtagswahl am 27. März?

Roth: Aus unserer Sicht darf dieser Vorfall in Japan jetzt nicht für den Wahlkampf in Baden-Württemberg benutzt werden. Aber wie Röttgen und Westerwelle zwar in Bezug auf Japan Besorgnis bekunden, aber hierzulande das Nachdenken untersagen wollen, das geht nun gar nicht. Die dramatische Entwicklung in Japan zeigt, dass die Atomkraft nicht beherrschbar ist, selbst wenn Atomkraftwerke für alle denkbaren Fälle ausgerüstet werden, wie in Japan. Atomkraft ist nicht hundertprozentig sicher und deshalb hochgefährlich. Da ist es nun wirklich verantwortungslos, wenn der Umweltminister reflexartig verkündet, für uns bestehe keine Gefährdung und hier sei alles sicher. Das ist eine zynische und unmoralische Politik.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Reaktorkatastrophe in Japan den Grünen, die in Baden-Württemberg ja ohnehin schon gut dastehen, weiteren Aufschwung bringen wird?

Roth: Nach Tschernobyl haben wir unmittelbar folgende Wahlen nicht gewonnen. Ich glaube, die Menschen unterscheiden zwischen den Folgen einer Naturkatastrophe und den Anforderungen an eine Landesregierung. Aber die Frage, ob ein Atomlobbykurs wie der von Ministerpräsident Mappus das Land zukunftssicher macht, wird bestimmt eine Rolle spielen. Mappus ist einer der Hauptverantwortlichen für die Laufzeitverlängerungen. Aber Baden-Württembergs Zukunft liegt in zukunftsfähigen Technologien und in erneuerbaren Energien. Das wird den Wahlkampf politisieren, der ist noch nicht gelaufen. Es bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Der Ausstieg aus dem Atomausstieg scheint betoniert. Gibt es aus Ihrer Sicht Kompromissmöglichkeiten, um wenigstens die Abschaltung der ältesten Meiler zu erreichen? Oder bleiben Sie bei Ihrer Fundamentalopposition?

Roth: Für mich gibt es keine Zustimmung für den Ausstieg aus dem Ausstieg. Dessen einzige Grundlage sind die milliardenschweren Interessen der Atomlobby. Es ist jetzt vielmehr an der Bundesregierung zu erklären, wie sie die Sicherheit hier gewährleisten will. Die Regierung soll sich nicht darüber täuschen, wie breit das Spektrum derer ist, die Atomenergie ablehnen, es reicht von Gewerkschaften über Bürgerinitiativen bis zu den Kirchen. Der Reaktor Neckarwestheim hätte schon im Januar abgeschaltet werden müssen, die Regierungen in Berlin und Stuttgart wollen, dass er noch acht Jahre läuft, das ist bei diesem Uraltmeiler brandgefährlich und unverantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit der Landtagwahl zu tun?

Roth: Die Landtagswahl in Baden-Württemberg spielt in diesem Zusammenhang durchaus eine Rolle. Durch den überteuerten Kauf von EnBW durch Mappus ist das Land ja Eigentümer. Das wäre für eine zukünftige Landesregierung eine Grundlage zum Abschalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren am Samstag gerade auf einer Anti-Atomkraftkundgebung, als das von dem Tsunami getroffene japanische Atomkraftwerk durch eine Explosion beschädigt wurde.

Roth: Ja, und diese schreckliche Nachricht hat sich sofort wir ein Schleier über die Veranstaltung gelegt, ein Schleier der Trauer und des Entsetzens - aber auch der Wut über eine Politik, der die Sicherheit von Menschen so wenig wert ist.

SPIEGEL ONLINE: Augenzeugen berichten, dass bei der Veranstaltung Teilnehmer die La-Ola-Welle geprobt haben. Mit Blick auf den Tsunami in Japan wirkt das deplatziert.

Roth: Ich hab das nicht beobachtet, dort wo wir waren, gab es das nicht, da habe ich viele betroffene Menschen gesehen, zum Teil mit Trauerbändern an den Armen oder Handgelenken. Wenn tatsächlich die La-Ola-Welle geprobt wurde, finde ich das absolut unmöglich und völlig unangemessen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich an den Tag der Katastrophe von Tschernobyl erinnert gefühlt?

Roth: Absolut. Ich war damals, 1986, ja Pressprecherin der Grünen. Ich hab mich sofort daran erinnert, wie schwer es damals war, an Informationen zu kommen. Aber auch daran, dass man uns als Angstmacher bezeichnet hat und behauptete, da sei ein sozialistischer Schrott-Reaktor in die Luft geflogen, die westlichen Modelle seien sicherer. Jetzt ist es wieder zur Katastrophe gekommen - im High-Tech-Land Japan.

Das Interview führte Yassin Musharbash

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 451 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und das ist nicht zynisch?
peter-pan42 13.03.2011
Diese vom Verfasser herbeigeführte Diskussion ist nicht minder zynische Politik. Sie versucht mit dem Unglück der Japaner ebenso Politik zu machen, wie Petra Roth, die dumm genug war in die Falle zu tappen. Ich sehe keinen Unterschied zwischen diesem Artikel/ dieser Diskussion und dem Interview von Petra Roth. Hier regt sich ein Zyniker über den anderen auf. Klasse ... Also, wo ist das Problem?
2. Obwohl...
Der zu spät geborene, 13.03.2011
...ich die verbieterpartei "Die Grünen" überhaupt nicht abkann und die 'betroffene' Frau Roth noch weniger, hat Sie, was die Reaktion der Atomlobbysklavin Merkel betrifft, absolut Recht. Man denke sich diesen Unfall in Biblis oder Neckarwestheim. 20 km Radius evakuieren? Viel Spass... Dieser Atomwahnsinn muss endlich aufhören, schon alleine wegen der Lagerung der Reste, sollten wir so glücklich sein hier (und in Frankreich bei Westwind) keinen Unfall zu haben bis die Schrottreaktoren endlich nach CDU/Atomlobbyplan vom Netz gehen.
3. Vergebliche Liebesmüh,
si_tacuisses 13.03.2011
Zitat von sysopDie Grünen erwarten, dass das Atomunglück in Japan zum Thema der Landtagswahl in Baden-Württemberg wird. "Das wird den Wahlkampf politisieren", sagt Parteichefin Claudia Roth im Interview. Scharf krititisierte sie den Umgang der schwarz-gelben Bundesregierung mit der Katastrophe. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750594,00.html
an den Verstand oder Anstand deutscher Politiker zu appellieren. Die laufen brav an der kurzen Leine des Kapitals und werden den Teufel tun. Es wird durchgezogen bis zum Ends... äh, bis zum bitteren Ende. Wählen gehen. Alle !!
4. Ein Schelm, wer böses dabei denkt...
bschmidt01 13.03.2011
dass Trittin, Roth und Co. im Hinblick auf die Landtagswahlen sich erstmal ein Gläschen Rotwein gegönnt haben auf die Ereignisse in Japan...
5. Teflonierte Grüne
plastikjute 13.03.2011
Ein ganzes Land ist erschüttert, zigtausende Tote sind zu beklagen, ein ganzes Volk trauert, die Menschen haben Angst und sorgen sich um ihre Lieben. Aber alles, was diesen Grünen einfällt, ist, ihr Wahlkampfsüppchen zu kochen, weil gerade Wahlen anstehen. Ginge es um die Diskussion über Atomkraft, wäre die Diskussion möglich, sobald die Situation in Japan wenigstens halbwegs unter Kontrolle ist. ABER JETZT stehen Hilfe und das Mitgefühl für die Japaner für jeden anständigen Menschen an - und angesichts der riesigen Tragödie sollte man wenigstens jetzt nicht den eigenen Vorgarten im Auge haben! Was mir zu Roths Verhalten einfällt, kann ich hier nicht sagen, dazu bräuchte ich einen Eimer. Ich kann gar nicht soviel fressen ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Menschenkette gegen Kernkraft: "Ungeahnte Aktualität"

Fotostrecke
Tsunami-Folgen: Explosion in Kernkraftwerk

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: