Grünen-Chefin Roth "Jedes Ministerium muss die eigene NS-Rolle untersuchen lassen"

Die Aufarbeitung im Auswärtigen Amt reicht ihr nicht aus: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert Grünen-Chefin Claudia Roth von der Bundesregierung, alle Ministerien zu ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit zu untersuchen. Außerdem greift sie Außenminister Westerwelle scharf an.


Berlin - Seit Tagen diskutiert die Republik über neue Erkenntnisse zur Rolle des Auswärtigen Amts in der NS-Zeit. Das Urteil einer prominenten Historiker-Kommission zeigt, dass die Diplomaten viel enger mit dem Hitler-Regime kooperierten als bisher bekannt. Ex-Außenminister Joschka Fischer von den Grünen hatte die Kommission 2005 eingesetzt. Am Donnerstag wird die Studie vom aktuellen Außenminister Guido Westerwelle offiziell vorgestellt.

Den Fischer-Erlass, wonach NSDAP-Mitglieder im Sterbefall grundsätzlich keinen Nachruf vom AA mehr erhalten, hat Westerwelle allerdings aufgehoben. Deshalb erhebt Grünen-Chefin Claudia Roth im SPIEGEL-ONLINE-Interview schwere Vorwürfe gegen den FDP-Politiker - und fordert alle Ministerien zur historischen Aufarbeitung ihrer Rolle während des Dritten Reiches auf.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Grünen in diesen Tagen endlich wieder mal stolz auf Joschka Fischer?

Claudia Roth: Unserem ehemaligen Außenminister ist zu verdanken, dass etwas an die Öffentlichkeit gebracht wurde, was abscheulich und beschämend ist: Dass braunes Denken von Weißkragen im Auswärtigen Amt während der Nazi-Zeit exekutiert wurde. Joschka Fischer hat der Beschimpfung als Nestbeschmutzer widerstanden und mit dem Auftrag an die Historikerkommission deutlich gemacht, dass der Korpsgeist des Hauses nicht zu akzeptieren ist.

SPIEGEL ONLINE: Fischer hatte auch verfügt, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder im Sterbefall nicht mehr die übliche Würdigung erhalten. Unter Minister Guido Westerwelle wurde der Erlass wieder aufgehoben - verstehen Sie die Entscheidung?

Roth: Sie ist für mich absolut unverständlich und nicht zu entschuldigen. Das ist eine Art von vorauseilendem Korpsgeist-Gehorsam. Westerwelle ist damit jenen in den Rücken gefallen, die die Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren wollen. Mit dem Gerede von einer Übergangsregelung versucht sich sein Ministerium nun scheinheilig aus der Affäre zu ziehen. Gerade wenn man denkt, dass der Erlass nicht weitreichend genug war, hätte es der politische Anstand erfordert, den Bericht der Kommission abzuwarten. Dann hätte man immer noch Konsequenzen ziehen können.

SPIEGEL ONLINE: Westerwelle hat bereits angekündigt, die Ergebnisse der Kommission in die künftige Ausbildung der deutschen Diplomaten zu integrieren. Reicht Ihnen das?

Roth: Das ist ein erster Schritt - aber er reicht nicht aus. Es gibt zu Recht ein öffentliches Interesse an der Geschichte des Auswärtigen Amtes, deshalb sollte das Archiv der allgemeinen Forschung zugänglich gemacht werden und dem Bundesarchiv überstellt werden. Außerdem muss sich das Amt dringend mal die Gemäldegalerien der deutschen Botschaften vornehmen. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut sollte die Geschichte jeder einzelnen Botschaft aufgearbeitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern viel vom AA - andererseits gibt es Ministerien in Berlin, die sich bis heute überhaupt nicht mit ihrer Rolle in der Nazi-Zeit beschäftigen wollen. Was ist mit denen?

Roth: Das ist ein völlig inakzeptabler Zustand. Deshalb appelliere ich an Staatsminister Bernd Neumann, der für Erinnerungskultur zuständig ist, tätig zu werden. Es muss dafür gesorgt werden, dass jedes Ministerium die eigene Rolle unter den Nazis untersuchen lässt. Gerade Häuser wie das Gesundheits- oder das Wirtschaftsministerium, in denen noch gar nichts passiert ist, stehen da in der Pflicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr ehemaliger Parteifreund Otto Schily hat sich als damaliger Innenminister heftig gegen eine ähnliche Untersuchung seines Hauses gewehrt - warum gab es da unter Rot-Grün keine einheitliche Linie?

Roth: Ich bedaure sehr, dass es keinen gemeinsamen Vorstoß gab. Tatsächlich war mit Otto Schily in dieser Frage nicht zu reden; er war dagegen, die Rolle von Ministerien während des Dritten Reichs aufarbeiten zu lassen. Andere Häuser haben es dennoch getan, beispielsweise das Landwirtschaftsministerium unter Renate Künast. Auch das Finanzministerium hat später unter Peer Steinbrück mit der Aufklärung der eigenen Geschichte begonnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Widerstand gegen die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in vielen Ministerien immer noch so groß?

Roth: Ich habe das selbst erlebt, als ich mich in meinem Wahlkreis für die Beschäftigung mit Augsburgs Vergangenheit im Dritten Reich eingesetzt habe: Aufs übelste bin ich als Nestbeschmutzerin beschimpft worden. Diese Haltung ist in Deutschland auch heute noch verbreitet. Umso mehr hoffe ich, dass die Ergebnisse der Historikerkommission in allen Bundesministerien den Hebel umlegen. Ich sage das nicht, um immer nur in der Geschichte zu wühlen - sondern weil ich glaube, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Dritten Reiches und die Aufklärung darüber die besten Voraussetzungen für den Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus in der Gegenwart sind.

Das Gespräch führte Florian Gathmann

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JeZe, 28.10.2010
1. Datum
Habe gerade mal auf den kalender geschaut: 28. Oktober 2010.
Rainer Helmbrecht 28.10.2010
2. Für ein titelfreies SpOn-Forum.
Zitat von sysopDie Aufarbeitung im Auswärtigen Amt reicht ihr nicht aus: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert Grünen-Chefin Claudia Roth von der Bundesregierung, alle Ministerien zu ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit zu untersuchen. Außerdem greift sie Außenminister Westerwelle scharf an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725684,00.html
Finde ich gut, aber vorher müssten alle Abgeordneten und ihre Parteien auf Stasi Beeinflussung untersucht werden. Dazu gehörte, auch das Verschwinden der Mauer in Berlin, was so gründlich betrieben wurde, dass man Ausstellungsstücke "besorgen" muss. Auch könnte man nachforschen, warum die Zahl der Mauertoten, bei jeder Veröffentlichung geringer wird. MfG. Rainer
c++ 28.10.2010
3. .
Dem damaligen grünen Außenminister Fischer ist es zu verdanken, dass Deutschland den ersten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nach dem Krieg geführt hat, dass deutsche Soldaten in Afghanistan sterben. In einer Stellungnahme in der Süddeutschen Zeitung wurde deutlich, dass Fischer gar nicht mehr versucht, den Afghanistaneinsatz mit humanitären Gründen zu rechtfertigen. Stattdessen führt er ausschließlich geopolitische Ziele an. "Afghanistan ist das Schlachtfeld, aber die Ursachen für die Kriege und Bürgerkriege, die seit Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts dieses Land verheeren, lagen und liegen jenseits seiner Grenzen." Wenn eine Partei, deren Chefin keine anderen Probleme hat, in Wählerumfragen auf 20% kommt, dann zeigt das, wie verzweifelt der Zustand dieses Landes sein muss, dass die Wähler diese Partei als kleinstes Übel ansehen. Das ist doch alles nur noch irre.
senflöwe 28.10.2010
4. Berechtigte und wichtige Forderungen nach Transparenz, aber einseitig blind!
Zitat von sysopDie Aufarbeitung im Auswärtigen Amt reicht ihr nicht aus: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert Grünen-Chefin Claudia Roth von der Bundesregierung, alle Ministerien zu ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit zu untersuchen. Außerdem greift sie Außenminister Westerwelle scharf an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725684,00.html
Die Aufarbeitung jeglicher Naziverstrickung ist aus historischer Sicht wichtig. Wie weitreichend in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens die Krake des Nationalsozialismus Ihre Arme ausgestreckt hat, ist auch viele Jahre immer noch erschreckend und sollte als Mahnung an künftige Generationen immer deutlich bleiben. Es waren eben nicht nur ein paar Anführer, und der arme Rest der Bevölkerung hat nichts gewusst. Die Unmenschlichkeiten der Nazis sind unvergleichlich, die Aufarbeitung der Geschichte wird allerdigns bei einem anderen Verbrechen genauso wenig erfolgreich und konsequent durchgeführt. Daher ist es beschämend, wenn Frau Roth als linke Chefideologin der "Grünen" auf dem Auge der SED Vergangenheit der Linkspartei absolut blind bleibt. . .
5mark, 28.10.2010
5. Hervorragende Analyse
Zitat von JeZeHabe gerade mal auf den kalender geschaut: 28. Oktober 2010.
Das kann ich bestätigen. Und wenn man das mal kurz überschlägt ist der WKII mittlerweile 65 Jahre vorbei. Wow Leute die nach der NS Zeit geboren wurden können jetzt schon senile Rentner sein. Aber zum Glück haben wir ja Frau Roth, die sich ihrer eigenen Nationalität so dermaßen schämt, dass es für eine Person nicht auszureichen schient. So dass Sie den restlichen Deutschen auch ständig Scham einreden zu versucht. Ich bin erst 35 aber ich hab das Gefühl, dass Frau Roth sogar mir versuchen würde eine NS Vergangenheit einzureden, wenn sie die Chance dazu bekäme, Ich persönlich bin mir bewusst was im Dritten Reich passiert ist und bin in der Lage es zu werten. Wenn Frau Roth mit der Geschichte ihres Volkes nicht in Frieden leben kann ... Ja dann gibt es da Auswege.
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