Grünen-Chefin Peter vor Parteitag "Weniger bunt als Claudia Roth? Na und?"

Simone wer? Sie führt seit einem Jahr die Grünen, aber außerhalb der Partei kennt kaum jemand Simone Peter. Hier klagt sie über die Eigenheiten des Berliner Politik-Betriebs - und erklärt, warum sie trotzdem weitermachen will.

picture alliance/ Oliver Lang

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Berlin - Wenn die Grünen an diesem Freitag zum Parteitag in Hamburg zusammenkommen, ist Simone Peter eine der Hauptfiguren. Als Vorsitzende wird sie gleich viermal auf dem Parteitag sprechen. Nur für viele Wähler ist Peter, die im vergangenen Herbst an die Spitze der Grünen gewählt wurde, noch ein unbeschriebenes Blatt.

Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät Peter, was sie tun will, um bekannter zu werden. Sie spricht über die Härte des Berliner Politikbetriebes, sagt aber, sie könne "auch einstecken. Man lernt mit der Kritik umzugehen".

Die Grünen-Politikerin räumt auch Fehler ein, beispielsweise im Umgang mit ihrem Co-Vorsitzenden Cem Özdemir. Sie spricht zudem über ihren Streit mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Thema Asyl .

Hier das komplette Interview:

Zur Person
  • imago/ IPON

    Simone Peter, geboren 1965 im saarländischen Quierschied, ist seit vergangenem Herbst Bundesvorsitzende der Grünen. Die promovierte Biologin war von 2009 bis 2012 Umweltministerin im Saarland. Zuvor baute sie die Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin mit auf und leitete sie.

SPIEGEL ONLINE: Frau Peter, warum sind Sie nach gut einem Jahr als Parteichefin immer noch so unbekannt?

Peter: Ist das so? 37 Prozent der Deutschen kennen mich, Stand heute, das werden Monat für Monat mehr. Ich war als Umweltministerin des Saarlands bundesweit ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb ist doch klar, dass ich nach einem Jahr noch nicht so bekannt bin wie andere, die seit Jahren auf der Bundesebene präsent sind. Deshalb bin ich da ganz entspannt.

SPIEGEL ONLINE: Jürgen Trittin, Renate Künast, Claudia Roth - die kannte jeder in Deutschland, sie verkörperten die grüne Programmatik. War es vielleicht doch ein Fehler, die komplette Führungsgeneration abzusetzen?

Peter: Die kannte jeder - nach Jahrzehnten in der Bundespolitik. Das lässt sich nicht von heute auf morgen aufholen. Wäre der Generationswechsel nicht vollzogen worden, gäbe es ebenfalls negative Kommentare, oder?

SPIEGEL ONLINE: Aber müssten Sie deshalb nicht erst recht mehr tun, um eine grüne Identifikationsfigur zu werden?

Peter: Das wird schon. Bei Demos gegen Tagebaue oder Massentierhaltung erkennen mich die Leute durchaus. Sie wissen, wofür ich stehe. Aber die Medienöffentlichkeit teile ich mir natürlich mit dem übrigen Führungsquartett und den vielen profilierten Fachpolitikern, die wir haben. Wir werden als Grüne zudem immer noch verstärkt über Themen wahrgenommen. Und darauf kommt es uns an.

SPIEGEL ONLINE: Dann stellt sich doch die Frage: Kann man so die kleinste Oppositionspartei im Lande führen? Warum kommen die Grünen in den großen Debatten so wenig vor?

Peter: Das sehe ich anders: Die Grünen dringen bei den Themen durch, die für uns zentral sind: Klimaschutz, Bürgerrechte, Flüchtlinge - da setzen wir deutliche Akzente. Über die Freihandelsabkommen TTIP und CETA würde ohne uns Grüne nicht so breit und so kritisch diskutiert. Und mit unseren Wahlergebnissen bin ich als Parteichefin nach einem Jahr ganz zufrieden. Wir haben wieder Tritt gefasst, bei der Europawahl genauso wie bei den Wahlen in den Ländern und Kommunen.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade von dort gibt es Kritik an Ihnen und dem Rest der Führung im Bund - das schlägt sich sogar in einem zentralen Antrag auf dem Parteitag nieder: Er fordert mehr Profil.

Peter: Für Profil sorgen wir auf dem Parteitag mit inhaltlichen Debatten über Freiheit und Ernährung, Asyl- und Außenpolitik. Im Übrigen: Ich bin ja viel unterwegs in den Kreis- und Ortsverbänden, das ist einer der Vorteile, wenn man kein Bundestagsmandat hat - und da nehme ich die Stimmung ganz anders wahr. Natürlich gab es nach der Bundestagswahl viel Verunsicherung, aber die legt sich mit jeder Wahl, die wir erfolgreich bestreiten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt immer wieder den Vorwurf, der Berliner Medienbetrieb sei gnadenlos im Umgang mit Politikern. Wie sehen Sie das nach einem Jahr in der Bundespolitik?

Peter: Am Anfang war das schon manchmal hart. Diese teils herablassende Form der Berichterstattung war ich aus dem Saarland nicht gewohnt. Die grüne Regierungsbeteiligung dort war von einer überwiegend positiven Presse begleitet. Das hat auch schnell zu hohen Bekanntheitswerten geführt. Das ist auf Bundesebene natürlich anders. Aber ich kann auch einstecken. Man lernt mit der Kritik umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die Kritik verletzt?

Peter: Nein. Verletzen würden mich Dinge, bei denen es um Äußerlichkeiten, also nicht um die Politikerin geht. Da werden immer wieder Grenzen überschritten. Wieso sind immer wieder die Haare von Toni Hofreiter ein Thema? Er wird sie sowieso nicht abschneiden, und das ist gut so! Auch mir wurde nachgesagt, ich sei weniger bunt als Claudia Roth. Na und? Wir sind eben zwei unterschiedliche Typen. Frauen haben es sowieso schwerer, weil ihnen häufig mangelnde Eigenständigkeit unterstellt wird. Aber das spornt mich eher an. Das war schon bei der Dissertation und im Ministeramt so. Der Bundesvorsitz ist eine neue Herausforderung. Und sie macht viel Spaß!

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja immer wieder Spekulationen, dass Jürgen Trittin ein Comeback vorbereitet. Halten Sie das für möglich?

Peter: Ich weiß nicht, worauf sich solche Gerüchte stützen. Ich habe keine Anzeichen für ein Comeback von Trittin. Das höre ich weder aus der Partei noch von ihm selber. Der Generationswechsel ist vollzogen, Anton Hofreiter führt gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt die Fraktion. Die beiden machen das gut. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie alles richtig gemacht im vergangenen Jahr?

Peter: Bestimmt nicht. Man macht immer Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind gespannt.

Peter: Die Abstimmung auf Führungsebene war sicher nicht immer optimal. In Zukunft werde ich lieber einmal mehr zum Telefonhörer greifen...

SPIEGEL ONLINE: …um sich besser mit Ihrem Co-Vorsitzenden Özdemir abzusprechen?

Peter: Auch das. Dazu kommt, dass ich mich nicht so anstecken lassen will von den Aufgeregtheiten des Berliner Politikbetriebs. Ich will beharrlich meine Themen setzen, von der Flüchtlingspolitik über nachhaltiges Haushalten bis zum Klimaschutz. Wenn das gelingt, dann bin ich guter Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zu Özdemir ist …

Peter: … gut.

SPIEGEL ONLINE: Da haben wir anderes gehört. Sie haben sich nachweislich immer wieder öffentlich widersprochen, zuletzt bei der Bewertung der Aussagen von Bundespräsident Gauck zur Linkspartei. Kann man so gemeinsam eine Partei führen?

Peter: Dass es in einer Doppelspitze auch mal verschiedene Akzente gibt, ist doch ganz normal. Aber manche Irritation lässt sich durch eine bessere Abstimmung vermeiden. Das haben wir uns fest vorgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Der eigentliche Star Ihrer Partei ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der auf dem Parteitag gleich zweimal reden darf. Gönnen Sie ihm das?

Peter: Das kann dem Parteitag nur guttun. Wir werden die Debatten zu Freiheit und Asylpolitik gemeinsam nutzen, um zu zeigen, wie sich grüne Politik vom Kurs der großen Koalition unterscheidet. Im Übrigen rede ich dort viermal, da kann ich mich schwerlich beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie lagen mit Kretschmann mehrfach über Kreuz, zuletzt beim Thema Asyl. Müssen Sie als Grünen-Chefin Ihren einzigen Ministerpräsidenten nicht nach Kräften unterstützen?

Peter: Das tue ich. Und ich setze alles daran, dass Winfried Kretschmann 2016 als baden-württembergischer Ministerpräsident bestätigt wird. In der Asyldebatte hatten wir unterschiedliche Einschätzungen, aber das tut unserem guten Verhältnis keinen Abbruch. Ich hätte mir ein einheitliches Abstimmungsverhalten der grünen Länder im Bundesrat gewünscht. Mit der grünen Oppositionsrolle im Bund und Regierungsbeteiligungen in sieben, bald hoffentlich acht Bundesländern, ist ein hohes Maß an Abstimmung notwendig. Auch daran arbeiten wir intensiv. Ich bin da ganz optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Der Historiker Paul Nolte hat kürzlich das Ende der Grünen vorausgesagt. Was würden Sie ihm entgegenhalten?

Peter: Unsinn. Die Polkappen schmelzen, das Öl wird knapper und in den Meeren schwimmt bald mehr Plastik als Fische. Wenn es die Grünen nicht gäbe, müsste man sie erfinden.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
linkereuropäischerpatriot 21.11.2014
1. Eine dringend erforderliche Werbekampagne?!
Na, so wie die Grünen gerade im Bund auftreten muss man für die Dame eine offene und aggressive Werbekampagne starten! Parallel sollte man aber dringend über neues Personal nachdenken. Das geht gerade gar nicht!!
western_skies 21.11.2014
2. Konzentration auf Kerngruppe
Sie macht es richtig, dass sie die Grünen wieder stärker auf ihre Kernklientel fokussiert, die Tierwohlaktivisten und Tagebauprotestanten. Da soll sie ruhig bekannt sein und den Rest der Welt in Ruhe lassen.Im übrigen: reden kann sie. Alle Fragen perfekt gekontert. Alles easy, alles roger, alles paletti. Es gibt keine Probleme, nur Lösungen, keine Schwierigkeiten, nur Herausforderungen. Alles positiv, alles im grünen Bereich. Eine richtige Politikerin!
Jamesteakirk 21.11.2014
3. Gutgemeinte Politikberatung
Liebe Grüne,Ihr könnt wieder relevant werden, wenn ihr endlich den Feminismus und euer Gutmenschentum beim Thema Gleichberechtigung ablegt. Dann ist das Schlimmste weg, was andere daran hindert, grün zu wählen. Interessieren euch eigentlich die wenigen Männer, die grün wählen? Warum sind das so wenige? Könnt ihr eigentlich auch verschiedene Benachteiligungslegenden in bezug auf Frauen hinterfragen? Die Grünen haben einiges Gutes zu bieten. Hört aber doch bitte mal mit all den feministischen Lügen bzgl. häuslicher Gewalt, Lohndiskriminierung etc. auf. Kümmert euch auch um Männer. Ich bin selbst Grün-Wähler und schreibe dies, weil mir etwas an der Partei liegt. Ihr werdet in eurem Opportunismus und eurer Angepaßtheit untergehen, wenn ihr euch nicht kritisch hinterfragt und Männerrechtler durch eure Stiftung und deren akademische Stiefellecker als "rechts" und "frauenfeindlich" denunzieren laßt.
jot-we 21.11.2014
4.
Zitat von western_skiesSie macht es richtig, dass sie die Grünen wieder stärker auf ihre Kernklientel fokussiert, die Tierwohlaktivisten und Tagebauprotestanten. Da soll sie ruhig bekannt sein und den Rest der Welt in Ruhe lassen.Im übrigen: reden kann sie. Alle Fragen perfekt gekontert. Alles easy, alles roger, alles paletti. Es gibt keine Probleme, nur Lösungen, keine Schwierigkeiten, nur Herausforderungen. Alles positiv, alles im grünen Bereich. Eine richtige Politikerin!
Ist mir auch aufgefallen. Nachdem die Dame alle, aber auch wirklich alle Vorwürfe abgeschmettert und im Nirwana hat versanden lassen, gibt sie auf die Frage, ob sie denn auch Fehler gemacht habe, die einzig kompatible Antwort: aber ja! (Natürlich nur mikroskopische.) Nun ist es wahrlich keine Überraschung, dass sich auch bei den Grünen Worthülsen-Profis an die Spitze schleimen, aber hier scheint doch ein ganz neues Niveau erreicht. Wie gesagt: eine richtige Politikerin!
itasca7 21.11.2014
5.
Die Dame kommt aus Quierschied, nicht Quierscheid! Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
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