Parteitag der Grünen Raus aus der Wuthöhle

Die Grünen haben kapiert: Wenn man etwas reißen will, muss man sich zusammenreißen. Der Weckruf der Partei ist deutlich - aber er kommt spät.

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Trekkies und andere Konsumenten der Popkultur wissen, was Enterprise-Kapitän Jean-Luc Picard machen musste, um sein Raumschiff von Stillstand auf Speed zu bringen: "Energie", sagte er dann (in der deutschen Fassung) im Boss-Ton, schwang seinen Boss-Zeigefinger, und die Kiste zischte ab.

Ähnliches haben die Grünen am Wochenende auf ihrem Parteitag versucht - und sich selbst eine Energie-Infusion verpasst. Das lag auch an der überraschend unpeinlichen Inszenierung der Parteiprominenz.

Es hätte ja auch gut schiefgehen können, als Bibelfan Katrin Göring-Eckardt zu einem Gitarrensong namens "Mayhem" ("Chaos") in den Saal marschierte und live Donald Trump antwitterte. Oder als Robert Habeck mit sorgfältig zerzausten Out-of-bed-Haaren ("Ich brauche keinen Teleprompter, ich habe den Redezettel im Kopf") rief, man müsse "diese verfluchte Wahl" gewinnen. Und als Cem Özdemir nach einer Stunde verbalem Krafttraining durchtranspiriert seiner Frau in die Arme fiel.

Aber too much ist genau richtig für die Grünen. Sie haben keine andere Wahl, als zu übertreiben. Die Partei geht gerade unter, in der öffentlichen Wahrnehmung, in den Umfragen. Sie scheint endlich kapiert zu haben, dass man sich zusammenreißen muss, wenn man was reißen will. Zwar gab es vereinzelt Szenen des Anzickens, aber sie blieben eine Fußnote.

Eigentlich hätte dieses Signal der Geschlossenheit viel früher kommen müssen, im vergangenen Jahr zum Beispiel, als Merkel angreifbar war und Schulz noch nicht auf der Bildfläche erschienen. Als die Umfragewerte noch zweistellig waren. Da beschäftigte man sich lieber mit einem Steuerstreit und verkroch sich in der Wuthöhle. Nach diesem Parteitag können die Grünen endlich mit einem klaren Profil in den Wahlkampf gehen.

Die Operation am Wahlprogramm offenbarte aber auch die Schwäche des Spitzenduos nach innen: Özdemir und Göring-Eckardt mussten ungewöhnlich viele Zugeständnisse machen. Eigentlich wollten sie rote Linien vermeiden, um maximal flexibel für Koalitionen aller Art zu bleiben. Die Basis ertrotzte sich diese roten Linien nun: beim Recht auf Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und bei Abschiebungen in Krisengebiete.

Außerdem verschärfte sie den schwammigen Zehn-Punkte-Plan der Spitzenkandidaten, eine Art grünes Wunschpaket. Feminismus wird darin nun eine größere Rolle spielen als geplant. Auch wird nun klar benannt, dass deutsche Autobauer ab 2030 nur noch E-Mobile produzieren dürften. Diese Jahreszahl wurde ursprünglich in der Liste weggelassen - aus Rücksicht auf Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der es sich nicht mit den Autobossen verscherzen will.

Vielleicht ist bei den Grünen doch noch etwas zu retten. Gesetzt den Fall, der grüne Weckruf kommt nicht zu spät - und es will ihnen überhaupt noch jemand zuhören.



insgesamt 128 Beiträge
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raicen 18.06.2017
1. Naja
Überzeugt haben sie mich noch nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung, um zu zeigen, dass die Partei nicht völlig eingeschlafen ist und sich mit einem Versinken in die Bedeutungslosigkeit abgefunden hat, war es immerhin. Mehr Leute wie Hofreiter würden der Partei mMn übrigens gut tun.
dulcineadeltoboso 18.06.2017
2.
Zunächst möchte ich mal anmerken, dass Merkel zwar im vergangenen Jahr angreifbar war, aber sicherlich nicht mit linken Themen. Dann ist festzustellen, dass die letzten Landtagswahlen eine deutliche Rechtsverschiebung ergeben haben. Nun können die Grünen wählen, ob sie sich diesem Trend anschließen wollen, womit sie unglauwürdig würden, oder lieber authentisch bleiben mit Themen wie Feminismus, Ehe für alle oder der Anmaßung, der Autoindustrie (am besten weltweit) etwas vorschreiben zu können. Beides wird keine Punkte bringen.
rainer82 18.06.2017
3. Endlich wieder wählbar!
Das Selbstbewusstsein scheint dann ja wohl wieder zurückgekehrt zu sein. Die Grünen hatten auch nie einen Grund sich zu verstecken. Sie haben sich zuletzt aber unter Wert verkauft. Der Parteitag kam offenbar zur rechten Zeit. Das positive Medienecho sogar der den Grünen sonst noch nie gewogenen konservativen Presse zeigt, dass etwas Grundlegendes passiert sein muss.
spon-facebook-10000540048 18.06.2017
4. Eigentlich
Eigentlich bin ich Grünen-Wähler. Aber Göring-Eckardts Glückspillenparteitagsfürdiekameras-Rummgetänzel, genauso, wie Özdemirs westerwellemäßige Prä-Minister-Verklemmtheit lassen mich inwischen wünschen, dass keine/R der Beiden je ein Regierungsamt bekommt. Eigentlich schade.
jojack 18.06.2017
5. Schwarz-grün?
Ich war mal der Meinung, dass die Grünen sich flexbilisieren und auf schwarz-grün zuarbeiten sollten. Nach 12 bleiernen Merkel-Jahren, bin ich jedoch der Meinung, dass das überhaupt nicht gut wäre. Warum? Weil wir anstatt lagerübergreifender Konsens-Koalitionen mehr produktiven Streit und mehr Konkurrenz um die besten Konzepte brauchen. Sowohl eine große Koalition als auch schwarz-grün sind letztlich Betrug am Wählerwillen. Wie soll sich denn bitteschön ein wertkonservativer CDU-Wähler mit der grünen Idee einer "Ehe für alle" anfreunden, die eine schwarz-grüne Koalition womöglich mit sich brächte? Oder umgekehrt: wie soll ein grüner Fundi mit einer CDU-geprägten "law and order" Innenpolitik arrangieren? Die ideologische Entkernung der Parteien führt letztlich nur dazu, dass die Ränder gestärkt werden - namentlich die Linkspartei und die AfD. Ein politisches Spektrum sollte viele Farben kennen und nicht zu einer Quasi-Einheitspartei vermerkelt werden.
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