Kretschmann auf Grünen-Parteitag Mahner aus dem Musterländle

Er darf auf diesem Parteitag gleich zweimal sprechen: Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann ist zwar nicht der Liebling der Delegierten, aber selbst die Parteilinke weiß um seinen Wert für die Grünen.

  Grünenpolitiker Kretschmann: Die Partei braucht ihn
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Grünenpolitiker Kretschmann: Die Partei braucht ihn

Von , Hamburg


Man sieht schon von Weitem, wenn er den Saal betritt. Kaum hat Winfried Kretschmann in seinen schwarzen Gesundheitsschuhen einen Fuß in die Halle gesetzt, ist er von Fotografen und Kamerateams umschwärmt. Und natürlich sind immer die Personenschützer an seiner Seite. Der baden-württembergische Ministerpräsident ist der Star des Grünen-Parteitags in Hamburg.

Ist ja auch klar, als einziger grüner Regierungschef in Deutschland. Und dann auch noch in Baden-Württemberg, dem Wirtschaftsmotor der Republik. Kretschmann regiert ein Land mit einem größeren Bruttoinlandsprodukt als mancher mittelgroße EU-Staat. Als er am Freitagnachmittag am Hamburger Hauptbahnhof ankam, warteten schon zwei Limousinen auf ihn.

In der Sporthalle Hamburg, einer Siebzigerjahre-Hässlichkeit im Stadtteil Winterhude, darf Kretschmann an diesem Wochenende gleich zweimal reden. Das ist ungewöhnlich für einen, der kein Amt in der engeren Führung von Partei oder Fraktion bekleidet - aber es ist wohl die Anerkennung von Kretschmanns Wert für die Grünen.

Wenn er in der Freiheitsdebatte am Freitagabend wieder einmal mit einer seiner Lieblingsphilosophien daherkommt, stöhnen viele Delegierte auf - wenigstens innerlich. "Keine Freiheit ohne Verantwortung", sagt Kretschmann. So macht er Politik. Kretschmann leidet daran, dass andere Weggefährten sich nicht so entwickelt haben, wie er: Die sind genauso weit links außen gestartet, aber während Kretschmann inzwischen pragmatische Politik macht, kämpfen sie weiter, als sei die Zeit stehengeblieben.

Dunkelgrün lackierte S-Klasse mit Hybridantrieb

Der Stuttgarter Regierungschef lässt sich neuerdings in einer dunkelgrünen Mercedes-S-Klasse mit Hybridantrieb kutschieren - es gibt wohl kaum ein besseres Bild für den Grünenpolitiker Kretschmann.

Pünktlich zum Parteitag hat die "Süddeutsche Zeitung" unter der Überschrift "PS: 'Ich liebe Dich'" nachgezeichnet, wie er sich in Baden-Württemberg mit der Automobilindustrie anfreundete. Hatte Kretschmann kurz nach seiner Wahl zum Regierungschef das Motto "Weniger Autos sind besser als mehr" verkündet, spricht er nun mit großer Wertschätzung über seine heimischen Fahrzeugbauer. Weil der Grünenpolitiker rasch erkennen musste: Wenn Mercedes und Porsche nicht mehr so viele Autos verkauften, wäre Baden-Württemberg kein Musterländle mehr.

Und er wäre wohl die längste Zeit Ministerpräsident gewesen.

Genau das wollen selbst die Parteilinken nicht, die sich immer mal wieder mit Kretschmann in die Haare bekommen. Zuletzt in der Asyldebatte: Nachdem Kretschmann einem Gesetz der Großen Koalition im Bundesrat zugestimmt hatte, weil er die dafür erreichten Erleichterungen für hier lebende Flüchtlinge als ausreichend ansah, wurde verbal heftig auf ihn eingeprügelt. Mancher sprach von Verrat.

Die Grünen brauchen ihn als Identifikationsfigur

Aber auch Kretschmanns Kritiker wissen, wie wichtig er inzwischen für die Partei ist. So lange die Führung in Berlin so wenig Profil zeigt, braucht man ihn erst recht als grüne Identifikationsfigur. Vor allem: Er ist ein Bestimmer, während die Bundesgrünen nur Teil der Mini-Opposition sind. Und so hören sie sich zähneknirschend an, wenn Kretschmann in Hamburg die Wirtschaft lobt und von seiner Partei fordert, dass sie Unternehmer weniger bevormundet. "Wir müssen ihnen nicht immer sagen, was sie machen sollen", sagt er. Kretschmann, die Stimme der grünen Vernunft, glaubt auch an die Vernunft der Wirtschaft.

Ob er damit richtig liegt? Mancher widerspricht vehement. "Ich halte das für heillos naiv", sagt der Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler. Und dann zählt er Unternehmen beispielsweise aus der Ernährungsmittelbranche auf, die einen besonders schlechten Ruf in der Partei haben. "Diese Unternehmen denken und handeln nicht grün."

Auch am Samstagnachmittag wird es Kretschmann wieder so gehen, wenn er in der Asyldebatte versucht, seine Entscheidung zu erklären. Es wird heftigen Widerspruch gegen seine Position geben. Grüner Pragmatismus versus grünen Idealismus.

Kretschmann wird nie ein Parteitagsliebling werden. Dafür spricht er zu wenig das Herz der Delegierten an, zu sehr den Kopf. Aber die Grünen brauchen ihn. Robert Habeck, Vizeministerpräsident aus Schleswig-Holstein, drückt es so aus: "Wir werden die Verantwortung nicht los, von der Winfried Kretschmann gesprochen hat."

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
emmerot 21.11.2014
1.
Ach, so ist das mit Kindern und Erwachsenen. Mit dem 18. Geburtstag kommt eben auch die Verantwortung...
Heumar 21.11.2014
2. Da steht er nun und sacht:
Kinder, macht nichts mehr mit Kindern.
haarer.15 21.11.2014
3. Kretschmann
Keine Freiheit ohne Verantwortung ? Da klingt der in die Jahre gekommene Grünenpolitiker ein bisschen so wie unser pastoraler Bundespräsident Gauck - abgestaubt. Idealismus ade. Pragmatische Politik - was ist das ? Die Grünen müssen aufpassen, dass sie ihre ureigenen Werte nicht verraten. Gerade Kretschmann begibt sich da auf dünnes Eis. Die Partei ist schon zu etabliert und satt geworden, der Wandel atemberaubend. Wenn Kretschmann die Grünen zur Mitte führen will, so heißt das nichts anderes hin zu einer konservativliberalen CDU-light. Wie aufregend ... Im Ländle kann er das ja machen, im Bund sicher nicht. Da werden wohl viele ihrer Wähler das Weite suchen.
kurpfaelzer54 21.11.2014
4. Na schwätze tut er viel
... der Herr Kretschmann und den Landesvater spielt er gut. Nur so richtig Neues hat er hier im Ländle noch nicht geschaffen. Viel heiße Luft und wenig zum anfassen.
diorder 21.11.2014
5. Wem das Volk ein Amt gibt,
dem raubt er auch den (grünen) Verstand
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