Grünen-Parteitag mit Trittin und Özdemir: Der Leitwolf und sein Rivale

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Jürgen Trittin gilt als möglicher Finanzminister, gar Vizekanzler - wenn die Grünen in die nächste Regierung einziehen. Auf dem Parteitag in Kiel dürfte er seine Ausnahmestellung erneut demonstrieren. Doch im Vorsitzenden Cem Özdemir ist ihm ein ehrgeiziger Konkurrent erwachsen. 

Grünen-Fraktionschef Trittin, Vorsitzender Özdemir: Noch kein Duell auf Augenhöhe Zur Großansicht
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Grünen-Fraktionschef Trittin, Vorsitzender Özdemir: Noch kein Duell auf Augenhöhe

Berlin - Natürlich wird es Jürgen Trittins Parteitag. Alles läuft in letzter Zeit für den Chef der Grünen-Bundestagsfraktion - sogar als künftiger Finanzminister wird er inzwischen gehandelt. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" räumte gerade eine komplette Seite im Wirtschaftsteil für Trittin frei und befragte ihn zu seinen steuerpolitischen Vorstellungen. Früher galt er als fundamentalistischer Linker, die "Bild" nannte ihn Bürgerschreck, nun ist der Niedersachse auf dem besten Weg zum Bürgerliebling. Bei den Grünen ist Trittin sowieso die klare Nummer eins, erst recht seitdem sich seine Co-Fraktionschefin Renate Künast im Rennen um das Rote Rathaus in Berlin verkämpfte.

Nie war Jürgen Trittin, 57, mächtiger.

In Kiel, wo sich am Wochenende die Grünen zu ihrer Bundesdelegierten-Konferenz treffen, wird Trittin den wohl wichtigsten Leitantrag einbringen. Unter der Überschrift "Grüne Finanzpolitik" geht es am Samstagnachmittag um die Frage, wie man künftig solide und gleichzeitig grün haushalten kann. Unter anderem soll dafür der Spitzensteuersatz ab 80.000 Euro auf 49 Prozent angehoben werden, auch eine Vermögensabgabe oder -steuer ist geplant. Gleichzeitig wird Trittin seinen Auftritt vor den rund 900 Delegierten nutzen, um mit der Politik der Bundesregierung abzurechnen. "Rede zur Halbzeitbilanz der Bundestagsfraktion" heißt das im Parteitagssprech.

Trittin wird mit seiner gewaltigen Stimme durch die vormalige Ostsee-Halle donnern, wo sonst die Spieler des örtlichen Handballvereins THW dem gegnerischen Torhüter die Kugeln um die Ohren pfeffern, und mit den Armen seine typischen hackenden Bewegungen vollführen: Wenn er Angela Merkel abkanzelt, sich über den Wackelkurs der Union erhebt und die schwachbrüstige FDP verspottet. Jeder im Saal und am Abend vor den Fernsehgeräten wird dann wissen, wer bei den Grünen den Ton angibt.

Auch Cem Özdemir.

Özdemir, 45, führt gemeinsam mit Claudia Roth die Partei, er ist damit eine Art Gastgeber in Kiel, allerdings hat bei den Grünen ein Vorsitzenden-Amt traditionell wenig Wert. Es gab Vorsitzende, die kaum einer außerhalb der Partei kannte. Manchmal musste lange gesucht werden, bis jemand für den Posten gefunden war.

Özdemir wollte ein anderer Parteichef sein

Bei Özdemir, geboren im schwäbischen Bad Urach, ist das anders gelaufen. Er wollte den Job unbedingt - und der Grünen-Politiker hat von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er ein strahlender Parteichef sein möchte. Özdemir war schon als junger Mann ein Polit-Star, der erste türkisch-stämmige Abgeordnete im Bundestag. Er stieg schnell - und stürzte tief, wegen eines dubiosen Kredits und privat genutzter Bonusmeilen. 2002 schien seine politische Karriere beendet. Doch dann gelang ihm zwei Jahre später mit dem Sprung ins Europa-Parlament ein Mini-Comeback. Das vakante Amt des Vorsitzenden im Herbst 2008 eröffnete ihm die Chance, in die Bundespolitik zurückzukehren. Er griff zu.

Nun will Özdemir mehr.

Allerdings weiß der Parteichef, er kann Trittin bis auf weiteres nicht das Wasser reichen, selbst wenn Özdemir nach Künasts Pleite bei der Abgeordnetenhauswahl als neuer Kopf des grünen Realo-Flügels gilt. Auch die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2013 wird Trittin nach Lage der Dinge nicht zu nehmen sein. Seit dem Abgang von Joschka Fischer gab es keine ähnlich dominante Figur mehr bei den Grünen. Und keine erfahrenere: Trittin war viele Jahre Landes- und Bundesminister, aus seiner Zeit als Grünen-Vorsitzender kennt er auch die Partei, ist dort exzellent vernetzt.

Deshalb muss Özdemir sehr geschickt vorgehen, damit der Parteitag für ihn die nächste Treppenstufe auf dem Weg an die Spitze wird. Erst mal defensiv spielen. Özdemir wird am Freitagabend den Leitantrag zu Europa vorstellen, am Samstagmittag bringt er das Papier zum Thema "Ökologische Transformation der Wirtschaft" ein.

Özdemir gegen Trittin - das erinnert ein bisschen an das Duell von David gegen Goliath. Denn Özdemir sitzt ja nicht einmal im Bundestag: Die baden-württembergischen Grünen verweigerten ihm kurz vor der Vorsitzendenwahl 2008 einen entsprechenden Listenplatz, das Direktmandat in Stuttgart verpasste er ein Jahr später knapp. Die Logistik eines Bundestagsbüros, der Fahrdienst, das Parlamentsnetzwerk - all das fehlt ihm.

Seinem Ehrgeiz tut das keinen Abbruch. Özdemir hat sich eben andere Spielwiesen gesucht: Kein Spitzen-Grüner pflegt so gute Kontakte in die Unternehmenswelt, beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft sitzt er sogar im Beirat.

Es geht auch um den ewigen Richtungsstreit

Trittin weiß um die Wirtschaftsnähe des Vorsitzenden. Und sie schmeckt ihm nur bedingt - denn hinter dem heimlichen Duell der beiden steckt wie immer auch ein Richtungsstreit: Trittin und die Partei-Linken hier, Özdemirs Realos dort. Angesichts der sinkenden Umfragewerte fürchten manche, dass die Auseinandersetzungen zwischen den Flügeln wieder zunehmen könnten.

Mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 geht es vor allem um die ewige Koalitionsdebatte. Von "grüner Eigenständigkeit" reden alle bei den Grünen, aber im Kern ist die Frage: Müssen Bündnisse mit der Union künftig schon im Wahlkampf ausgeschlossen werden, was sich die Linken wünschen - oder hält man sich diese Option im Sinne der Realos offen? In manchen Ländern sind inzwischen selbst linke Grüne gegen Ausschließeritis, deshalb baut man hier auf Özdemir. "Er muss die Unabhängigkeit der Landesverbände bei der Brautschau betonen", sagt ein Bundestagsabgeordneter.

"Der Parteitag wird diese Fragen inhaltlich beantworten", sagt Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke. Aber das wird er natürlich nicht. Denn sowohl Trittin als auch Özdemir haben dafür gesorgt, dass sich in den Leitanträgen kein Flügel durchsetzt. So hat Trittins künftiger Büroleiter eifrig am Wirtschaftsantrag mitgeschrieben, am Finanzpapier wiederum waren maßgebliche Realos beteiligt.

Und auch auf die Personaldebatte wird der Parteitag keine endgültigen Antworten geben. Wenn Özdemirs Plan aufgeht, wird er aus dem Kieler Treffen gestärkt hervorgehen, gewissermaßen in Lauerstellung. Als designierte Nummer eins, das reicht ihm fürs Erste. Trittin bleibt zunächst unangefochten.

Aber der Leitwolf weiß, dass er sich in Acht nehmen muss: Bei der Parteiratssitzung am vergangenen Montag soll Trittin nachdrücklich auf zusätzliche Redezeit für seinen Kieler Auftritt gedrungen haben.

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insgesamt 42 Beiträge
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1. erbarme
motsch, 25.11.2011
Trittin ist ein Populist. Das einzige was er wirklich kann, ist in die Taschen der Bürger zu greifen. Aber da unsere jetzige Regierung auch nur murk(el)st, werden wir den bald wieder in Verantwortung sehen. Leider. Einnahmeerhöhung ist ja sein Lieblingswort. 2014 kommt dann Ökosteuer 2.0
2. Falsche Partei
Pepito_Sbazzagutti 25.11.2011
Herr Özdemir produziert sich in der falschen Partei. Ich würde die Gründung einer völlig neuen Partei mit dem Führungsquartett Özdemir, Koch-Mehrin, Hohlmeier und Guttenberg empfehlen. Dann weiß man wenigstens, woran man ist :-)
3. lachelache
WolfgangW. 25.11.2011
Die Pöstchen werden schon verteilt. Klasse. Künst hat gerade ihre satte Bauchlandung in Berlin vorgeführt, hoffentlich bleibt das so.
4. Trittin und Finanzen?
humpensack 25.11.2011
Zitat von sysopJürgen Trittin gilt als möglicher Finanzminister, gar Vizekanzler - wenn die Grünen in die nächste Regierung einziehen.*Auf dem Parteitag in Kiel dürfte er seine Ausnahmestellung erneut demonstrieren. Doch im Vorsitzenden Cem Özdemir ist ihm ein ehrgeiziger Konkurrent erwachsen.* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799317,00.html
Trittin Finanzminister? Gott bewahre! Bevor sich die ersten echauvieren a la "schwarz-geld", Banken usw. der soll mal realistisch und abgegrenzt von seiner grünen Brille betrachten was dieser Herr nach sich ziehen würde.
5. Bürgers Liebling, wirklich?
McPomNormalo 25.11.2011
Na ich weiß nicht, bei wem Herr Trittin Liebling ist. Bei den Flasschenproduzenten? Schließlich hat er aus den Mehrwegflaschen die billige Wegwerf-Variante gemacht, und aus Wegwerfware Sozialspenden. Die Energie-Oligarchen? Auf jeden Fall, was bedeutete Trittin schon eine Regulierungsbehörde. Trittin, das ist der Herr, der Atomkraftgegner ins Sachen Widerstand zur Verhandlungssache macht. Trittin wählen heißt, sich vom ökologischen Widerstand freikaufen zu können. Trittin blinkt links, hupt laut nach rechts, und dann gehts mit Vollgas opportunistisch durch die Mitte. Ehrlich, liebe wohlgelittene grünen Mitbürger, dann lieber jeden anderen.
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