Grünen-Politiker Al-Wazir Joschkas Erbe

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2. Teil: "Das werde ich Koch nie verzeihen!


Die Zettel in der Uni sind verteilt, bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" diskutiert Al-Wazir mit Wirtschaftsminister Alois Riel und SPD-Schattenminister Hermann Scheer über Energiepolitik. Danach sitzt der 37-Jährige beim Mittagessen am Frankfurter Hauptbahnhof. Neben ihm liegt eine "Bild"-Zeitung, Schlagzeile ist heute ein Zitat des Ministerpräsidenten: "Ich lasse mir von Türken-Vertretern nicht den Mund verbieten."

Mit dieser Aussage, sei Koch zu weit gegangen, sagt Al-Wazir.

Roland Kochs Wahlkampf-Thema Jugendkriminalität hatte er eigentlich totschweigen wollen. Wegen der Erinnerungen an den Triumph des CDU-Mannes 1999 mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Doch die Strategie ließ sich nicht durchhalten. Inzwischen ist Al-Wazir umgeschwenkt. Nun wirft er dem Ministerpräsidenten vor, das Thema in den vergangenen neun Jahren vernachlässigt zu haben. "Natürlich haben wir ein Problem mit steigender Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft."

Nur habe das Thema Jugendgewalt und die "ausländischen Kriminellen" jahrelang niemanden interessiert. Anfang 2000 ließ die Koch-Regierung die Jugendarrestanstalt im nordhessischen Kaufungen schließen. Damals protestierten sogar die Grünen. "Grüne für den Knast, das muss man sich mal vorstellen", sagt Al-Wazir. Er spricht von den abgebauten Polizeistellen und der verheerenden Bilanz in der Inneren Sicherheit in Hessen. Jüngste Untersuchungen zeigten, dass die Jugendkriminalität in Kochs Bundesland in den vergangenen Jahren besonders rasant gestiegen sei.

"Schwarz-Grün? Höchstens mit Laschet, Süssmuth und Arslan"

Dieses Mal - da sei er sicher - werde Koch mit seiner Kampagne nicht erfolgreich sein. Tatsächlich verliert die CDU in Hessen anderthalb Wochen vor den Wahlen rapide in den Umfragen, "Der Unterschied zu 1999 ist vor allem, dass Koch seit neun Jahren regiert", so Al-Wazir.

Viele erinnern sich zehn Tage vor den Wahlen in Hessen an den ersten Anti-Ausländerwahlkampf Roland Kochs. Aber für Al-Wazir war die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft auch eine persönlich bittere Erfahrung. Und an den Wahlständen musste er zum ersten Mal erleben, was es bedeuten konnte, ausländisch auszusehen. "Bürger haben zu mir gesagt: Leute wie dich, die meinen wir. Geh dorthin zurück, wo du herkommst."

Das werde er Koch nie verzeihen, sagt Al-Wazir.

Ein Jahr später wurde der Grüne auch im Landtag offen angefeindet. Der CDU-Abgeordnete Reif soll nach Auskunft zahlreicher Ohrenzeugen gerufen haben: "Geh doch zurück nach Sanaa". Der Unions-Mann erklärte, er habe lediglich "Ein Student aus Sanaa" gesagt.

Das ist beinahe acht Jahre her - aber die Herkunft, sagt Al-Wazir, die spiele auch in Deutschland leider immer noch eine Rolle. Neulich habe ihn der Anrufer einer Radiosendung gefragt, wie ein Jemenit sich das Recht herausnehmen könne, gegen den Flughafenausbau in Frankfurt zu sprechen.

"Ausgestanden ist das nicht", sagt Al-Wazir. Das liege auch an Leuten wie Koch.

Und wenn Koch nicht wäre, könnte er sich dann Schwarz-Grün vorstellen? "Höchstens mit Armin Laschet, Rita Süssmuth und Bülent Arslan."

Er lacht kurz. Er muss jetzt los, sein Dauerlauf endet erst am Wahlabend.



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