SPIEGEL ONLINE: Sie sind im besten Alter - warum bewerben Sie sich eigentlich nicht bei der Urwahl als Spitzenkandidat?
Cohn-Bendit: Das ist lustig! Ich bin tatsächlich im besten Alter, um das Ende meiner politischen Laufbahn im Auge zu haben. Abgesehen davon interessiert mich nationale Politik nicht mehr.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie würden wenigstens ein bisschen Dampf in die Urwahl bringen.
Cohn-Bendit: Darum geht es nicht. Nach dem Rückzug von Joschka Fischer ist klar, dass keine Person alleine die intellektuelle und emotionale Substanz hat, die Grünen im Wahlkampf zu repräsentieren. Das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Alle vier ernsthaften Kandidaten - Jürgen Trittin, Claudia Roth, Renate Künast und Katrin Göring-Eckardt - haben ihre Kompetenzen und ergänzen sich prima. Nehmen wir Trittin: Er bringt alles mit, bis auf die Fähigkeit zu emotionaler Bindung. Die hat dafür Claudia Roth. Und so weiter.
SPIEGEL ONLINE: Aber nach der Urwahl werden am Ende nur zwei von ihnen übrig bleiben.
Cohn-Bendit: Genau das halte ich für falsch: Ich bin gegen ein Spitzenkandidaten-Duo. Die vier sollten als Team im Wahlkampf antreten - gemeinsam repräsentieren sie die Grünen perfekt.
SPIEGEL ONLINE: Also keine Urwahl?
Cohn-Bendit: Doch, von mir aus gerne. Es wird sicher auch noch andere Grüne geben, die in einem solchen Spitzenteam vertreten sein wollen. Aber eine Zweier-Spitze halte ich für falsch. Ich empfehle meiner Partei die Teamlösung.
SPIEGEL ONLINE: Wenn es bei der Urwahl um zwei Plätze bleibt, werden Sie dann trotzdem mitmachen?
Cohn-Bendit: Natürlich werde ich das als Mitglied der Grünen tun. Und ich weiß auch schon, wen ich dann wählen werde.
SPIEGEL ONLINE: Und zwar?
Cohn-Bendit: Wenn nur zwei antreten, bin ich für Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Sie ist als Frau der Kirche zwar weit weg von meinen Überzeugungen, trotzdem finde ich sie gut. Aber nochmals: Vier wären besser als zwei.
SPIEGEL ONLINE: Im Moment treten bei der Urwahl die drei Urgrünen Trittin, Roth und Künast, die Ex-Fraktionschefin Göring-Eckardt und zwei Nobodys an. Ist das ein attraktives Angebot für eine Partei, die sich als jung und dynamisch sieht?
Cohn-Bendit: Das ist doch albern. Wegen mir sollen deutlich jüngere Grüne für den Bundestag kandidieren, natürlich brauchen wir eine gute Mischung. Aber als Spitzenkandidat ist schon ein gewisses Standing und Erfahrung notwendig. Das läuft bei uns doch ein bisschen anders als bei den Piraten.
SPIEGEL ONLINE: Mancher fürchtet ein Hauen und Stechen zwischen Trittin, Roth und Co. im Verlauf der Urwahl. Zu Recht?
Cohn-Bendit: Nein. Eine Urwahl ist ein urdemokratisches Mittel und steht uns Grünen sehr gut zu Gesicht. Wenn man das intelligent macht, muss dabei niemand zu Schaden kommen. Eine intensive inhaltliche Debatte um die Spitzenkandidatur wird der Partei helfen.
SPIEGEL ONLINE: Also kann bei der Urwahl nichts schiefgehen?
Cohn-Bendit: Doch. Wenn es inhaltslos wird und in persönliches Hickhack ausartet. Die Bewerber müssen inhaltlich begründen, was sie voneinander unterscheidet.
SPIEGEL ONLINE: Mit Blick auf die Bundestagswahl 2013: Glauben Sie noch an die Chance einer rot-grünen Regierungsmehrheit?
Cohn-Bendit: Ja. Aber natürlich wird es schwierig. Vieles hängt davon ab, wie die anderen kleineren Parteien abschneiden: Schaffen es die Piraten in den Bundestag? Fliegt die FDP raus - und vielleicht sogar die Linke?
SPIEGEL ONLINE: Was muss Ihre Partei tun, um möglichst erfolgreich zu sein?
Cohn-Bendit: Die Grünen müssen klar machen, dass die demokratische, ökologische Modernisierung des Landes nur mit uns in der Regierung funktioniert. Und dass keine andere Partei gleichzeitig so sehr den europäischen Gedanken in sich trägt wie wir.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie für sich eine Aufgabe im Bundestagswahlkampf?
Cohn-Bendit: Ich werde mich als Europapolitiker natürlich einbringen. Vielleicht kann ich meinen deutschen Parteifreunden dabei ein bisschen helfen auf dem Weg zur rot-grünen Mehrheit.
Das Interview führte Florian Gathmann
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