Daniel Cohn-Bendit im Interview: "Schwarz-Grün wäre eine Option"

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Cohn-Bendit: "Merkel denkt, man könne Europapolitik nach physikalischen Regeln machen" Zur Großansicht
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Cohn-Bendit: "Merkel denkt, man könne Europapolitik nach physikalischen Regeln machen"

Die Debatte über Schwarz-Grün nach der Bundestagswahl bekommt neuen Schwung. In der Union beginnt ein Nachdenken über neue Konstellationen. Bei den Grünen drängt der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit auf eine Öffnung seiner Partei - hin zur Union.

Berlin - Die Grünen-Führung will eine Debatte im Moment auf gar keinen Fall führen: die Diskussion über Alternativen zum Wahlziel Rot-Grün - vor allem die Option einer Koalition mit der Union. Es gibt sogar Überlegungen, einen formalen Schwarz-Grün-Ausschluss auf dem Bundesparteitag im April herbeizuführen. Daniel Cohn-Bendit, Chef der Grünen-Fraktion im Europaparlament, hält das für falsch. Er fordert seine Partei dazu auf, endlich auch ernsthaft über andere Optionen nachzudenken, beispielsweise über die schwarz-grüne Machtoption.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt Cohn-Bendit zudem vor einem Wahlsieg Silvio Berlusconis in Italien - und beschreibt seine Erwartungen an die große Europarede von Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag. Außerdem spricht der Grünen-Mann über die Gründe für seinen Ausstieg aus der Politik - und seine Zukunftspläne.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

SPIEGEL ONLINE: Europa schaut gespannt auf die Wahlen in Italien. Was passiert, wenn Silvio Berlusconi als Ministerpräsident zurückkehrt?

Cohn-Bendit: Ich liebe Italien. Deshalb fällt es mir so schwer zu glauben, dass so etwas passieren kann. Es wäre grauenhaft.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Cohn-Bendit: Das Verheerende an der Popularität von Berlusconi und des Komikerkandidaten Grillo ist dieser "Ohne-mich-Populismus" - das steht für eine totale Entpolitisierung der Gesellschaft. Ich hoffe immer noch, dass Berlusconi nicht gewinnt und es eine Mitte-Links-Regierung gibt.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es doch anders kommt?

Cohn-Bendit: Ein Sieg Berlusconis würde die ohnehin schon irrationalen Märkte zu einer irrationalen Reaktion bringen. Das schlimme an ihm ist ja: Er hat den Italienern alles versprochen. Sie dürfen bauen, wo sie wollen, bekommen ihre Steuern zurück und so weiter. Natürlich könnte Berlusconi das am Ende nicht umsetzen. Dennoch würde sein Sieg eine gewisse Zeit für enorme Verunsicherung sorgen und eine neue Negativstimmung anheizen. Dazu kommt die Krise in Spanien. Für Europa wäre das eine sehr gefährliche Situation.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Joachim Gauck hält am Freitag seine erste große Rede - just zum Thema Europa. Was erwarten Sie?

Cohn-Bendit: Meine Befürchtung ist, dass der Präsident zu den anderen Europäern mit erhobenem Zeigefinger sprechen wird. Nach dem Motto "Europa muss die deutsche Buchführung lernen". Was ich mir wünschen würde: dass er als deutsches Staatsoberhaupt von der europäischen Republik spricht.

SPIEGEL ONLINE: Im Sinne eines föderalistischen Europas?

Cohn-Bendit: Wichtig ist, dass wir eine Perspektive entwickeln, wie dieses Europa demokratisch-republikanisch gestalten werden kann. Das ist die Debatte, die fehlt. Europa kann nicht nur aus Regierungsvereinbarungen bestehen.

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Angela Merkel wird immer wieder vorgeworfen, Sie zeige keine Begeisterung für ein gemeinsames Europa. Kann Gauck diese Lücke füllen?

Cohn-Bendit: Es gibt ja jemanden, der in Deutschland in diese Lücke geschlüpft ist: Wolfgang Schäuble. Er versucht, eine gesamteuropäische Dynamik zu entfachen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Schäuble ist eben nur Finanzminister.

Cohn-Bendit: Na ja, Herr Gauck ist auch nur Bundespräsident. Aber klar, das ist für ihn eine Riesenchance: Die Kanzlerin hat gelernt, dass Europa wichtig ist - aber sie sieht das rein funktional. Merkel denkt, man könne Europapolitik nach physikalischen Regeln machen, für alles weitere fehlt ihr das Sensorium. Der Bundespräsident scheint da anders gestrickt zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Partei will im Herbst gemeinsam mit der SPD die Bundesregierung bilden. Ist das zu schaffen?

Cohn-Bendit: Das ist ein ehrbares Ziel - und dafür sollten die Grünen kämpfen. Aber wir kennen auch alle die Variablen, die dabei eine Rolle spielen: Wenn FDP und Linke aus dem Bundestag fliegen, kann Rot-Grün klappen. Aber schon wenn eine dieser beiden Parteien wieder ins Parlament einzieht, wird es schwer mit einer rot-grünen Mehrheit. Erst recht, wenn es FDP und Linke schaffen. Also sollte meine Partei auch andere Optionen erwägen.

SPIEGEL ONLINE: Welche wären das?

Cohn-Bendit: Schwarz-Grün wäre eine Option. Das müsste man über drei Projekte definieren: die Energiewende, ein gemeinsames Europa und Sozialpolitik. Da gibt es jeweils Anknüpfungspunkte. Aber man sollte, das könnte die zweite Option sein, auch über die Linke nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Rot-Rot-Grün?

Cohn-Bendit: Nicht ganz. Man könnte der Linken sagen: Passt mal auf, soziale Gerechtigkeit ist euch so wichtig, da unterstützt ihr unsere rot-grüne Minderheitsregierung - aber in der Europa- und Außenpolitik haltet ihr euch raus. Das wäre ein historischer Kompromiss.

SPIEGEL ONLINE: Kann so eine Regierung funktionieren?

Cohn-Bendit: Eine Zeitlang bestimmt. Aber wir Grünen müssen eben auch die Alternative klar benennen. Die würde lauten: Wir überlassen die Regierung wieder Union und SPD. Ist das wirklich besser?

SPIEGEL ONLINE: Herr Cohn-Bendit, Sie haben angekündigt, dass Sie Ihre politische Karriere beenden wollen. Warum?

Cohn-Bendit: Meine Krebserkrankung an der Schilddrüse war ein Schock. Und obwohl das alles wieder in Ordnung ist, bleibt die Erkenntnis, dass ich nicht unverwundbar bin. Ich werde jetzt 68, seit 20 Jahren bin ich im Europaparlament - ein guter Zeitpunkt, um noch mal etwas anderes zu machen. Ich werde deshalb 2014 nicht mehr kandidieren, weder in Frankreich noch in Deutschland, Griechenland oder sonst wo.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie stattdessen tun?

Cohn-Bendit: Ich will mich natürlich weiterhin an gesellschaftlichen Debatten beteiligen und Sie gestalten. Aber anders als bisher. Es gibt da einige Ideen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Freund Joschka Fischer berät Konzerne wie BMW oder Rewe. Wäre das etwas für Sie?

Cohn-Bendit: No way. Das interessiert mich nicht. Ich kann verstehen, dass Joschka Geld verdienen will, das ist auch in seiner Biografie begründet. Aber ich sehe mich eher als Ein-Mann-Unternehmen in Sachen Meinungsbildung. Ich werde Veranstaltungen moderieren, es gibt das Angebot zu einer Fernseh-Talkshow. Vor allem geht es für mich und meine Frau, die jetzt als Lehrerin in Pension geht, darum, unsere Leben gemeinsam und weniger fremdbestimmt zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit einer Autobiografie aus: Können Sie sich vorstellen, Ihr abenteuerliches Leben aufzuschreiben?

Cohn-Bendit: Ich denke darüber nach, aber es ist ein bisschen komplizierter: Ich möchte herausbekommen, was mein Judentum für mich bedeutet: Ich gehe nicht in die Synagoge, meine Frau und meine Kinder sind keine Juden, es zieht mich nicht nach Israel - und dennoch bin ich Jude. Wenn ich ein Buch schreibe, soll es sich mit meiner unklaren Identität beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Falls Ihr Leben irgendwann verfilmt werden sollte - von wem wollen Sie dann gespielt werden?

Cohn-Bendit: Hm. Darüber muss ich nachdenken. Es müsste eine Mischung aus Dustin Hoffmann, Robert Redford und Richard Gere sein.

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insgesamt 120 Beiträge
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1. Das hätste gern...
fatherted98 21.02.2013
....aber die CDU Wähler nicht. Wann wird dieser Typ, der sein ganzes Leben lang absolut nix geleistet hat, endlich mal die Klappe halten.
2.
Abbuzze 21.02.2013
Schwarz grün ist einfach nur gruselig. Öko Konservative. Irgendiwie wie Veganer...
3. Träumen Sie weiter, Herr C-B.
gruenbonz 21.02.2013
Die SPD ist mittlerweile eine bessere Grünen-Filiale. Dieser Partei ist die Annäherung an die Grünen überhaupt nicht bekommen, in Hessen nicht und in BW auch nicht. Und der CDU würde es ähnlich gehen.
4.
grenoble 21.02.2013
und bleib blöd wie eh und je. Cohn Bendit, ein typischer Grüner, maßlos, ahnungslos, sozial nur wenns dem eigenen Vorteil dient, eben ein in der Wolle grün gefärbter schwarzer. Dann passt schwarz/grün doch perfekt.
5. optional
mloehrer 21.02.2013
Die FDP auf Fahrrädern, wie Juta Ditfurth sie so treffend nennt.
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Zur Person
  • REUTERS
    Daniel Cohn-Bendit, 1945 in Südfrankreich geboren, war einer der Studentenführer während der Pariser Mai-Unruhen 1968. In den siebziger Jahren engagierte er sich in der Frankfurter Sponti-Szene. 1984 wurde er Mitglied der Grünen und ist seitdem einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Realos. 1994 zog er erstmals ins Europaparlament ein, seit 2002 ist er dort Fraktionschef der Grünen.

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