Hessischer Grüner Al-Wazir Der dritte Mann

Vor der Wahl in Hessen schwächeln CDU und SPD. Plötzlich ist der hessische Grünen-Kandidat Tarek Al-Wazir zum Herausforderer aufgestiegen. Wird er am Ende Ministerpräsident?

Tarek Al-Wazir
imago/ Jan Huebner

Tarek Al-Wazir

Aus Frankfurt am Main berichtet


An einem Vormittag Anfang Oktober übernimmt Tarek Al-Wazir das Steuer. Hessens Verkehrsminister fährt U-Bahn, zwischen der Frankfurter Hauptwache und der Nordweststadt. Es ist ein kleiner PR-Gag, der Anlass ist das 50-jährige Bestehen der U-Bahn. "Ich habe das angeblich ganz ordentlich gemacht", erzählt Al-Wazir später mit einem feinen Lächeln. "Aber es stand auch jemand neben mir, der zur Not eingegriffen hätte."

Einmal das Steuer übernehmen. Für Hessens Spitzen-Grünen Al-Wazir war es ein schönes Erlebnis. Und in der Politik? Da saß er bislang nur auf dem Beifahrersitz.

Am 28. Oktober wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt. Die beiden Männer, die Ministerpräsident werden wollen, leiden schwer unter der GroKo-Dauerkrise in Berlin: Die CDU von Amtsinhaber Volker Bouffier ist unter die 30-Prozent-Marke gerutscht - 2013 kamen die Christdemokraten noch auf 38,3 Prozent. Auch der Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel kämpft mit dem Gegenwind von der Bundesebene, seine SPD liegt gerade mal bei 23 Prozent (2013: 30.7 Prozent).

Al-Wazir hingegen profitiert vom bundesweiten Aufschwung seiner Partei. Die hessischen Grünen haben in den Umfragen seit dem Sommer fünf Punkte zugelegt und liegen bei 18 Prozent. Setzt sich dieser Trend fort, könnten die Grünen sogar zweitstärkste Kraft werden. Und damit den Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten erheben.

Al-Wazir traut sich das zu, keine Frage. Im Alter von 24 Jahren zog er 1995 in den Landtag in Wiesbaden ein. 14 Jahre führte er dort die Fraktion, wurde Ziel von Kampagnen des damaligen CDU-Regierungschefs Roland Koch und erlebte 2008 entgeistert das Ypsilanti-Desaster der SPD. 2013 führte Al-Wazir die Grünen dann in ein Bündnis mit dem einstigen Erzfeind - der CDU. Heute ist er Hessens beliebtester Politiker.

Anders als in Bayern, wo die Grünen am Sonntag als Favorit für Platz zwei ins Rennen gehen, ist der hessische Höhenflug bislang relativ unbemerkt geblieben. Dabei könnte Al-Wazir sogar ein besseres Ergebnis erzielen als die Parteifreunde im Süden.

"Das Chaos in Berlin hilft uns"

Noch wiegelt Al-Wazir in Sachen Ministerpräsident ab: "Das Chaos in Berlin hilft uns, wir werden als seriöse, konstruktive Alternative wahrgenommen", sagt er dem SPIEGEL. Aber man müsse aufpassen: "Was in Baden-Württemberg berechtigtes Selbstbewusstsein ist, wäre in Mecklenburg-Vorpommern Größenwahn."

Tarek Al-Wazir in Weilburg
Christian Teevs

Tarek Al-Wazir in Weilburg

Al-Wazir will nicht überdrehen. Nach der U-Bahn-Fahrt in Frankfurt geht es nach Weilburg, zu einem Bauunternehmer, der Flüchtlinge ausbildet. Al-Wazir hat rasch das Auto gewechselt, zum Wahlkampftermin fährt er nicht im Ministerwagen. Ein großes Foto des Kandidaten prangt auf dem grünen Wahlkampfauto - "Tarek on Tour!".

Al-Wazir ist gut gelaunt. "Es ist echt mal ein schönes Gefühl, mit richtig Rückenwind von der Bundesebene Wahlkampf zu machen", sagt er. Das habe er schon oft anders erlebt: "1999 haben wir richtig in die Fresse bekommen. Und 2013 sind wir voll in den Strudel des Bundestagswahlkampfs gekommen." Statt auf 17 Prozent, wie in den Umfragen zwei Monate zuvor, kamen die Grünen nur auf 11,1 Prozent.

Bewusste Entscheidung für schwieriges Ressort

Der Parteienforscher Franz Walter bescheinigt den Grünen in seinem neuen Buch "Zeiten des Umbruchs" eine schwierige Wählerschaft, mit "paradoxen Bedürfnissen". "Sie erwarten von ihrer Partei ein bisschen Gesinnungspolitik, aber nicht übertrieben viel davon", schreibt Walter.

"Sie legen in ihren Äußerungen viel Wert auf sparsamen Energieverbrauch, aber als freie Individuen und Bürger beharren sie auf ihre regelmäßigen Urlaubsflüge in die fernsten Winkel der Welt." Gelinge den Grünen-Politikern die Balance solcher Ambivalenzen nicht, so Walter, pflegten die Postmateriellen und Kreativen in den Metropolen die Partei eben abzustrafen.

Al-Wazir scheint dieser Balanceakt bislang recht gut zu gelingen. Obwohl er als Verkehrsminister für heikle Themen wie den Frankfurter Flughafen zuständig war, dürfte seine Partei gestärkt aus fünf Jahren Schwarz-Grün hervorgehen - im Gegensatz zum Koalitionspartner CDU.

Tarek Al-Wazir (links), Volker Bouffier
DPA

Tarek Al-Wazir (links), Volker Bouffier

Er habe sich ganz bewusst für dieses Ministerium entschieden, erzählt Al-Wazir: "Wir sind die Partei, die im Kampf gegen den Flughafenausbau groß geworden ist, Stichwort Startbahn West." Wenn man nun ein so schwieriges Thema mit vielen unterschiedlichen, eigentlich unvereinbaren Interessen habe, müsse man es selbst machen, sagt er: "Sonst spielt man Opposition in der Regierung."

Und das wäre für Al-Wazir das Horrorszenario. Er ist der Oberpragmatiker.

Kritik an Flüchtlingspolitik

Nicht alle in der Partei tragen diesen Kurs mit. Eine, die sich offen gegen Al-Wazir stellte, ist Mürvet Öztürk. Die Landtagsabgeordnete aus Wetzlar hat die Grünen-Fraktion 2015 verlassen. Aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik der schwarz-grünen Regierung. Öztürk protestierte gegen die Ausweitung der sicheren Herkunftsstaaten auf die Balkan-Länder. "Ich konnte das nicht mittragen", sagt die 46-Jährige. Auch die Weigerung, den NSU-Untersuchungsausschuss zusammen mit der Opposition einzusetzen, habe sie nicht verstanden.

"Alles, was wir zehn Jahre lang gesagt haben, galt plötzlich nicht mehr", kritisiert Öztürk. "Stattdessen haben wir uns der Koalitionsräson untergeordnet und so komplett unser Profil in der Flüchtlingspolitik verloren." Seit drei Jahren sitzt Öztürk als Parteilose im Landtag, aus der Partei trat sie 2016 aus.

Al-Wazir verteidigt seinen Kurs. "Am Anfang der Legislaturperiode haben wir oft gehört: Wie kann das sein? Kein Streit zwischen CDU und Grünen? Wo bleibt das Profil, die eigene Sichtbarkeit?"

Seit einem Jahr habe sich das gedreht. Al-Wazir sieht den Grund dafür in Berlin: "Weil die Leute das Jamaika-Gewürge gesehen haben und jetzt das GroKo-Gewürge. Und jetzt sagen: In Wiesbaden regieren offenbar welche, die an der Sache interessiert sind. Und die versuchen, bei aller Unterschiedlichkeit auch Kompromisse hinzubekommen."

Fraglich ist jedoch, in welchem Bündnis Al-Wazir weiterregieren könnte. Schwarz-Grün hat derzeit in keiner Umfrage eine Mehrheit. Die FDP sträubt sich gegen Jamaika, und Al-Wazir glaubt nicht an eine Ampelkoalition: "Das wird eher nicht reichen", sagt er. "SPD und FDP sind zu schwach. Schäfer-Gümbel muss das aber weiter sagen, nur so wird ein Ministerpräsidentenduell halbwegs realistisch."

Und die FDP? Die sei "immer noch unfassbar beleidigt, weil die CDU mit den Grünen regiert", spottet Al-Wazir.

Doch was passiert, wenn die Parteien weder eine Jamaika- noch eine Ampelkoalition zustande bringen? Dann könnte Al-Wazirs Höhenflug plötzlich dort enden, wo seine Karriere begann und wo er auf keinen Fall wieder hinwill: in der Opposition.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.

Wer steckt hinter Civey?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Globgeil 10.10.2018
1. Der würde für die Hessen als Ministerpräsident passen
Und alles wird wieder gut.
roby 10.10.2018
2. Schaut gen Süden.
Baden-Württemberg fährt mit einem grünen Ministerpräsidenten sehr gut. Erst mit Rot, dann mit Schwarz. Es geht beides.
fatherted98 10.10.2018
3. Horror-Vorstellung
...aber in Deutschland ist alles möglich. Die CDU wird wohl in Hessen weit unter die 30% fallen....gleiche Gründe wie bei der CSU in Bayern....da sich Bouffier sich noch nicht mal angestrengt hat irgendeinen Wahlkampf zu führen....der Hinweis...wir sind die Besten und alles ist Gut hätte dem Wähler wohl genügen sollen....da hat sich Söder in Bayern ja mehr ins Zeug gelegt....tja....und so wird es für Bouffier wohl enden....und er geht aufs Altenteil.
#hotteffm 10.10.2018
4. Auf gar keinen Fall!!!!
Gerade hat Frankfurt das vollumfängliche Dieselfahrverbot bekommen. Grund ist letztlich die Untätigkeit der Regierung der vergangenen Jahre sowie die stümperhafte Vorbereitung für die Gerichtsverhandlungen, in denen das Urteil gegen die Autofahrer von Frankfurt gefällt wurde. Ganz zu schweigen von der Nicht-Reaktion nach dem Urteil, nach dem Motto: Wir warten mal die schriftliche Urteilsbegründung ab - aber machen werden wir nichts...Dabei stehen Bouffier und al-Warzier an erster Stelle der Personen, die hierfür Verantwortung tragen. CDU und Grüne sind in Hessen nicht mehr wählbar!!!
wauz 10.10.2018
5. Das würde mir gefallen!
Ich weiß zwar nicht, ob es Herr al-Wazir besser machen würde (wahrscheinlich besser als Bouffier), aber allein schon die Idee, einen MP mit arabischem Namen in Deutschland zu haben, wäre eine Errungenschaft. (Bouffier ist auch nicht "deutsch"!) Die ganzen Nationalisten würden auf jeden Fall platzen vor Zorn und DAS wäre es schon wert. Auch wenn wir danach eine Menge zu putzen hätten...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.