Von Ralf Beste und Florian Gathmann
Berlin/Weimar - Alle paar Stunden werden sie in Weimar vor die Kameras treten. Jürgen Trittin und Renate Künast, die Chefs der Grünen-Bundestagsabgeordneten, wollen dann über ihre Fraktionsklausur berichten, es soll ab Mittwoch in der Thüringer Klassikerstadt um wichtige Themen für die Partei gehen: Energiewende, Verbraucherschutz, Finanzmärkte. Zum vielleicht wichtigsten Thema für die Grünen werden die Fraktionschefs allerdings schweigen, so gut es geht. Das Irrlichtern des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück ist für die Fraktionsvorsitzenden öffentlich ein Tabu, genau wie für Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt und die Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir.
Dabei wird hinter den Kulissen bei den Grünen derzeit über nichts anderes so viel geredet wie über Steinbrück. Denn mit jedem Patzer des SPD-Kanzlerkandidaten sinken nicht nur die Chancen seiner Partei auf das Kanzleramt im kommenden Herbst bei der Bundestagswahl, sondern wohl auch die der Grünen auf eine Koalition mit den Sozialdemokraten.
So froh man bei den Grünen - trotz manch schlechter Erfahrung mit Steinbrück - noch Ende September war, als die SPD ihn zum Kanzlerkandidaten ausgerufen und damit endlich ihre unsägliche Personaldebatte beendet hatte, so groß ist gut drei Monate später die Fassungslosigkeit. Früher hat man bei der SPD gerne über die mangelnde Professionalität der Grünen gelästert, jetzt ist es genau andersherum. "Der soll unser Kanzler werden?", heißt es bei der Basis.
Offene Steinbrück-Kritik nur von den Jungen
Nur die Jungen trauen sich, Steinbrück öffentlich zu kritisieren. Seine Klage, als Bundeskanzler verdiene man zu wenig und liege unter den Bezügen eines Sparkassendirektors, kommentierte Parteiratsmitglied Rasmus Andresen auf Twitter so: Die Kampagne des Kanzlerkandidaten werde "immer peinlicher". Und als am Dienstag Steinbrücks Einsatz gegen höhere Energiekosten für die Industrie als Aufsichtsrats-Mitglied bei ThyssenKrupp bekannt wurde, notierte der Grünen-Politiker aus Schleswig-Holstein: "immer mehr unwählbar". Der Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler zweifelt seit Steinbrücks Sparkassen-Vergleich sogar an dessen Fähigkeiten. "Nahezu jeder Sparkassendirektor versteht mehr von Wahlkampf als Peer Steinbrück", sagt er.
Die einzige Hoffnung der Grünen: Dass es trotz Steinbrück bei der Wahl in Niedersachsen am 20. Januar zu einer rot-grünen Mehrheit reicht. Daraus könnte dann eine neue Dynamik entstehen - und der SPD-Kanzlerkandidat käme womöglich aus der Schusslinie.
Einstweilen ziehen die Grünen die Brandmauern zum erwünschten Koalitionspartner hoch, auf dass die Probleme der SPD nicht auf die Grünen überspringen. "Er muss seinen Wahlkampf machen, wir müssen unseren Wahlkampf machen", sagte Trittin bei der eben beendeten Parteivorstands-Klausur in Lüneburg über Steinbrück.
Besonders optimistische Grüne hoffen, die Irrfahrt Steinbrücks werde ihnen sogar nützlich sein: Mancher rot-grüne Wechselwähler könnte seine Stimme jetzt den Grünen geben statt der SPD. Hauptsache, die Stimmen bleiben im Lager. Parteichef Özdemir hat schon mal darauf hingewiesen. "Wer auf Nummer sicher gehen will, muss die Zweitstimme den Grünen geben", sagte er. Und Trittin, gemeinsam mit Göring-Eckardt Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl, meinte: "Man wird am Ende die Stimmen zusammenzählen müssen."
Vorerst keine gemeinsamen Auftritte
Jeder macht seins - gemeinsame Auftritte mit Steinbrück vor der Bundespressekonferenz wie vor einigen Wochen nach dessen offizieller Nominierung sind im Moment jedenfalls kaum vorstellbar. Und selbst diesen Termin spielt man inzwischen herunter. Damals hätten sie lediglich ein gemeinsames Papier zur Bankenregulierung vorgestellt, sagt Spitzenmann Trittin. "Da gab es Übereinstimmungen."
Was aber, wenn es in Hannover nicht klappt mit Rot-Grün? Die grünen Hoffnungen würden in dem Moment in sich zusammenbrechen, wenn die von Steinbrück enttäuschten SPD-Wähler schon in Niedersachsen nicht zu den Grünen wechseln, sondern schlicht zu Hause bleiben.
Parteichef Özdemir, ohnehin nicht der größte Fan rot-grüner Nibelungentreue, sagte in Lüneburg kühl Richtung SPD: "Wir machen keinen rot-grünen Wahlkampf. Unser Ziel ist Stimmenmaximierung für die Grünen." Aber was würde nach einer Pleite in Niedersachsen daraus für den Bund folgen? Mit Schaudern erinnert man sich bei den Grünen an 2009, als die Partei an der Rot-Grün-Fixierung festhielt, obwohl Monate vor dem Wahltag klar war, dass es dafür wegen der Schwäche der SPD nicht reichen würde.
Natürlich laufen sich schon wieder Grünen-Politiker warm, die auf Rot-Grün ohnehin keine Lust haben und sich auch ein Bündnis mit der Union vorstellen können. "Diese Eigenständigkeit müssten wir dann auch programmatisch noch stärker betonen", sagt einer von ihnen. Vor diesen Leuten fürchten sich Trittin und Co. Doch wenn man mit Rot-Grün-Skeptikern spricht, ist auch ein plausibles Gegenargument zu hören: So ein abrupter Schwenk sei viel zu durchsichtig, heißt es dann, damit würde man viele klassische Grünen-Wähler abschrecken.
In Lüneburg haben die Spitzen-Grünen nun symbolisch auf einen großen Gong geschlagen, um das Wahljahr einzuläuten. "Jetzt schlägt es 13 fürs Merkel-Kabinett", lautete die Botschaft. Man könnte den Gongschlag auch anders deuten: Lieber Peer Steinbrück, wach auf - und reiß dich endlich zusammen!
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