Grünen-Spitze Özdemir kündigt Kandidatur als Parteichef an

Die Grünen suchen seit Monaten einen Kandidaten für die Nachfolge von Parteichef Bütikofer. Auf SPIEGEL ONLINE erklärt der Europaabgeordnete Cem Özdemir nun seine Bereitschaft zur Kandidatur, seine Gründe dafür - und warum er von den alten Etiketten "Linke" und "Realos" nicht viel hält.


SPIEGEL ONLINE: Herr Özdemir, Sie wollen Grünen-Chef werden. Warum?

Özdemir: Ich habe mir das lange überlegt, denn es ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich traue mir aber zu, gemeinsam mit der Partei grüne Ideen weiterzuentwickeln und unsere Gesellschaft mitzugestalten. Wenn die Partei das möchte, dann stehe ich zur Verfügung.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten erst kürzlich abgesagt. Warum jetzt doch?

Özdemir: Das ist eben keine Aufgabe, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ich habe mit meiner Familie gesprochen, denn so eine Entscheidung trifft man nicht allein – und sie stärkt mir den Rücken. In 2009 stehen außerdem eine Reihe von Wahlen an, für Europa, den Bundestag, Länder und Kommunen. Ich möchte da meine Erfahrungen einbringen und meinen Beitrag dafür leisten, dass die Grünen ein eigenständiges Profil bekommen. Das hat auch mit Verantwortung zu tun. Es war ja öfter zu hören, dass die Jüngeren in der Partei angeblich nicht bereit seien, Verantwortung zu übernehmen - ich bin es.

SPIEGEL ONLINE: Renate Künast will ihren Parteifreund Volker Ratzmann – welche Chancen haben Sie? Ratzmann hat immerhin erklärt, dass er auch kandidieren will, wenn weitere Bewerber im Gespräch sind.

Özdemir: Ich sehe das nicht als Gegnerschaft, wenn ich kandidiere. Es ist vielmehr ein Angebot an die Partei. Das hat vor allem mit innerparteilicher Demokratie zu tun. Volker Ratzmann ist ein mehr als respektabler Kandidat. Wir haben ein unterschiedliches Profil und unterschiedliche Inhalte, für die wir stehen. Wir müssen jetzt abwarten, wie die Partei reagiert. Auf dem Parteitag in Erfurt werden dann Delegierten entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Für welche Inhalte stehen Sie denn, wenn Sie Parteivorsitzender werden sollten?

Özdemir: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wie werden wir Grünen soziale Gerechtigkeit angesichts der Herausforderungen der Globalisierung und des Klimawandels in Zukunft definieren? Das sind für mich Fragen von zentraler Bedeutung, wo wir grüne Antworten weiterentwickeln und umsetzen müssen. Außerdem ärgert mich, dass Angela Merkel in Deutschland als Klimaschützerin so billig davonkommt. In Brüssel sehen wir das hässliche Gesicht der Bundesregierung, da steht sie auf der Klimabremse.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Sie seien für das Amt des Parteivorsitzenden nicht prädestiniert?

Özdemir: Als ich gelesen habe, dass manche meine Qualifikationen in Frage stellen, musste ich schmunzeln. Nur weil ich nicht auf Bundesebene aktiv war, bedeutet das nicht, dass ich die letzten vier Jahre im Europaparlament Däumchen gedreht habe. Ich bin dort außenpolitischer Sprecher meiner Fraktion. Wir haben außerdem 40 Sitzungswochen, doppelt so viele wie im Bundestag. Bei uns wird jeder einzelne Antrag fraktionsübergreifend verhandelt. Kompromisse aushandeln und im Team arbeiten können – das sind wichtige Voraussetzungen

SPIEGEL ONLINE: Ihre Unterstützer kommen aus den Ländern, ist das eine Kampfansage an das Berliner Grünen-Establishment?

Özdemir: Nein, mit Sicherheit nicht. Zumindest ist das nicht meine Absicht. Dass ich Unterstützer aus verschiedenen Landesverbänden und Flügeln habe, freut mich. Ich möchte zusammenführen. Und fest steht: Wenn ich mit Claudia Roth zusammen an die Parteispitze gewählt werden sollte, dann ist Teamarbeit angesagt und ich werde die beiden Spitzenkandidaten in den anstehenden Wahlkämpfen unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Unterstützer, heißt es, kommen aus dem Realo-Lager der Grünen – sind Sie der klassische Realo-Kandidat?

Özdemir: Ich nenne das lieber Reformer - Realo klingt nach alten Grabenkämpfen, mit denen ich nichts zu tun habe. Und es ist sicherlich kein Geheimnis, dass ich ein Reformer bin. Ich stehe von meinen Themen her jedoch für weit mehr: Meine Standpunkte in der Gerechtigkeits- und Bildungsdebatte oder bei der Teilhabe von Migranten in der Gesellschaft sind sicher keine exklusiven Reformer-Positionen.

Das Interview führte Ferda Ataman



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