Grüner Ministerpräsident Kretschmann Triumph mit Tücken

Vor der Wahl des neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg hatte die Regierungskoalition mächtig gezittert - aber dann bekam Winfried Kretschmann sogar Stimmen von der Opposition. Im Moment des größten Triumphs könnte es mit dem Höhenflug der Grünen aber schon wieder zu Ende gehen.

Von , Stuttgart


Der Ministerpräsident schwitzt, nicht einmal eine halbe Stunde ist er im Amt und hat schon fünf Fernsehinterviews geben müssen. Dabei warten sie zwei Etagen tiefer im Foyer des Stuttgarter Landtags auf Winfried Kretschmann, wo bereits Sekt und Häppchen gereicht werden. Grünen-Abgeordnete und -Mitarbeiter, Freunde und Bekannte wollen ihn endlich hochleben lassen.

Aber Kretschmann kommt nur eine Treppe weit. Diesmal stoppt ihn seine Gattin Gerlinde, die plötzlich vor ihm steht. "Jetzt packa mer's an", ruft die Frau mit den Korkenzieherlocken und der gewagten Brille und drückt ihrem Ministerpräsidenten-Mann einen dicken Kuss auf den Mund. Und dann sind da auch schon seine Söhne, die Tochter, Schwägerinnen und weitere Verwandte. Nacheinander fallen sie dem Mann um den Hals, der nun endgültig Geschichte geschrieben hat.

Winfried Kretschmann, 62, einst Lehrer für Biologie und Chemie, ist seit 11.47 Uhr an diesem Donnerstag der neunte Ministerpräsident von Baden-Württemberg. "So wahr mir Gott helfe", sagt der bekennende Katholik bei seiner Vereidigung. Kretschmann ist der erste Nicht-CDU-Politiker in diesem Amt seit knapp sechs Jahrzehnten - und der erste Grüne als Regierungschef eines deutschen Bundeslandes.

Zwei Stimmen gibt es von der Opposition dazu

Zuletzt hatten sie gebangt, ob es reichen würde. Auf 71 Stimmen kommen Grüne und SPD im Landtag, nur eine über der Mehrheit. Vielleicht habe mancher noch eine Rechnung offen mit Kretschmann, hieß es, irgendjemand fühlt sich bei der Postenvergabe immer hintergangen. Stattdessen wurden offensichtlich bei der Opposition Rechnungen beglichen. "73 Ja-Stimmen", verkündete Landtagspräsident Willi Stächele um kurz vor halb zwölf - mindestens zwei Abgeordnete aus den Reihen von CDU und FDP müssen also für Kretschmann votiert haben. Seine Parteichefin Claudia Roth, auf der Besuchertribüne neben dem SPD-Urgestein Erhard Eppler platziert, wäre in diesem Moment vor Stolz beinahe aus ihrem knall-grünen Kostüm geplatzt. Und im Plenum tanzten manche Abgeordnete der Regierungsfraktionen vor Glück.

Kretschmann blieb wie immer gefasst. "Mäßig aufgeregt" sei er, sagte der Ministerpräsidenten-Kandidat ein paar Minuten vor der Abstimmung, mäßig enthusiastisch wirkte der neue Regierungschef danach. Nüchternheit ist eine seiner hervorstechenden Eigenschaften.

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Winfried Kretschmann: Jetzt wird grün-rot regiert
Er kennt das mit dem Jubel schon vom Wahlabend, als die Baden-Württemberger am 27. März die schwarz-gelbe Regierung nach Hause schickten und ihn zum Regierungschef in spe machten. Seine Partei war wie besoffen , Kretschmann riss bei der Grünen-Wahlparty einmal schnell die Arme hoch und sagte dann: "Und Morgen wird wieder gearbeitet."

Beim Thema S21 ist Frust programmiert

Also lässt Kretschmann sie auch an diesem Donnerstag jubeln, kurz tritt er sogar vor die Landtagspforte, wo ein paar besonders glückliche Grüne ein Bild von ihm mit einer Krone geschmückt und an einen Besenstiel gebunden haben.

Über 30 Jahre hat Kretschmann sich mit den Grünen geplagt, aus Ärger über seine zahlreichen innerparteilichen Gegner zweimal der Politik Adieu gesagt. Und nun beschert eben dieser Mann den Grünen ihren größten Erfolg. "Um es in der Sprache der Pyrotechniker auszudrücken", sagt sein Weggefährte Rezzo Schlauch, ebenfalls einer aus der Garde der baden-württembergischen Ur-Realos: "Dieser Tag ist für uns wie ein Kanonenschlag."

Das ist ein mächtiges Bild. Mächtig könnte auch der Nachhall dieses Tages sein. Der neue Ministerpräsident weiß das, deshalb drückt Kretschmann seit dem 27. März umso mehr auf die Euphorie-Bremse. Seine grün-rote Regierung wird viele Menschen enttäuschen - vor allem aus dem Lager der Ministerpräsidenten-Partei. Angefangen mit dem Thema S21. Dass sie den unterirdischen Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs stoppen wird - wie von den Grünen im Wahlkampf versprochen -, ist aus mehreren Gründen unwahrscheinlich: Zum einen ist der Koalitionspartner SPD für S21. Und der Kompromiss aus dem Koalitionsvertrag, eine Volksabstimmung durchzuführen, dürfte selbst bei einem Nein an dem unerreichbaren notwendigen Quorum scheitern.

Vorgeschmack auf bevorstehende Enttäuschungen

Einen Vorgeschmack auf die anstehenden Prügel bekam Kretschmann schon während der Koalitionsverhandlungen auch bei einem anderen Thema: Die Ankündigung, angesichts sinkender Schülerzahlen werde man Lehrerstellen kürzen, sorgte für einen Aufschrei bei Pädagogen-, Schüler- und Elternverbänden.

Und was ist mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien im Südwesten? Da will Grün-Rot massiv investieren, gleichzeitig sollen die vier Atomkraftwerke im Land stillgelegt werden. Der Widerstand der Bürger, denen man all die geplanten Windparks oder Stromtrassen vor die Nase setzt, wird gigantisch sein. Natürlich werden auch viele Grünen-Wähler unter denen sein, die dann auf die Barrikaden gehen.

Ja, es werde mühevoll mit dem Regieren, sagt der neue Ministerpräsident nach seiner Wahl am Donnerstagvormittag und grinst. "Aber ein guter Stolperer fällt nicht hin." Er sei vorbereitet auf die Herausforderungen.

Die Frage ist: Gilt das auch für seine Partei?

insgesamt 151 Beiträge
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markusmm 12.05.2011
1. Ich frage mich ernsthaft,
wie jemand, der eine unserer Schlüsselindustrien so in Frage stellt, wie Herr Kretschmann es kürzlich tat, siehe hier: http://www.autonews-123.de/deutsche-autoindustrie-winfried-kretschmann/, Ministerpräsident werden kann. Ich stand vor der BW-Wahl kurz davor, bei den Grünen einzutreten, nach dem Hirnmatsch ohne Wissen und gelebter Stammtischpolitik des Herrn Kretschmann verzichte ich dankend!
gbartkowiak 12.05.2011
2. Einarbeitungszeit
Zitat von sysopVor der Wahl des neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg hatte die Regierungskoalition mächtig gezittert - aber dann bekam Winfried Kretschmann sogar Stimmen von der Opposition. Im Moment*des größten Triumphs könnte es mit dem Höhenflug der Grünen aber schon wieder zu Ende gehen. * http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,762200,00.html
Ich bin wahrlich kein Freund der Grünen, aber würde mir trotzdem wünschen das der neuen Landesregierung die, früher selbstverständliche, Schonfrist von 100 Tagen zur Einarbeitung von der Opposition und der Presse zugestanden wird. Sieht allerdings bei SPON so aus als ob man sich schon auf den neuen MP einschiesst um das drohende Sommerloch zu füllen.
Haligalli 12.05.2011
3. Die Welt dreht sich weiter - ohne die jämmerlichen Schwarz/Gelben
Zitat von markusmmwie jemand, der eine unserer Schlüsselindustrien so in Frage stellt, wie Herr Kretschmann es kürzlich tat, siehe hier: http://www.autonews-123.de/deutsche-autoindustrie-winfried-kretschmann/, Ministerpräsident werden kann. Ich stand vor der BW-Wahl kurz davor, bei den Grünen einzutreten, nach dem Hirnmatsch ohne Wissen und gelebter Stammtischpolitik des Herrn Kretschmann verzichte ich dankend!
Weil in Zukunft icht mehr alles vom Auto abhängt - deshalb auch grün rot - verstanden?
fisch67 12.05.2011
4. Viel Spass in BW
Was der designierte, grüne Verkehrsminister von BW heute im Welt-Interview vom Stapel gelassen hat, ist noch deutlich härter, Zitat Winfried Herrmann: "Manche Porsche-, BMW- oder Audi-Fahrer frönen einer libidinösen Form des Autofahrens. Aber das ist eine Minderheit, darin liegt nicht die Zukunft." Na, da werden die die Mitarbeiter von Daimler-Benz ja froh sein, nicht genannt worden zu sein. Die Realität wird die neue Grün-Rote Regierung in BW schneller einholen, als sie denken. Für mich kann das nicht schnell genug gehen.
danubius 12.05.2011
5. Viel bewegen können in Richtung Bundespolitik...
.. wird die neue B-W Regierungskoalition sicher nicht. Aber wenn in ihrem Stammbereichen Energie, Umweltschutz, Green Technology, Kultus und Landwirtschaft richtungsweisende Änderungen herbeigeführt werden können, so ist das mehr als genug und hat hohen Symbolwert für andere Bundesländer und für die Bundesregierung. Ich wünsche MP Kretschmann und seiner Mannschaft eine glückliche Hand und: mögen er und sein Kabinett nie den Bezug zur Basis verlieren.
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