Grüner Wahlkampf in Bayern Erfolgsrezept Sepp

Umfragen sehen sie bei über acht Prozent, sie selbst betrachten sich als die eigentliche Opposition. Bayerns Grünen geht es relativ gut. Zu dumm, dass ihr beliebter Chef Sepp Daxenberger diesmal nicht zur Wahl steht. Der demonstriert derzeit noch in einer kleinen Gemeinde im Chiemgau, wie man die CSU entmachten kann.

Von Dominik Baur, Waging am See


"Raus aus den Hinterzimmern": Grünen-Chef Daxenberger
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"Raus aus den Hinterzimmern": Grünen-Chef Daxenberger

Waging am See - Der Arbeitstag hat lustig begonnen für Wagings Bürgermeister. Während er seinen Golf über einen kleinen Feldweg steuert, erzählt Sepp Daxenberger einem Parteifreund über Handy die amüsante Neuigkeit: Am Morgen kam ein Schreiben des Landratsamtes ins Rathaus geflattert - mit einer Anleitung zum Stimmenauszählen nach der Landtagswahl am kommenden Sonntag. "Bei der Auszählung sind dann am effektivsten drei Teams zu bilden", heißt es darin. "Team 1 und Team 2 zählen jeweils einen halben CSU-Stapel, Team 3 den Rest. Dann haben alle drei Teams ungefähr dieselbe Arbeitsbelastung."

"Die rechnen schon ganz fest mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit", lacht Daxenberger. Natürlich weiß auch der grüne Bürgermeister, dass die Erwartung des Landratsamtes so unrealistisch nicht ist. Die CSU fährt in der Gemeinde im Landkreis Traunstein bei Bundes- und Landtagswahlen für gewöhnlich Traumergebnisse ein. Die Grünen erreichen hier zwar dank Daxenberger Achtungserfolge von 15 bis 20 Prozent, aber problematisch wird es für die CSU nur bei den Kommunalwahlen. Nach der letzten Wahl im vergangenen Jahr stellten die Grünen sogar einen Gemeinderat mehr als die Schwarzen. Und Daxenberger selbst wurde mit satten 75,6 Prozent im Amt bestätigt.

Beliebter als Maget

Waging liegt am Fuße der Alpen, unweit der österreichischen Grenze, und wirkt, als sei es gerade erst aus einem Bilderbuch gefallen. Das größte Kapital des Luftkurorts: der Waginger See. Die Gemeinde lebt mit 300.000 Übernachtungen im Jahr vom Fremdenverkehr; sie hat 6500 Einwohner, 150 Bauernhöfe, eine Molkerei, die mit 400 Angestellten der größte Arbeitgeber am Ort ist, ein Krankenhaus, ein Altenheim, einen Campingplatz - und den Sepp.

Bilderbuchgemeinde: Das "Kurhausstüberl" am Seeufer
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Der Sepp, wie sie ihn im Ort nennen, ist nicht nur Biobauer auf dem elterlichen Hof im Ortsteil Nirnharting und der erste hauptamtliche Bürgermeister der Grünen in Bayern, sondern seit November 2002 auch noch Chef der Landespartei - und deren bestes Zugpferd. Auf ein Wahlergebnis von mehr als acht Prozent wird die Öko-Partei inzwischen taxiert. 7,5 Prozent war das Ziel, das sich die Partei selbst gesteckt hatte - nach 5,7 Prozent bei der letzten Wahl.

Den Wählern versprechen die Grünen eine "Premium-Opposition". Noch gibt es zwar die SPD in Bayern, aber die Partei befindet sich in einem derartigen Sturzflug, dass man es Daxenberger schon fast abnimmt, wenn er sagt: "Wir sind die eigentliche Opposition." In ihrem Programm beackern die Grünen ihr klassisches Terrain: Die Themen sind Naturschutz, der Kampf gegen den "schwarzen Filz", Frauenpolitik, Bildungspolitik, biologische Landwirtschaft und ökologische Wirtschaftspolitik. Daxenberger liegt dabei ganz besonders ein Punkt am Herzen: Der enorme Flächenverbrauch im Freistaat. 28 Hektar Land würden täglich zubetoniert, das sei jedes Jahr die Fläche des Chiemsees.

Während andere Parteien mit einem Spitzenkandidaten in die Wahl ziehen, haben die Grünen gleich vier. Das Kleeblatt besteht aus den beiden Vorsitzenden der Landtagsfraktion, Christine Stahl und Sepp Dürr, und den beiden Parteichefs Margarete Bause und Sepp Daxenberger. Letzterer ist Umfragen zufolge der beliebteste bayerische Oppositionspolitiker, noch deutlich vor dem SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget. Gleichzeitig ist er jedoch der einzige der Viererbande, der sich nicht um ein Landtagsmandat bemüht - noch sieht er seine Hauptaufgabe in Waging.

"Sachen, die ein Grüner eigentlich nicht macht"

Dort hat der "Joschka Fischer der Kommunalpolitik" ("taz") schon gezeigt, wie man die CSU entmachten kann. Auf Landesebene kämpft Daxenberger jetzt vor allem für ein anderes Image der Grünen. "Wir sind nicht mehr in dieser alternativen Ecke drin, in die uns die CSU gern reinstellen will", sagt der Politiker. "Wir sind nicht mehr die, die sich darum kümmern, dass die Frösche über die Straße kommen, die auf Parteitagen Kinder stillen, und bei denen die Männer lange Haare haben." Auch er selbst hat seinen schwarzen Rauschebart mittlerweile gestutzt und ist beim Fernsehauftritt im Bayerischen Rundfunk besorgt, dass sein Polohemd richtig sitzt - was es natürlich trotzdem nicht tut.

Stoiber als Lenin-Lookalike: Außenminister Joschka Fischer vor dem Wahlplakat der bayerischen Grünen
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Die Menschen würden die Grünen mittlerweile anerkennen, freut sich Daxenberger. Selbst CSU-Wähler zollten seiner Partei immer öfter Respekt. "Wenn man vor paar Jahren einen Infostand gemacht hat, ist man in der Regel zehnmal erschossen und 20 Mal aufgehängt worden. Heute passiert uns das nicht mehr."

Daxenberger ist zwar ein grünes Urgestein - seit 1982 ist er in der Partei -, war aber schon immer etwas anders als die anderen Grünen. Von grünen Prinzipien wie Trennung von Amt und Mandat oder Rotation hielt er nie etwas. In den Achtzigern schockierte er die Parteifreunde, als er bei einer Gemeinderatswahl Plakate mit seinem eigenen Konterfei aufhängte. "Personenkult", schrieen die Grünen damals.

Und auch heute entspricht Daxenberger keinem der gängigen Klischees. "Ich mach' viele Sachen, die ein Grüner eigentlich nicht macht - ins Bierzelt gehen, Grußworte bei den Vereinen sprechen", erzählt der Politiker, während er bei einem Krokantbecher in einem Waginger Café sitzt - einem jener gutbürgerlichen Ausflüglercafés in das sich ein "echter Grüner" niemals verirren würde. Und das ist genau das Problem seiner Partei, meint Daxenberger. Sie ist oft nicht da, wo die Menschen sind. "Wir brauchen mehr Leute, die sich nicht in den verrauchten Hinterzimmern verstecken, sondern auf die Sommerfeste gehen."

"Da könnt' ja jeder kommen"

Er selbst ist natürlich in einem Großteil der Waginger Vereine. Beim durchaus konservativen Trachtenverein ist er als Goaßl-Schnalzer noch aktiv, bis vor kurzem spielte er überdies Fußball bei den Alten Herren und war bei der Feuerwehr. So wie es sich eben gehört auf dem Dorf. Die Wähler danken es ihm.

Mit diesem Spagat zwischen Trachtenverein und Grünen-Parteitag ist es Daxenberger gelungen, das System CSU in Waging zumindest teilweise außer Kraft zu setzen. Was nicht leicht war. Ständig sei er gegen Wände gelaufen, erinnert sich der Bürgermeister an seine ersten Jahre als Waginger Gemeinderat. "Kommunalpolitik ging damals noch nach drei Grundsätzen. Erstens: Des hamma immer scho so gmacht. Zweitens: Des hamma noch nia so gmacht. Und drittens: Da könnt ja jeder kommen."

Mit der Zeit allerdings wurden in Waging Dinge anders gemacht: Seit Daxenberger im Amt ist, entstanden ein Biomasse-Heizwerk, ein Montessori-Kindergarten in Massivbauweise und ein Energiesparprogramm, das Bürger bezuschusst, die durch Isoliermaßnahmen Energie sparen. Aber nicht alles hat sich geändert: Anders als von der CSU prophezeit, gibt es noch immer Kruzifixe und Autos im Ort.

Die Angst vor dem Zwei-Drittel-Stoiber

Waging, das weiß auch der umtriebige Bürgermeister, bleibt ein Sonderfall. Auch auf Landesebene das Machtmonopol der CSU zu knacken, ist bislang nicht denkbar. "Der Bayer ist stolz auf sein Land", erklärt Daxenberger. "Und die CSU schafft es immer, den Eindruck zu erwecken, als hätten sie das geschaffen. Grad dass sie nicht behaupten, dass sie den Chiemsee ausgehoben haben und die Alpen aufgeschüttet." Dagegen könnten die Grünen nicht ankommen. Und die SPD habe ihre Aufgabe als Volkspartei in Bayern vernachlässigt. "Die waren sich zu gut dazu. Die Stärke der CSU ist eigentlich die Schwäche der SPD."

So treibt die Grünen derzeit vor allem ein Problem um: die Angst vor einer Zwei-Drittel-Mehrheit der CSU. "Wir in Bayern brauchen keine Einheitspartei", steht auf dem Wahlplakat, auf dem Edmund Stoiber als Lenin-Lookalike dargestellt ist. Der Zwei-Drittel-Stoiber sei durchaus eine realistische Gefahr, sagt der Grünen-Chef. Es sei schließlich zu erwarten, dass rund zehn Prozent der Stimmen an Splitterparteien gingen, die keine Chance auf einen Einzug in den Landtag hätten. Dann würden der CSU für zwei Drittel der Sitze schon rund 60 Prozent der Stimmen reichen.

Trotz allem hofft Daxenberger, es noch zu erleben, dass die CSU einmal ihre Mehrheit in Bayern verliert - am besten noch zu seiner politisch aktiven Zeit. Denn 24 Jahre als Bürgermeister im Amt zu bleiben wie sein Vorgänger, das kann sich Daxenberger nicht vorstellen. Vielleicht zieht es ihn ja in fünf Jahren doch wieder in den Landtag, wo er bereits von 1990 bis 1996 saß. Sein Ziel als Landesvorsitzender verliert Daxenberger denn auch nicht aus den Augen: "Ich will Waginger Verhältnisse in ganz Bayern."



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