Grüner Wahlsieger Kretschmann: Hoffnungsträger im Stresstest

Von und , Stuttgart

Sein Sieg ist ein Erfolg, aber auch eine Last: Baden-Württembergs künftiger Ministerpräsident Winfried Kretschmann muss jetzt die großen Erwartungen seiner Wähler erfüllen. Vor allem die S-21-Gegner wollen schnelle Resultate sehen - das könnte ihm bald ernsthafte Probleme einbringen.

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Er ist jetzt ganz oben. Ministerpräsident. Ein Grüner.

Und das nicht in irgendeinem Land: Winfried Kretschmann, 62, regiert künftig Baden-Württemberg, rund zehn Millionen Einwohner, Automobil- und Hochtechnologie-Kraftzentrum der Republik. Mercedes, Bosch, SAP - darum beneiden das Ländle selbst die erfolgreichen bayerischen Nachbarn.

Kretschmann, ein bedächtiger Mann von der schwäbischen Alb, drei erwachsene Kinder, einst Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik, zweifelte bis zuletzt. "Die Leute kennen es doch nicht anders", sagte er noch wenige Tage vor der Landtagswahl und runzelte die Stirn unter seinen eisgrauen Bürstenhaaren, "die CDU hat hier immer regiert". Fast 58 Jahre lang. Ob sich die Menschen in der Wahlkabine wirklich trauen würden, die Christdemokraten und ihren Ministerpräsidenten Stefan Mappus in die Opposition zu schicken?

Sie trauten sich - das hat Kretschmann seit dem späten Sonntagabend amtlich.

Aber jetzt, das betonte der designierte Ministerpräsident am Tag nach der Wahl allenthalben, gehe die Arbeit ja erst richtig los. Die möglicherweise größte Herausforderung seiner künftigen grün-roten Regierung kann Kretschmann jeden Tag im Zentrum Stuttgarts besichtigen: Der Protest gegen den unterirdischen Neubau des Hauptbahnhofs, der Protest gegen Stuttgart 21, ist manifest in der Landeshauptstadt. Täglich gibt es in der Stadt Aktionen der S-21-Gegner, aber mit dem Wahlsieg Kretschmanns sind sie von einer neuen Stimmung getragen.

Am Montagabend ist das bei der Kundgebung vor dem alten Bahnhofsgebäude und der anschließenden Demonstration zum Schlossplatz zu erleben: Tausende sind wie jeden Montag auch diesmal gekommen, vom gemütlichen Pfeifenraucher bis zum bunten Punk. Sie schwenken selbstgemalte Schilder, trillern, trommeln. Ein Teil von ihnen hat nach dem Wahlabend das Gefühl, S 21 sei bereits beerdigt, sie sind euphorischer als je zuvor - denn die Grünen waren immer gegen den unterirdischen Neubau. Der andere Teil der S-21-Gegner, von der Politik ohnehin desillusioniert, wirkt noch aggressiver als sonst: Sie glauben, dass am Ende auch ein Ministerpräsident Kretschmann S 21 zulassen wird. Alleine deshalb, weil der Koalitionspartner SPD für das Projekt ist.

Beides ist für Kretschmann höchst problematisch.

Aber er hat es so gewollt. "Großen Respekt" habe er vor dem Ministerpräsidentenamt, hatte Kretschmann im Wahlkampf betont - nun muss sich der Grünen-Politiker daran gewöhnen, was es mit sich bringt: Schon am Wahlabend hatte er Personenschützer an seiner Seite, die dem künftigen Regierungschef samt Ehefrau Gerlinde und den zwei Söhnen durch den Jubel halfen.

Kretschmann will versuchen, dennoch seinen Rhythmus zu behalten. Das bedeutet: Ruhe bewahren. Bisweilen wirkt das bei ihm arg behäbig. Gerne zitiert er Sprüche des CDU-Politikers Erwin Teufel, der einer seiner Vorgänger im MP-Amt war und ebenfalls als herausragender Exponent schwäbischer Behäbigkeit gilt. Wenn Kretschmann auf Journalisten-Fragen keine Antwort weiß, sagt er. "Da bin ich jetzt echt überfragt." Oder er sagt einfach: nichts.

Der neue Chef will es ruhig angehen lassen

In Berlin würde er sich damit unmöglich machen, in Baden-Württemberg kommt das gut an. Auch, weil Teufel im einstigen CDU-Stammland immer noch einen guten Ruf genießt. "Wir werden unsere Reformen besonnen angehen", sagt Kretschmann.

Besonnenheit - das ist auch so ein Lieblingswort von ihm. Natürlich will er in dem Erfolgsland im Südwesten einiges anders machen. "Wir wollen aus der Atomenergie raus und diesen Wirtschaftsbereich still legen", sagt er. Das wird auch deshalb eine knifflige Angelegenheit, weil Mappus den AKW-Betreiber EnBW noch vor Monaten in Landesbesitz holte - ohne die Kernkraftsparte dürfte das Unternehmen noch unprofitabler werden und der geplante Wiederverkauf zu einem noch größeren Verlustgeschäft für das Land.

Die Automobil-Branche will Kretschmann zu einem sanften Umsteuern bringen. Das müssten die Chefs von Porsche und Mercedes aber eigentlich von selbst einsehen, glaubt der künftige Ministerpräsident. "Wenn die nicht grüner werden, dann riskieren sie Jobs", sagt er. Bedächtig will Kretschmann auch in der Schulpolitik vorgehen: Mehr gemeinsames Lernen ist das Ziel, aber ohne Zwang wie beim missglückten Versuch der inzwischen abgewählten schwarz-grünen Koalition in Hamburg.

Und dann ist da eben das Aufreger-Thema S 21. Kretschmanns wohl schwerste Prüfung. Die Grünen dagegen, die SPD dafür, der Protest auf der Straße selbstbewusster als je zuvor. Fürs erste lautet die deeskalierende Devise der künftigen Koalitionspartner: den Stresstest abwarten. Dann könnte eine Volksbefragung zu S 21 folgen.

Kommt jetzt der Obama-Effekt?

Aber wird das funktionieren? "Die Grünen haben keine klare Haltung zu diesem Gebäude", sagt ein Redner am Montagabend vor dem Hauptbahnhof. Er spricht für den Teil der S-21-Gegner, die sich bereits von Kretschmann verraten fühlen. Werner Wölfle, Chef der Grünenfraktion im Stuttgarter Stadtrat und seit Urzeiten engagiert im Kampf gegen S 21, ließen sie am Abend zuvor nicht einmal ans Rednerpult. Er wollte sich auf einer Kundgebung bei den Demonstranten bedanken, im Namen seiner Partei. Später zog eine Gruppe von ihnen zum Hauptbahnhof und attackierte den Bauzaun am bereits teilweise abgerissenen Nordflügel des Gebäudes. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei, die mit einem Großaufgebot anrückte.

Die anderen tanzten und feierten in der milden Abendsonne - kaum waren die ersten Prognosen verkündet - als sei S 21 schon Geschichte. "Oben bleiben", ihre Parole, hallte durchs Zentrum der Landeshauptstadt.

Sie könnten für den Ministerpräsidenten Kretschmann sogar die gefährlichere Gruppe unter den S-21-Gegnern werden.

"Vielleicht wird es ihm ein bisschen gehen wie Barack Obama." Dieser Satz war auf der Grünen-Wahlparty mit Blick auf S 21 immer mal wieder zu hören. Auch wenn Welten zwischen Winfried Kretschmann und dem US-Präsidenten liegen: So wie der Kandidat Obama große Hoffnungen weckte und anschließend viele enttäuschte, so könnte es auch dem künftigen Grünen-Regierungschef gehen.

Walter Sittler, der deutsche Schauspieler und prominente Stuttgart-21-Gegner, appellierte noch kürzlich per öffentlichem Brief an die Baden-Württemberger, Kretschmann zum Ministerpräsidenten zu wählen. Sittler wird nun ganz genau hinschauen, was unter Grün-Rot aus S 21 wird. Und viele zehntausend Gegner des Projekts ebenso. Läuft es nicht so, wie sie wollen, könnten sie ganz schnell wieder auf die Straße gehen - diesmal gegen den Grünen-Politiker.

Wie unangenehm sich das für einen Ministerpräsidenten anfühlen kann, ist bekannt. Da braucht Kretschmann nur seinen Vorgänger Mappus zu fragen.

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1. Sachte
UnitedEurope 28.03.2011
Er ist auch nur ein Mensch. Und die Grünen und die SPD in Ba-Wü ist sind die wohl konservativsten ihrer Sippe, von daher können und werden sie nicht großartig viel anders machen, als die CDU. Ba-Wü hat bereits jetzt die strengsten Auflagen was die Feinstoff-Plakette anbelangt. S21 wird trotzdem gebaut, jedoch anders als von der CDU favorisiert, Daimler und Co. werden nach-wie-vor prächtige Gewinne einfahren. Sie werden sich vielleicht mehr auf Nachhaltigkeit etc. einstellen, aber das tun sie ja sowieso schon. Lediglich die Vereinfachung von Volksentscheiden und vielleicht die Energie Politik werden sich merklich verändern.
2. Ehrlichkeit
edgarzander 28.03.2011
Zitat von sysop...Das wird auch deshalb eine knifflige Angelegenheit, weil Mappus den AKW-Betreiber EnBW noch vor Monaten in Landesbesitz holte - ohne die Kernkraftsparte dürfte das Unternehmen noch unprofitabler werden und der geplante Wiederverkauf zu einem noch größeren Verlustgeschäft für das Land...
Wirklich merkwürdiges Statement von SPON. Etwas Besseres hätte den Grünen doch gar nicht passieren können. Ging es um den schnellen Atomausstieg, hat doch bislang nur der ethische Aspekt gezählt und Kosten nicht. Konnte man auch den vielen Leserkommentaren entnehmen ("300 Mrd. € für den schnellen Ausstieg? Besser als die Katastrophe!"). Nun hat man die einmalige Gelegenheit, als EnBW-Besitzer sofort den Hebel bei 4 Atomkraftwerken umlegen zu können. Für mich müssen die Grünen nun bei den ersten Plenarsitzungen Farbe bekennen. Ebenso muss nun von den Grünen folgende Fragen aktiv angegangen werden: Atommüllendlager in Baden-Württemberg. Man hat schließlich immer an Ergebnisoffenheit und eine gerechte geographische Verteilung appeliert. Die einzigste Möglichkeit im Süden gibt es nur in Baden-Württemberg: http://www.bgr.bund.de/cln_116/nn_322852/DE/Themen/Geotechnik/Endlagerstandorte/endlagerstandorte__inhalt.html
3. Ganz einfach bei diesem Sieg
hairforce 28.03.2011
Zitat von sysopSein Sieg ist ein Erfolg, aber auch eine Last:*Baden-Württembergs künftiger Ministerpräsident Winfried Kretschmann muss jetzt die großen Erwartungen seiner Wähler erfüllen. Vor allem die S-21-Gegner wollen schnelle Resultate sehen - das könnte ihm bald ernsthafte Probleme einbringen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,753694,00.html
Das wird doch für einen alten Hasen wie Kretschmann kein Problem darstellen die großen Erwartungen seiner Wähler zu erfüllen. Die Grünen sind doch schon immer im fordern die Größten. Wer fordern kann, muss auch geben können.
4. Amüsante Randnotiz
EineStimme 28.03.2011
Sonst wird ja immer die SPD als die Partei der Alten dargestellt. Die Grünen sind jung und sexy, wobei selbst die Führungsriege in Berlin stramm auf die 60 zu geht. In Ba.-Wü. scheinbar alles anders. Da haben wir einen alten Kempen bei den Grünen und der Kandidat wirkt nicht nur jung und frisch, sondern scheint auch die neue Generation bei der SPD zu verkörpern. Wobei ich glaube Herrn Kretschmann wäre es auch nicht unlieb gewesen, wenn die SPD das eine Prozent mehr gehabt hätte udn sie selbst eines weniger. Die einzigen die sich richtig freuen, dass sind Trittin, Roth, Künast und Özdemir.
5. 100 Tage
Erich72 28.03.2011
Zitat von hairforceDas wird doch für einen alten Hasen wie Kretschmann kein Problem darstellen die großen Erwartungen seiner Wähler zu erfüllen. Die Grünen sind doch schon immer im fordern die Größten. Wer fordern kann, muss auch geben können.
Es gibt doch die Regel, dass jemand, der so ein Amt erringt, 100 Tage Zeit haben soll, bevor man urteilt. Gebt doch der neuen Regierungskoalition mit Kretschmann soviel Zeit! Ich verstehe nicht, dass man jetzt schon mit dem "Miesmachen" anfängt. Erich72
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