Günther Beckstein Der Landesvater

"Es ist die schönste Aufgabe": Gerade erst am Ziel seiner Träume, muss sich Bayerns Ministerpräsident Beckstein einer für CSU-Verhältnisse durchaus ungewissen Wahl stellen.

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München - Ja, das seien schon lange achteinhalb Monate gewesen, sinnierte Günther Beckstein am 9. Oktober 2007, dem Tag seiner Wahl zum bayerischen Ministerpräsidenten, draußen vorm Landtag: "Das war eine Übergangszeit, wie eine komplizierte Schwangerschaft".

CSU-Spitzenkandidat Beckstein: "Komplizierte Schwangerschaft"
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CSU-Spitzenkandidat Beckstein: "Komplizierte Schwangerschaft"

Achteinhalb Monate dauerte der Übergang. Achteinhalb Monate lang regierte noch Edmund Stoiber den Freistaat, obwohl ihn die Landtagsfraktion im Winter in Wildbad Kreuth gestürzt hatte. Es war ein Sturz auf Raten. Und für Beckstein war es eine Polit-Schwangerschaft.

Der fränkische Protestant aus dem Arbeiterviertel Nürnberg-Langwasser erreichte, schon 63-jährig, das seit Jahren angestrebte Amt spät: "Es ist die schönste Aufgabe. Eine, die ich mir schon gar nicht mehr erträumt hätte", sagte er direkt nach seiner Wahl.

Bereits im Jahr 2002 war er im Rennen um den Posten des Ministerpräsidenten gewesen, zugleich aber auch Bundesinnenminister-Kandidat im Schattenkabinett von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Letzterer scheiterte, Beckstein wurde nicht Minister in Berlin, nicht Ministerpräsident und Nachfolger Stoibers in München.

Er blieb, was er seit 1993 war: Staatsminister des Innern im Freistaat. Drei Jahre später wieder das gleiche Spiel. Nach der Bundestagswahl 2005 wollte Stoiber als Superminister für Wirtschaft in die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel eintreten. Beckstein kämpfte in München gegen Erwin Huber um die Stoiber-Nachfolge in der Staatskanzlei. Es war ein Kampf mit harten Bandagen, die Landtagsfraktion schien gespalten, Beckstein lag knapp vorn.

Dann rief Stoiber an und sagte, er gehe doch nicht nach Berlin, es funktioniere nicht. Zum zweiten Mal binnen dreier Jahre zerplatzte für Günther Beckstein der Traum vom Chefposten in Bayern. Sein besonderes Dilemma 2005: Weil ja Stoiber sich sein Superministerium für Wirtschaft gezimmert hatte, war damit das Bundesinnenministerium für Beckstein unerreichbar. Jetzt hatte er nur noch die Wahl: Entweder als einfacher Abgeordneter nach Berlin, oder weiter Innenminister in München. Beckstein blieb an der Isar.

Mit Huber hatte er in dem Zweikampf um den Job des Ministerpräsidenten die politische Freundschaft riskiert: Bei ihrem Rom- und Papst-Besuch direkt nach Stoibers Berlin-Flucht im November 2005 stand Beckstein abends mit einem Glas Prosecco in der Halle des Hotels Sheraton im Süden der Stadt. Doch nach Feiern war ihm wirklich nicht zumute. Sicherlich sei der Kampf mit Huber "nicht völlig problemlos gewesen", sinnierte er. "Dass es Entfremdung bringt, wenn man gegeneinander kandidiert, ist klar." Doch man werde wieder "zu einem echten kameradschaftlichen Miteinander finden", das es all die Jahre zwischen ihnen gegeben habe.

Damit rechnete Stoiber nicht. Er dachte bis zuletzt, die Thronfolger Beckstein und Huber könnten sich nicht auf seine Nachfolge einigen. Doch in der letzten Nacht der Kreuther Klausurtagung 2007 setzten sie sich zusammen: Im Falle von Stoibers Rückzug solle Huber den Parteichef, Beckstein den Ministerpräsidenten machen.

So ist es gekommen.

Doch legte das selbsternannte "CSU-Tandem" keinen guten Start hin: Auf das Hin und Her beim Rauchverbot im Herbst folgte eine vermasselte Kommunalwahl im Frühjahr. Es folgte die Krise der Landesbank: Huber, als bayerischer Finanzminister zuständig, kam wegen seiner Informationspolitik in Sachen BayernLB unter Druck, schließlich setzte der Landtag sogar einen Untersuchungsausschuss ein.

In den Umfragen hat sich die CSU um die 50-Prozent-Marke eingependelt, die Opposition wittert die Chance, die seit 1962 währende absolute Mehrheit der CSU im Herbst 2008 zu brechen.

Günther Beckstein, der im Vergleich zu Vorgänger Stoiber einen landesväterlichen Stil pflegt und seit Jahren einer der beliebtesten Politiker in Bayern ist, hat sich selbst einmal als Ministerpräsident des Übergangs bezeichnet. Und so antwortete er auch kürzlich auf die Frage nach einem möglichen CSU-Ergebnis unter 50 Prozent bei der Wahl im Herbst: "Es wird weder die Welt untergehen, noch werden Beckstein oder andere sterben."

Doch rechne er fest mit einem "guten Ergebnis" - und das heiße: "50 plus ein ordentliches X."



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