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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2015

SPIEGEL-Gespräch mit Guido Westerwelle: "Und dann stirbste"

Guido Westerwelle Zur Großansicht
Dmitrij Leltschuk/ DER SPIEGEL

Guido Westerwelle

Im November gab Guido Westerwelle dem SPIEGEL ein langes Interview. Mit Klaus Brinkbäumer und Dirk Kurbjuweit sprach er über seinen Kampf gegen die Leukämie, seine Jugend, seine Homosexualität und seine politische Bilanz. Lesen Sie hier das Gespräch aus dem SPIEGEL-Archiv.

Er geht langsam, seine Stimme ist leise. Es ist ein anderer Guido Westerwelle als der Politiker, an den man sich erinnert. Der schritt forsch aus und redete kraftvoll. Das ist zwei Jahre her. Damals flog die FDP aus dem Bundestag, und Westerwelle verlor das Amt des Außenministers. Er gründete eine Stiftung und freute sich auf ein neues Leben. Dann erfuhr er, dass er an akuter myeloischer Leukämie erkrankt ist. Nach anderthalb Jahren Kampf gegen die Krankheit und deren Folgen veröffentlicht Westerwelle in der kommenden Woche ein Buch mit dem Titel "Zwischen zwei Leben", das er zusammen mit dem Journalisten Dominik Wichmann verfasst hat. Jetzt steht Westerwelle, 53, im Kölner Stadtwald und lässt sich fotografieren. Es ist ein sonniger Herbsttag, Westerwelle geht oft in diesem Park spazieren. Er wohnt in der Nähe. Als er sich nach dem Fototermin in einem Hotel am Park den Fragen stellt, stehen die Fenster offen. Ein Springbrunnen rauscht, Enten schnattern. Westerwelle hält vier Stunden Gespräch ohne Probleme durch. Manchmal nimmt er die Brille ab und reibt sich die Augen. Er sagt, man solle bloß nicht denken, dass er weine. Die Folgen seiner Krankheit machen auch den Augen zu schaffen. Einmal geht er ins Bad, um zu gurgeln. Er hat auch Probleme mit der Mundhöhle. Westerwelle bleibt stets gefasst, nur bei der letzten Frage, als es um seinen Ehemann Michael Mronz geht, bricht ihm die Stimme, und er braucht eine Weile, um den Satz beenden zu können.

SPIEGEL: Herr Westerwelle, am Neujahrstag 2014 sind Sie auf Mallorca am Ufer entlanggejoggt, und plötzlich spürten Sie einen stechenden Schmerz im Knie. Es war, das weiß man jetzt, ein Schmerz, der Ihr Leben gerettet hat. Wie haben Sie diesen kleinen Sportunfall erlebt?

Titelbild
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Westerwelle: Ich bin seit vielen Jahren regelmäßiger Läufer und laufe immer auf derselben Strecke, in einem kleinen romantischen Hafen in der Nähe von Palma. Am 1. Januar 2014 riss mir dabei der Meniskus. Normaler Altersverschleiß, ganz undramatisch.

SPIEGEL: Zuerst wollten Sie sich nicht operieren lassen. Typisch Mann.

Westerwelle: Ich habe das am Anfang nicht so für voll genommen. Das ist schmerzhaft, aber man kann es aushalten. Da haben wir alle schon Schlimmeres gehabt.

SPIEGEL: Sie haben sogar versucht, weiterhin zu laufen.

Westerwelle: Heute frage ich mich auch, wie verrückt ich war. Ich hatte für einige Monate ausgesetzt mit dem Laufen und dachte, jetzt ist es aber gut, jetzt wollen wir es wieder wissen. Das war frühmorgens im Central Park in New York, der schönste Ort der Welt zum Laufen. Und man freut sich wie ein Schneekönig, dass man da im Frühjahr laufen kann, umgeben von Blüten.

SPIEGEL: Und dann sticht es ein bisschen, und man denkt ...

Westerwelle: ... und man denkt, das wirst du ja noch durchhalten. Dann sticht es stärker, und man will gegen den Schmerz anlaufen, ihn besiegen, niederringen. Aber dann geht es nicht mehr. Ich habe einen Termin im Krankenhaus verabredet und alles vorbereitet, ohne mir Sorgen zu machen. Meniskus, das ist eine Routinesache.

SPIEGEL: Das war es dann doch nicht. Am Tag vor der Operation wurde ein Blutbild gemacht, wie immer.

Westerwelle: Aber bei mir kam danach der Arzt und sagte: "Wir brauchen ein zweites Blutbild. Da ist irgendetwas möglicherweise durcheinander." So weit, so gut. Und dann kam er mit anderen Ärzten wieder, und ich lag da im Bett, und sie unterhielten sich, und ich hörte Wortfetzen, zum Beispiel "Leuk", und wusste erst einmal nicht, worum es ging. Ich war immer noch voller Zuversicht. Als die Ärzte draußen waren, nahm ich mein iPad und tippte nur Leuk hinein. Dann bildete sich automatisch dieses Wort, und damit war der Hammer im Raum.

SPIEGEL: Das Wort, das Google bildete, hieß Leukämie. Was war Ihr erster Gedanke?

Westerwelle: Leukämie? Ich? Niemals, nicht ich.

SPIEGEL: Kaum einer rechnet damit, dass der eigene Körper einem so etwas antun könnte. Sie offenbar auch nicht?

Westerwelle: Man hat das nicht auf dem Schirm. Ich bin immer zu Vorsorgeuntersuchungen gegangen, aber eine akute Leukämie kommt ja von jetzt auf gleich. Und bringt dich auch von jetzt auf gleich um.

SPIEGEL: Wann haben Sie eine erste Diagnose bekommen?

Westerwelle: Es war der 17. Juni 2014, vormittags. Ich saß in meinem Zimmer in der Mediapark-Klinik in Köln. Hinter dem Arzt sah ich Gleise und eine Gartenanlage. Das vergesse ich nie. Ich war gefasst. Mein Mann kam vorbei, und der war auch noch gefasst und sagte "Guido, komm". Aber wir haben alle schon den Schreck in den Gliedern gehabt.

SPIEGEL: Können Sie uns bitte erklären, was eine akute Leukämie genau ist?

Westerwelle: Jeden Tag mutieren in unserem Körper Zellen. Auch bei Gesunden, das ist normal. Unser Immunsystem zerstört diese Zellen. Aber bei mir funktionierte das nicht mehr. Die sogenannten Blasten wurden immer mehr, immer mehr, immer mehr und verdrängten die gesunden Zellen.

SPIEGEL: Wie kann man das aufhalten?

Westerwelle: Es gibt zwei Möglichkeiten. Man versucht, die mutierten Zellen mit einer Chemotherapie zu vernichten, und hofft, dass das eigene Immunsystem wieder funktioniert. Das war bei mir nicht mehr möglich. Ich brauchte ein neues Immunsystem, und das bekommt man über eine Stammzellspende.

SPIEGEL: Haben Sie sich gefragt, ob die Politik Sie krank gemacht hat? Oder das abrupte Ende der Politik nach Ihrer Abwahl im Herbst 2013? Die Krankheit brach ja wenig später aus.

Westerwelle: Ich habe mich das gefragt, aber die Antwort ist Nein. Mein Arzt sagte, es gebe nicht die sogenannten Krebstypen, das sei alles Humbug und ungerecht gegenüber den Menschen, die es erwischt hat. Wenn Stress oder Unglück Krebs verursachen würden, dann müsste man in Kriegs- und Notzeiten besonders viele Krebsfälle haben. Hat man aber nicht.

SPIEGEL: Nach der Diagnose musste alles sehr schnell gehen?

Westerwelle: Akute Leukämie kann galoppieren. Das kann eine Frage von Tagen sein. Ein alter Jugendfreund, der Arzt ist, sagte mir: Stell dir das vor wie einen Teich mit Seerosen. Jede Seerose würde sich einmal am Tag teilen. Erst passiert gar nichts. Aber irgendwann ist der halbe Teich voller Seerosen, und es braucht nur noch einen Tag, bis der ganze Teich bedeckt ist, weil sich eben jede Seerose einmal teilt. Dann ist der ganze Teich dicht. Und dann stirbste. Und das weiß man. Und das Beste, was ich hatte, war, dass die Ärzte keine Kulissen geschoben haben. Sie waren offen zu mir.

SPIEGEL: Haben Sie sich sofort mit dem Thema Tod befasst?

Westerwelle: Ja. Der Gedanke ist sofort da. Sie sitzen da, vergießen Tränen, Sie sind sehr traurig, und die Wahrscheinlichkeit ist ja nicht so groß, dass man diese Art von Leukämie überlebt. Ein wichtiger Gedanke war aber auch, dass ich in die Jahre meines Lebens viel hineingepackt habe. Ich habe viel erlebt, vieles gesehen und habe nichts versäumt.

SPIEGEL: Sie hatten ein perfektes Leben?

Westerwelle: Das gibt es nicht, ich habe Menschen gekränkt und Fehler gemacht, aber ich wusste, dass ich ein erfülltes Leben gehabt hatte. Meine Antwort auf die Frage "Was bereuen Sie?" wäre der Klassiker gewesen: Ich habe zu viel gearbeitet.

SPIEGEL: Der Tod ist für uns wie eine Mauer. Wir wissen nicht, wie es auf der anderen Seite aussieht. Haben Sie sich in dieser Situation Vorstellungen davon gemacht, wie es hinter dieser Mauer aussehen könnte?

Westerwelle: Ich bin in der Kirche, und das nicht aus Zufall. Da hat man natürlich eine Vorstellung vom Jenseits. Aber ich habe mir weniger über den Tod Gedanken gemacht, sondern mehr über das Leben davor und darüber, wie man den Tod abwenden kann.

SPIEGEL: Wenn man einen Unfall hat, zum Beispiel von einem Auto angefahren wird, dann kommt die Zerstörung des Körpers von außen. Bei Krebs ist es der eigene Körper, der einen vernichtet. Ein Teil des Ichs greift das Ich an. Wie sind Sie damit umgegangen?

Westerwelle: Gar nicht. Sie gehen damit nicht um. Sie nehmen es als Schicksal, nehmen es so, wie es ist. Das Verrückte ist ja bei dieser Krankheit, dass man sie nicht lokalisieren kann. Wenn Sie einen Tumor haben, wissen Sie, wo der sitzt. Bei mir saß der Krebs überall. Im kleinen Zeh, in der Niere, in der Lunge, überall, wo Blut ist.

SPIEGEL: Und Blut wird Lebenssaft genannt.

Westerwelle: So ist es. Aber damit beschäftigen Sie sich ab einem bestimmten Punkt gar nicht mehr.

SPIEGEL: Weil man es nicht ertragen kann?

Westerwelle: Nein, Sie haben andere Sachen im Kopf. Sie sind nicht mehr damit beschäftigt, jede Verwinkelung der Krankheit zu verstehen. Sie fragen sich, was Sie tun müssen, um Ihre Chancen zu verbessern. Ich wollte und will unbedingt weiterleben.

SPIEGEL: Wir kommen später auf Ihre Krankheit zurück. Lassen Sie uns an diesem Punkt auf Ihr Leben schauen. Sie schreiben in Ihrem Buch, in Ihrer Jugend habe Ihr Gesicht zuerst ausgesehen wie ein Streuselkuchen, dann wie eine Mondlandschaft. Und Sie waren, in Ihren Worten, dick und schwul. Klingt nach einer schwierigen Jugend.

Westerwelle: Einerseits hatte ich es leicht. Weil ich von meinen Eltern gute Anlagen mitbekommen habe, was Auffassungsgabe oder Aufgewecktheit angeht und Ähnliches. Andererseits hatte ich es schwer. Meine Eltern, beide Juristen, hatten nicht viel Zeit für ihre Kinder, sie arbeiteten viel und stellten sich nicht die Frage, wer bleibt eigentlich zu Hause. Keiner blieb zu Hause. Es kam die Patentante oder die Oma.

SPIEGEL: Reden Sie von Einsamkeit?

Westerwelle: Nein, das will ich nicht sagen. Aber es gab eine gewisse Härte. Bei uns zu Hause wurden keine großen Gefühle gezeigt, weder vom Vater noch von der Mutter. Es ging um Leistung. Wenn du etwas erreichen möchtest, musst du dafür hart arbeiten. Und das wurde auch so gemacht.

SPIEGEL: Heute ist Schwulsein in Deutschland weitgehend akzeptiert. Wie war das in Ihrer Jugendzeit, im Bonn der Siebzigerjahre?

Westerwelle: Das ist eine schwere Zeit gewesen für junge Männer, die plötzlich merkten, dass sie nicht mit Mädchen, sondern mit Jungs zusammen sein möchten. Das sind Zerwürfnisse, die einen für das ganze Leben prägen. Man wird vorlaut, jedenfalls vorlauter, als man sein sollte. Reiner Selbstschutz, reine Überkompensation. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.

SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie lieber mit einem Jungen zusammen sein wollten als mit einem Mädchen?

Westerwelle: Zu Beginn der Pubertät, nein, noch vor der Pubertät. Ganz früh. Und es war mir ganz klar, ohne Zweifel. Ich wurde dann ja mit 17 zur Musterung geladen. Ich habe diesem Musterungskomitee gesagt: "Ich wollte Ihnen nur sagen, meine Herren, dass ich nicht gerne zur Bundeswehr möchte, weil ich homosexuell bin." Die Gesichter werde ich nie vergessen. Ich wurde ausgemustert. Das war der Vorteil der frechen Schnauze.

SPIEGEL: Und ein Vorteil der Homosexualität. Was waren die Schwierigkeiten?

Westerwelle: Das waren ja keine aufgeklärten Zeiten. Damals war es das Ende Ihrer Karriere, wenn Sie sich als schwul outeten. Damals haben Lehrer auf Ihre Kosten Witze gemacht. Damals gab es in der Altstadt in Bonn ein kleines Lokal, das war das einzige, wie man das nannte, einschlägige Lokal. Da wurde an der Tür von hinten ein Kläppchen weggeschoben, und dann guckte der Inhaber durch und sagte in rheinischer Mundart: "Jung', du weißt aber schon, dass hier nur Männer hinkommen?" Ich dachte, Mensch, warum stellt der mir diese Frage, wie peinlich. Und dann ging man rein, das war so klandestin wie in der Zeit der Prohibition.

SPIEGEL: Ihre Mutter hat versucht, Ihnen Ihre Veranlagung auszutreiben.

Westerwelle: Nicht auszutreiben. Meine Mutter meinte, es wächst sich aus, und dann wurde ich zu einem Psychologen geschickt, der war, in meinen Augen damals, mindestens 104, und dann saß ich da, und der hat mir erklärt, dass sich das wirklich auswachsen kann. Ach so, dachte ich. Bei dem war ich genau eine Dreiviertelstunde lang, und dann habe ich meiner Mutter gesagt, du, das ist schade ums Geld. Danach haben wir nie wieder über irgendwelche Probleme geredet, es war dann auch für die Eltern völlig normal.

SPIEGEL: Sie gingen früh in die Politik. Warum zu den Liberalen?

Westerwelle: Das Liberale habe ich immer mit dem Leistungsprinzip verbunden, also etwas für mich Positivem. Dazu kommt die innere Liberalität, leben und leben lassen, das ist in mir drin. Dazu kommt eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, das, was man Weltoffenheit nennt. Das brachte mich zur einzigen liberalen Partei in Deutschland.

SPIEGEL: Sie sagten vor einigen Jahren, dass Ihre Generation sich als erste gegen die 68er aufgelehnt habe, die Generation Ihrer Lehrer. Warum mochten Sie die nicht?

Westerwelle: Ich habe Lehrer nie besonders gut gefunden, die einem schon in der zweiten Unterrichtsstunde das Du anboten. Komm mal her, Guido, und so. Ich dachte, das ist doch mein Lehrer, der kann doch nicht einfach "komm mal her" sagen, so geht das doch nicht. Das fand ich entsetzlich. Aber ich gebe zu: Früher habe ich auf diese Generation zu schnippisch und unsensibel reagiert.

SPIEGEL: Und heute?

Westerwelle: Ein bisschen hat sich das ausgewachsen. Je älter man wird, desto besser erkennt man die geschichtlichen und persönlichen Leistungen dieser Generation an.

SPIEGEL: Was wollten Sie erreichen, als Sie ein junger Mann waren? Hatten Sie Ziele?

Westerwelle: Mein Berufsziel war selbstständiger Anwalt. Ich hatte immer den Petrocelli im Kopf, den Anwalt aus der Fernsehserie. Das war ich. Mit wehender Robe. Die unschuldigen Angeklagten in letzter Minute retten.

SPIEGEL: Wie konnte es Sie in die Berufspolitik verschlagen, wenn Sie unbedingt ein Petrocelli werden wollten?

Westerwelle: Als Vorsitzender der Jungen Liberalen saß ich im Bundesvorstand der FDP. Habe Leute kennengelernt, die mich total begeistert haben, Genscher, Lambsdorff. Und dann, nach der Wahl '94, kam Herr Kinkel und fragte mich, ob ich sein Generalsekretär werden wolle. Das war der erste echte Schritt.

SPIEGEL: Und Sie hatten es nicht darauf angelegt?

Westerwelle: Überhaupt nicht. Also, natürlich kokettiert man damit. Es gibt ja auch dem eigenen Affen Zucker, wenn solche Angebote plötzlich kommen. Klar. Und dann war es wie immer im Leben. Wenn man etwas anfängt und feststellt, das macht einem richtig Freude, und der Erfolg belohnt einen für den Fleiß, dann will man weiter, und dann will man mehr. Und so kam es bei mir. Und dann kam ja Herr Möllemann und streckte die Hand nach dem Parteivorsitz aus, und dann habe ich gesagt, nee, das mache ich selber. Und so wurde ich mit 39 Jahren Vorsitzender.

SPIEGEL: Und machten erst einmal eine Menge falsch.

Westerwelle: Das würde ich nicht sagen. Die FDP holte nie bessere Wahlergebnisse als mit mir. Man kann ja eine Menge über mich sagen, aber meine Wahlbilanz ist blitzsauber.

SPIEGEL: Das meinten wir nicht. Wir meinten die Spaßpolitik.

Westerwelle: Mensch, das war eine andere Zeit, das ist 20 Jahre her. Damals stritten sich Thomas Gottschalk und "Big Brother" darüber, wer der Quotenführer am Abend war. Das war Kult. Und ich war der erste Politiker, der bei Harald Schmidt war. Der erste, der bei Stefan Raab war. Heute wollen alle rein und freuen sich, wenn sie eingeladen werden. Damals habe ich gesagt, wenn ich die jungen Wähler kriegen will, muss ich dahin. Ich habe mich Sachen getraut, die sich andere nicht getraut haben, ich habe großen Erfolg gehabt. Punkt. Aus. Feierabend.

SPIEGEL: Das Guidomobil wirkte ein wenig lächerlich.

Westerwelle: Damals fuhr ich im Tunnel. Natürlich denke ich mit bald 54 Jahren komplett anders über meinen Bus als damals. Ist doch logisch.

SPIEGEL: Heute würden Sie es nicht mehr tun?

Westerwelle: Ich kann Ihnen versichern, dass ich gereift bin. Ich käme nicht mehr auf diese Idee. Ich würde mir auch keine 18 unter die Schuhe malen, für unser Projekt 18. Natürlich nicht. Und das war, nebenbei, damals schon daneben. Aber das ist immer so. Mal liegst du richtig, mal liegst du falsch. Dann verlässt dich dein Instinkt. Das gibt es bei mir, und das gibt es bei anderen.

SPIEGEL: Jürgen Möllemann, einst Bundeswirtschaftsminister und Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen, sprang 2003 mit dem Fallschirm in den Tod. In Ihrem Buch heißt es, Sie hätten sich viele Gedanken gemacht, nachdem das passiert war. Sie schreiben nicht, welche Gedanken. Sagen Sie es uns?

Westerwelle: Ich habe überlegt, mit der Politik aufzuhören. Das hatte ja die Ausmaße einer griechischen Tragödie. Ich war Parteivorsitzender und musste Möllemanns Tod vor der Presse kommentieren. Ihre Kollegen wollten natürlich nachfragen, aber ich bin direkt gegangen. Hätte ich irgendeinen weiteren Satz sagen müssen, ich wäre innerlich implodiert.

SPIEGEL: Warum dachten Sie daran aufzuhören? Weil Sie spürten, dass Politik etwas Destruktives hat?

Westerwelle: Nein, weil mir etwas widerfahren ist, das alle Klischees vom schmutzigen Geschäft Politik füttert. Und ich mich gefragt habe, ist das nicht zu viel, und willst du das? Willst du in so was reinrutschen? Und genau in dem Sommer habe ich Michael kennengelernt. Das Leben ist manchmal verrückt.

SPIEGEL: Möllemann wurde illegale Parteienfinanzierung vorgeworfen.

Westerwelle: Ja, es ging um Gelder, von denen ich nichts wusste, die in Plastiktüten transportiert wurden, und mehr will ich dazu gar nicht sagen.

SPIEGEL: Möllemann hatte auch mit antisemitischen Klischees gearbeitet, um am rechten Rand Stimmen zu sammeln. Und Sie haben ihn eine Weile lang gewähren lassen. Wie denken Sie heute darüber?

Westerwelle: Ich habe anfangs gedacht, der denkt ja nicht wirklich so. Da war ich zu naiv, ich hätte zupackender und mutiger sein müssen. Ich habe zu spät reagiert. Aber ich habe dann reagiert, darauf lege ich großen Wert.

SPIEGEL: Nagt diese anfängliche Zögerlichkeit manchmal noch an Ihnen?

Westerwelle: Das sind Sachen, die vergibt man sich. So wie Sie sich ein paar geschmackliche Verirrungen vergeben. Das passiert jedem pausenlos. Aber bei den Richtungsentscheidungen, den wesentlichen Dingen, müssen Sie richtig liegen.

SPIEGEL: 2009 wurden Sie Außenminister einer schwarz-gelben Koalition. Schon bald nach Regierungsantritt machten Ihnen Heckenschützen aus der FDP das Leben sauer.

Westerwelle: Ja, die Zukurzgekommenen aus der eigenen Partei fingen sofort an, warteten keine hundert Tage ab, um mich anzugreifen. Wir hatten auch Pech, die Griechenlandkrise kam, und wir konnten unsere große Steuerreform nicht mehr umsetzen. Ich stand vor der Wahl: in die Opposition zu gehen oder angesichts einer geschichtlichen Situation Abstriche zu machen. Ich habe mich für die Geschichte entschieden und Abstriche gemacht. Das hat mir bei meiner Partei geschadet.

SPIEGEL: Gab es eigene Fehler?

Westerwelle: Natürlich kamen eigene Fehler dazu, wie immer. Und in bestimmten Drucksituationen verhalten Sie sich ja auch nicht immer gut. Und dann kommen einige, die sehen die Chance, dass sie ein bisschen weiterkommen können. Das ist eben so. Das ist Politik, und Sie dürfen nicht vergessen, ich war insgesamt zehn Jahre lang Parteivorsitzender. Das ist unheimlich lange. Nur Genscher hat beinahe elf Jahre gemacht.

SPIEGEL: Da wir von Fehlern reden: Wie konnte Ihnen die "spätrömische Dekadenz" passieren?

Westerwelle: Sehr ärgerlich, ja. Ich hatte mich unheimlich darüber geärgert, dass die Hartz-IV-Sätze steigen konnten, eine Entlastung der Mittelschicht aber nicht mehr möglich war. Deshalb ist das passiert.

SPIEGEL: War das Ihr Satz? Oder hat den jemand für Sie aufgeschrieben?

Westerwelle: Für diesen Satz hafte ich alleine. Es ist passiert. Aber ehrlich gesagt: Es ist ein Satz, mehr nicht. Es ist niemandem ein Unrecht geschehen, kein Mensch hat darunter gelitten, nichts hat sich real verändert in der Welt. Ich habe einen Artikel mit einem Satz geschrieben, den ich heute so mit Sicherheit nicht mehr schreiben würde. Und zwar nicht, weil ich mich von dem Gedanken, alles was man haben will, muss man erwirtschaften, verabschiede, im Gegenteil, sondern weil der Satz missverständlich verletzend war. Und das hätte ich erkennen müssen, und das habe ich nicht erkannt. Da war ich zu rechthaberisch.

SPIEGEL: Den Parteivorsitz mussten Sie abgeben, als der Druck Ihrer sogenannten Parteifreunde zu stark wurde. Schmerzt Sie das noch manchmal?

Westerwelle: Es ist vorbei. Es ist nicht mehr wichtig, ich sage das ohne Gram, ohne Groll. Wenn ich heute zurückblicke, erscheint mir das so unbedeutend. Die Gemeinheiten, die Verletzungen, sie schrumpfen. Sie können sich nicht vorstellen, wie unwichtig mir das heute ist. Und dann habe ich ja auch in den eineinhalb Jahren nach meiner Erkrankung gesehen, wie viel Vertrauen, das ich Menschen gegeben habe, gerechtfertigt war. Von Menschen, auch von politischen Gegnern und Weggefährten, bei denen ich es nie für möglich gehalten habe. Die wirklich standen, sich erkundigten und Zuspruch gaben. Es ist nicht so, dass die Politik nur eine kalte, hässliche Welt ist.

SPIEGEL: Haben sich auch die Parteifreunde gemeldet, die Ihnen das Leben schwer gemacht hatten?

Westerwelle: Ja, natürlich. Eine solche Krankheit versöhnt ja auch. Man fragt sich: Mann, worüber haben wir uns eigentlich gestritten wie verrückt? Aber ein paar Sachen werden auch klarer. Dazu zähle ich vor allen Dingen meine Politik der militärischen Zurückhaltung. Heute wird sie nicht mehr ernsthaft bestritten. Auch da kann man übrigens fragen, ob ich in jedem Augenblick das richtige Wort gefunden habe. Wahrscheinlich nicht, aber die Entscheidung war richtig. Das ist heute bewiesen.

SPIEGEL: "Bewiesen" ist in diesem Zusammenhang ein schwieriges Wort, weil wir nicht wissen, wie es gewesen wäre, hätte sich Deutschland bei der Abstimmung zum Libyen-Einsatz nicht enthalten.

Westerwelle: Richtig, hypothetische Geschichtsverläufe sind schwierig. Das korrigiere ich, da haben Sie recht. Aber heute ist es offensichtlich, dass die militärische Intervention in Libyen zu einem zerfallenden Staat geführt hat, und das hat einen Teil der Migrationsbewegungen ausgelöst.

SPIEGEL: Gegen Syriens Machthaber wurde seitens des Westens nicht interveniert, und dort ist die Situation noch schlimmer als in Libyen.

Westerwelle: Ich sehe das in einem größeren Zusammenhang. Es hat mit dem Irak begonnen, mit einer Lüge der amerikanischen Regierung. Interventionen sind selten erfolgreich, weil es selten Pläne und Geduld für die vielen Jahre danach gibt.

SPIEGEL: Nach Ihrer Abwahl im Herbst 2013 hat sich die Bundesregierung schnell von Ihrer Politik der militärischen Zurückhaltung verabschiedet. Ihr Nachfolger Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprachen sich dafür aus, dass Deutschland eine aktivere Rolle in der Welt spielen müsse, notfalls auch militärisch. Ist es verletzend, dass Ihre Positionierung so schnell abgeräumt wurde?

Westerwelle: Ich nehme mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, dass ich das von meinem Nachfolger so nicht mehr höre. Das war eine kurze Phase. Deutschland wird nicht dadurch größer, stärker, segensreicher, wenn es mehr militärische Interventionen macht. Das war der große Irrtum der letzten 20 Jahre.

SPIEGEL: Würde sich Deutschland aus allem raushalten, würde es von den Verbündeten nicht mehr ernst genommen. Und die Bereitschaft, Soldaten zu schicken, ist die härteste Währung in der Nato.

Westerwelle: Das stimmt, das ist die härteste Währung, mit vielen Kollateralschäden. Aber seitdem ich dem Tod sehr nahe war, habe ich zum Wort "Kollateralschaden" eine äußerst allergische Einstellung. Es hört sich so abstrakt an, aber es bedeutet das Ende von Leben, von Kindern, von Frauen, von Männern. Wenn man über Leben und Tod entscheidet, muss man sich schon ganz, ganz, ganz sicher sein.

SPIEGEL: Damit sind wir wieder bei Ihrer Erkrankung. In Ihrem Buch schreiben Sie, nach der Diagnose hätten Sie sich gefühlt wie Gregor Samsa in Kafkas Geschichte "Die Verwandlung". Können Sie dieses Gefühl beschreiben?

Westerwelle: So gut wie Kafka kann ich es leider nicht beschreiben. Sie wachen auf und fühlen sich wie ein Käfer auf dem Rücken.

SPIEGEL: Sie durften lange niemanden berühren, durften nicht berührt werden, und das in einer Zeit, da jede Berührung Trost und Halt sein kann. Wie haben Sie das ausgehalten?

Westerwelle: Sie glauben gar nicht, was der Mensch alles aushält. Man muss da eben durch. Eine Zeit lang wurde ich nur mit Gummihandschuhen angefasst.

SPIEGEL: Sie schreiben, dass die Krankheit egalitär sei. Dass alles verwischt werde, reich/arm, alt/jung, machtlos/mächtig. Krebs als großer Gleichmacher.

Westerwelle: Das ist wirklich so. Im Krankenhaus ging ich im Bademantel und in Schlappen über den Flur wie alle dort. Die anderen Patienten und Pfleger kannten mich ja nur aus dem Fernsehen, und nun war ich bei ihnen.

SPIEGEL: War das erniedrigend für Sie, oder hatte das Egalitäre auch etwas Schönes?

Westerwelle: Da haben Sie weder schöne noch hässliche Gedanken.

SPIEGEL: Entsteht da eine Gemeinschaft?

Westerwelle: Ja, eine Gemeinschaft entsteht in jedem Fall. Es gab bei den Pflegern, Schwestern, Ärzten, Reinigungskräften und Mitpatienten nur eine Devise: Wir bauen uns auf. Keiner zieht einen anderen runter. Und jeder hätte viele Gründe gehabt, zu jammern und zu weinen. Es sind ja einige verstorben in der Zeit.

SPIEGEL: Eine Schicksalsgemeinschaft?

Westerwelle: Ja, eine Schicksalsgemeinschaft. Man duzt sich sofort, und man versucht, einander aufzubauen. Ich meine, das sind absurde Situationen. Sie sitzen auf so einem Fahrrad in so einem Jogging-Schlafanzug, haben Schlappen an, blaue Handschuhe, Mundschutz und denken, das ist Fahrradfahren.

SPIEGEL: Können Sie heute darüber lachen?

Westerwelle: Nee, lachen kann ich immer noch nicht darüber. Ist auch so ein Phänomen, dass man eine Zeit lang das Lachen völlig verlernt.

SPIEGEL: Ist es wieder da?

Westerwelle: Mal mehr, mal weniger. Hängt davon ab, was ich gerade durchmache.

SPIEGEL: Ihr erster Stammzellspender sprang kurz vor dem Eingriff ab.

Westerwelle: Das war ein erschütternder Moment. Ich dachte sofort, jetzt geht der Wettlauf gegen die Zeit los. Aber ich dach-

te auch: Wer weiß, was beim Spender vorgefallen ist. Kann man doch niemandem übel nehmen. Und ich hab's auch nicht getan. Nicht eine Sekunde. Ehrlich nicht.

SPIEGEL: Der schlimmste Schmerz ist offenbar die Punktion des Knochenmarks.

Westerwelle: Das war nicht so schlimm, das war nach einer Viertelstunde vorbei. Schlimm war, als ich dachte, ich muss sterben.

SPIEGEL: Wann dachten Sie das?

Westerwelle: Kurz nach der Transplantation. Ich bekam drei Injektionen, und die ersten beiden waren prima, aber auf die dritte reagierte ich mit einem allergischen Schock. Da stürzten dann die Pfleger rein, und ich habe dort gelegen und gedacht, so fühlt sich also Sterben an.

SPIEGEL: Noch einmal Volkshochschule, bitte. Wie wird Leukämie behandelt? Warum eine Stammzellspende?

Westerwelle: Wenn Sie eine akute Leukämie haben, werden die Krebszellen zunächst mit der Chemo zerstört. Danach bekommt der Patient über die Stammzellspende ein neues Immunsystem verpasst. Das Risiko dabei ist, dass das neue Immunsystem den Körper angreift, aber das versucht man dann mit sogenannten Immunsuppressiva in den Griff zu kriegen. Das ist es eigentlich.

SPIEGEL: Warum war es so dramatisch, dass in diesem Moment der Spender absprang?

Westerwelle: Es war nach der Chemo, und ich war unheimlich geschwächt. Das sind ja keine schwachen Pillen, die man da bekommt. Sie werden im Grunde genommen lebensuntüchtig gemacht, um überleben zu können.

SPIEGEL: Hätten Sie einen zweiten Chemoblock möglicherweise nicht überstanden?

Westerwelle: Das kann man nie sagen. Aber jede Chemo schwächt.

SPIEGEL: Sie hatten Glück. Bald tauchte der zweite Spender auf, und Sie saßen ausgerechnet mit Angela Merkel beim Mittagessen zusammen, als Sie davon erfuhren.

Westerwelle: Ist das nicht verrückt? Bei meinem Lieblingsitaliener hier in Köln.

SPIEGEL: Wie hat Merkel reagiert?

Westerwelle: Ganz normal. Na, das ist doch eine gute Sache, hat sie gesagt, gratuliere, ich freue mich.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Westerwelle: In dieser Lage jubeln Sie nicht über gute Nachrichten. Weder als Betroffener noch als Freund oder Angehöriger. Sie sind da ganz abergläubisch. Erst mal gucken, wie es kommt.

SPIEGEL: Wie läuft eine Transplantation ab? Können Sie das beschreiben?

Westerwelle: Undramatisch. Der Beutel mit der Spende wird an einen Infusionsständer gehängt und mit Ihnen verbunden. Und dann kriegen Sie statt einer Infusion eben Stammzellen verabreicht.

SPIEGEL: Wie lange dauert das?

Westerwelle: Ein, zwei Stündchen.

SPIEGEL: Sie beschreiben das so nüchtern.

Westerwelle: Es ist eine nüchterne Sache.

SPIEGEL: Reden wir noch einmal über Politik. Gibt es in der Politik so etwas wie Aufgehobenheit? Oder nur die permanente Verunsicherung, weil man allzeit durch irgendwen infrage gestellt wird?

Westerwelle: Beides, in Phasen. Wenn Sie über 30 Jahre lang Politik machen, sind da auch die schönsten Erlebnisse - Sie erfahren Momente, in denen die Partei eine Familie ist. Sie erleben Solidarität und Freundschaft, entgegen allen Klischees, aber Sie erleben auch Härte und Gegnerschaft, Aggression, Intrige, Neid.

SPIEGEL: Führt das Zweite, also das Wissen um die Intrigen, nicht dazu, dass Sie dem Ersten, der Freundschaft, nie wirklich vertrauen können?

Westerwelle: Ist das nicht in allen Spitzenpositionen so? In der Wirtschaft oder auch in der Medienwelt? Die Luft ist halt dünn, je weiter man nach oben kommt. Die Redaktion des SPIEGEL ist ja auch kein Familienklub.

SPIEGEL: Bei uns ist man nett zueinander.

Westerwelle: Ich sehe Ihr Grinsen. Es wird immer um Macht gefochten, das ist normal. Soll ich Ihnen etwas über Vorstände erzählen? Aufsichtsräte? Politik ist gewiss nicht grausamer als das sonstige Leben.

SPIEGEL: Wenn Sie in diesen Tagen auf Merkel blicken: Macht sie die richtige Politik?

Westerwelle: Was hätte sie denn machen sollen? Hätte sie den Schusswaffengebrauch an der Grenze schon vorbereiten sollen, wie es von rechtsaußen vorgeschlagen wird? Hätte sie Wasserwerfer in Bewegung setzen sollen? Das wären Bilder gewesen, mit denen sich kein Deutscher hätte zufrieden geben dürfen und können. Die große Geste, die gesendet wurde, über die mag man streiten, zum Beispiel die berühmten Selfies, die von den Flüchtlingen nach Hause geschickt wurden, mit den ganzen Gerüchten und Falschheiten.

SPIEGEL: Erleben Sie zurzeit eine neue Kanzlerin?

Westerwelle: Ich kannte Angela Merkel als zupackende Entscheiderin auch in anderen Zusammenhängen, allerdings im selben Moment auch als vorsichtig. Jetzt ist sie seit zehn Jahren Kanzlerin, und wer hat schon die Gelegenheit, so viel Lebenserfahrung in einem so mächtigen Amt zu erwerben? Als ich ihre Darmstädter Rede sah, nahm ich ihr jedes Wort ab. Dass die Menschenwürde nicht auf Deutsche beschränkt ist, ist ein großer Satz. Und mir ist eine Kanzlerin lieber, die diese Menschenwürde unterstreicht, als ein Kanzler, der das für Gedöns hält.

SPIEGEL: Deutschland zeigt sich derzeit auch von einer sehr hässlichen Seite. Was sagen Sie zu den Angriffen auf Flüchtlingsheime, zu den Hassparolen?

Westerwelle: Entsetzlich. Zero tolerance. Kein Pardon. Die ganze Härte des Rechtsstaates. Wenn Sie das zulassen, dann kommen Sie auf eine schiefe Bahn, von der kommen Sie nie wieder herunter. Das geht dann immer schneller, immer schneller, immer schneller.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie den Zustand Europas?

Westerwelle: Mit Sorge. Europa ist noch nicht durch. Noch lange nicht durch. Und damit meine ich nicht die Milliarden für griechische Banken.

SPIEGEL: Was meinen Sie denn?

Westerwelle: Ich meine damit, dass Europa als politisches Projekt noch nicht durch ist. Alles, was man baut, kann auch zusammenfallen. Das gilt auch für Europa. Im Moment sehe ich vor allem Fliehkräfte.

SPIEGEL: War das nicht auch schon zu Ihrer Zeit als Außenminister so?

Westerwelle: Ich habe oft Verhandlungen erlebt, die bis drei Uhr morgens gingen, und dann werden da so zweideutige Signale gegeben. Man sagt sich in seiner Müdigkeit, dein Anliegen ist ja durch, prima. Hast du gut hingekriegt. Schön. Und dann ist es sechs Uhr morgens, du bist noch gar nicht aufgestanden, und draußen klopft dein Pressesprecher. Er wollte nur mal sagen, was wir da gestern als großen Durchbruch verkündet haben, ich glaube, Herr Minister, das gilt nicht mehr. Das gab's damals auch. Aber heute sind die Fliehkräfte noch stärker. Wir müssen aufpassen, Europa ist so kostbar.

SPIEGEL: Herr Westerwelle, wie geht es Ihnen heute?

Westerwelle: Heute geht es mir weit besser, als es mir in den 18 Monaten oft ergangen ist. Aber es geht mir heute auch schlechter, als es mir in den 18 Monaten oft ergangen ist. Im Moment ist mein Mund entzündet. Das ist beim Essen wirklich entsetzlich. Es fühlt sich an, als hätte man Stacheldraht im Mund. Aber das ist halt so. Das kriegen wir alles wieder hin.

SPIEGEL: Sie erholen sich gerade von einer Lungenentzündung.

Westerwelle: Ich hatte sechs Monate lang großes Glück. Aber dann saß ich im Flughafenbus, und da hat sich jemand die Seele aus dem Leib gehustet. Das war es dann. Ich bekam eine Lungenentzündung und musste für fünf Tage ins Krankenhaus, auf die Station, wo ich erstmals mit der Chemo behandelt wurde. Das waren keine guten Erinnerungen.

SPIEGEL: Sind Sie müde, erschöpft?

Westerwelle: Ich schlafe viel, lese viel, was ja auch eine Form von Erholung ist. Am Anfang konnte ich das überhaupt nicht, konnte mich nicht konzentrieren.

SPIEGEL: Können Sie Sport treiben?

Westerwelle: Spazieren gehen, ja. Ich war auch schon mal auf dem Golfplatz. Auf Sylt bin ich Fahrrad gefahren. Es geht alles sehr langsam voran. Sie gehen erst eine Runde um den Teich, eine kleine Runde, und brauchen 20 Minuten. Dann gehen Sie eine größere Runde, 30 Minuten. Jetzt habe ich zweimal hintereinander eine Stunde geschafft. Da sitzt jetzt eine ge-

sunde Leserschaft und sagt sich, eine Stunde spazieren gehen, was soll das? Huh, für mich sind das Erfolgserlebnisse, da möchten Sie anschließend ein Stück Torte essen.

SPIEGEL: Was Sie aber nicht tun.

Westerwelle: Doch, klar.

SPIEGEL: Torte geht?

Westerwelle: Bestimmte Sorten. Alles, was die Schleimhäute reizt, geht nicht, Obst zum Beispiel. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Glück eine Dosensuppe mit Reis und Hühnerbrühe für mich bedeutet. Das beißt nicht im Mund. Heute Mittag habe ich versucht, eine Wurst zu essen. Das hätte ich besser gelassen. Aber das ist alles hinzukriegen.

SPIEGEL: Sie haben jetzt eine andere Blutgruppe als früher, die Blutgruppe des Spenders. Verändert das auch Ihre Identität?

Westerwelle: Nein. Sie bleiben derselbe Mensch. Aber mit einem Erfahrungsgewinn im Hochgeschwindigkeitsraffer.

SPIEGEL: Ihr Ehemann hatte die Sorge, dass sich etwas Entscheidendes Ihrer Identität verändern könne.

Westerwelle: Der Michael hörte: neues Immunsystem, neue Blutgruppe. Da hat er gefragt: "Ändert sich sonst noch etwas?" Der Arzt sagte: "Wie meinen Sie das?" Michael: "Nicht, dass Guido anschließend mit den Krankenschwestern flirtet." Das hätte die Grundlagen unserer Beziehung geändert. Aber nein, da hat sich nichts verschoben.

SPIEGEL: Sie sind immer noch der Guido Westerwelle von früher?

Westerwelle: Durch das Erlebnis werden Sie ein anderer Mensch. Sie bleiben Guido, mit all den Vorteilen und Nachteilen und guten Eigenschaften. Aber durch die Erfahrungen werden Sie schon ein anderer.

SPIEGEL: Was ist anders geworden?

Westerwelle: Sie freuen sich an den kleinen Dingen des Lebens, wundern sich, worüber Sie sich aufgeregt haben, möchten am liebsten jedem Gesunden sagen, nutze dein Leben. Carpe diem.

SPIEGEL: Leben Sie in ständiger Angst vor einem Rückfall?

Westerwelle: Nein, aber ich freue mich über jeden guten Blutwert.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schildern Sie eine Szene, da sagen Sie zu Ihrem Mann: Du erzählst nichts mehr von deiner Arbeit. Und er sagt: Du fragst mich ja nicht mehr danach. Macht Krebs egozentrisch?

Westerwelle: Nein, nicht egozentrisch.

SPIEGEL: Besessen?

Westerwelle: Besessen auch nicht. Das ist mir beides zu hart. Aber Ihre Gedanken kreisen natürlich ums Existenzielle, ums Überleben, um Ihre Schmerzen, um Ihre Probleme. Man kümmert sich eigentlich nur noch um die existenziellen Sachen, aber irgendwann platzt dann der Knoten, und man sagt sich: Das geht so nicht. Du kannst ja nicht spazieren gehen und statt die Schönheit der Bäume zu sehen, beschäftigst du dich damit, ob deine Leukozyten jetzt bei über fünf oder unter zwei sind. Mein Ziel war es, nicht nur zu überleben, sondern auch wieder zu leben.

SPIEGEL: Mussten Sie sich das ganz bewusst beibringen? Also auch, mal wieder ins Konzert zu gehen?

Westerwelle: Ja. Ich bin zum Beispiel gefragt worden: Musstest du nach Salzburg fahren? Klassische Frage. Nein, musste ich nicht. Es hat mir aber unglaublich viel gegeben. Ich war oft dort, und ich liebe Opern. Und da kann man sagen, ja, es ist ein Risiko, doch egal, ich möchte es. Musste ich zu dem Geburtstag nach Sylt reisen, wo ich mir auf dem Rückweg die Lungenentzündung geholt habe? Nein, musste ich nicht. Aber ich möchte ja nicht die nächsten Jahre meines Lebens in Pantoffeln im Park um den Teich herumschluffen.

SPIEGEL: Gibt es so etwas wie eine vollständige Genesung: dass Sie so leben können wie früher?

Westerwelle: Das weiß man noch nicht.

SPIEGEL: Aber das ist möglich?

Westerwelle: Ja, das Ziel ist vollständige Genesung. Aber das kann dauern.

SPIEGEL: Ihr Buch liest sich übrigens auch wie eine Liebeserklärung an den Ehemann, wie eine Dankesschrift, wie eine Streitschrift gegen Klischees. Als wollten Sie ganz beiläufig sagen, selbstverständlich können auch Homosexuelle tiefe Verbundenheit fühlen, Fürsorge zeigen, füreinander da sein. War das Ihre Absicht?

Westerwelle: Es ist meine Absicht, und das ist auch die Lehre dieser Zeit. Man sagt gleichgeschlechtlichen Ehen eine gewisse Oberflächlichkeit nach, weil schon das Wort homosexuell die Sexualität betont. Aber das ist nicht so, bei Michael und mir schon gar nicht. Ich wusste das vorher, aber jetzt noch tausendmal mehr: Wir führen keine Ehe zweiter Klasse.

SPIEGEL: Herr Westerwelle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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1. Berührend
-elviz- 18.03.2016
Das damalige Spiegel Interview hatte mich sehr berührt, weil es so menschlich war. Guido, mach's gut...
2. Wissen Sie, warum es mir um ihn so leid tut?
mielforte 18.03.2016
Weil Guido Westerwelle auch die Verkörperung einer anderen und besseren Zeit war. Ich mochte seine 18-Prozent-Allüren nicht und sein Guido-Mobil, naja. Auch seine divenhaften Attitüden mochte ich nicht. Interessant war seine Hassliebe Möllemann gegenüber, seine spätere Reife auch als Außenminister, da war viel auffallend Positives. Es gab Leute in meinem Umfeld, die wegen ihm die FDP gewählt haben. Sein Tod ist ein Abschied von einer Zeit, die ich auch mit den Namen Schirrmacher, Schlingensief, Mißfelder, Willemsen und ja auch Peter Lustig verbinde, obwohl der ja apolitisch war. Eine Straße sollte man nach ihm benennen aber bitte keine Nebenstraße.
3. Mein Beileid
turbomix 18.03.2016
Ich war ein klein wenig geschockt. Auch wenn Guido Westerwelle ein politischer Gegner war, so früh zu sterben hat er nicht verdient!
4. Rip
cogito 18.03.2016
Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn mochte, aber er war ganz sicher ein großer Politiker. Er wirkte ehrlich und geradlinig und hängte sein Fähnchen nicht nach dem Wind. Eigenschaften, die ich bei den meisten anderen Politikern in DE vermisse... RIP, Guido Westerwelle.
5. Rip
Mäusemelker 18.03.2016
RIP Kommilitone.
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