Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kubicki über Westerwelle: "Er war die Freiheitsstatue der Republik"

Von Wolfgang Kubicki

FDP-Politiker Westerwelle, Kubicki Zur Großansicht
picture alliance / dpa

FDP-Politiker Westerwelle, Kubicki

In der FDP war er der schärfste Widersacher von Guido Westerwelle. Privat verband Wolfgang Kubicki eine lange Freundschaft mit dem Verstorbenen. Ein sehr persönlicher Nachruf.

Mit Guido Westerwelle ging am vergangenen Freitag ein großer Liberaler, ein leidenschaftlicher Parlamentarier, ein begnadeter Kommunikator und ein großartiger Mensch von uns. Er war die Freiheitsstatue der Republik, der erfolgreichste liberale Wahlkämpfer der Nachkriegszeit und ein über die Parteigrenzen hinweg geachteter Streiter für die Idee der Freiheit. Guido Westerwelle hinterlässt nach seinen 54 Lebensjahren tiefe Spuren in der politischen Geschichte der Bundesrepublik.

Die Persönlichkeit Guido Westerwelle hatte viele Facetten - am wenigsten entsprach er dem Bild, das öffentlich von ihm gezeichnet wurde. Er war empfindsam, sensibel und unglaublich fürsorglich. Selbst bei eher unbedeutenden Erkältungen erkundigte er sich bei dem Erkrankten über den Genesungsfortschritt und hatte für sein Gegenüber ermunternde und aufbauende Worte übrig. Seine rheinische Frohnatur war niemals oberflächlich. Dies lag auch daran, dass er in seiner eigenen Biografie nicht selten tief auf den Grund schauen musste.

Zum Autor
  • DPA
    Wolfgang Kubicki, Jahrgang 1952, ist seit 2013 stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP. Seit 1992 ist er Mitglied des Landtags von Schleswig-Holstein und führt dort die FDP-Fraktion an. Daneben arbeitet er als Rechtsanwalt.
Dass er sich trotz seiner Empfindsamkeit für die oftmals beinharte Politik entschieden hat, war für ihn kein Widerspruch. Denn er wusste zu unterscheiden: Man konnte mit ihm gut in der Sache streiten, weil er die persönliche Freundschaft darüber nie infrage stellte. Und ihm war klar, dass im politischen Geschäft niemand Rücksicht oder eine gerechte Bewertung der eigenen Leistung erwarten darf.

Fotostrecke

22  Bilder
Guido Westerwelle: Mal schrill, mal still
Unserer persönlichen Beziehung hat diese Haltung gut getan - denn meine politische Beziehung zu Guido Westerwelle war nicht immer störungsfrei. Gerade in der Zeit der Regierungsverantwortung zwischen 2009 und 2013 waren wir in der Frage, wie sich die Freien Demokraten positionieren sollten, oft anderer Auffassung. Guido hatte die menschliche Größe, mir meine Kritik niemals persönlich übel zu nehmen. Und er war klug genug zu wissen, dass kritische Worte von Freunden nicht als Majestätsbeleidigung aufzufassen waren und - jedenfalls aus der Sicht des befreundeten Kritikers - keinesfalls unbegründet hervorgebracht wurden.

Sicherlich kann man darüber streiten, welchen langfristigen Effekt das Guidomobil auf die bundesrepublikanische Politikvermittlung hatte. Aber eines schaffte er durch seine langen und kräftezehrenden Touren durch die Republik: Er kam mit Menschen ins Gespräch, die sich von politischen Debatten schon längst abgewandt hatten. Guido hatte das große Talent, die Menschen dort abzuholen, wo sie waren. Er konnte schwierige politische Themen einfach und verständlich darstellen - ohne dabei unzulässig zu verkürzen.

Ich bin unendlich traurig

Er polarisierte stark. Man konnte sich einer Meinung über Guido Westerwelle nicht entziehen. Doch ich bin noch immer der festen Überzeugung, dass eine freie und offene Gesellschaft auch einmal verbale Grenzübertretungen in Kauf nehmen sollte, wenn sie nicht von Politikern gelenkt werden will, die muffige Langeweile oder glitschige Aaligkeit zum obersten Prinzip ihres Wirkens erheben. Auch in dieser Frage hat Guido Westerwelle viel für die bundesdeutsche Debattenkultur bewirkt.

Guido Westerwelle brauchte einige Zeit, um sich in seiner Rolle als Bundesaußenminister und Vizekanzler zurecht zu finden. Ihn zeichnete aber aus, dass er selbst sein größter Kritiker war und hart an sich arbeitete. Insofern war seine wichtigste und fraglos schwierigste außenpolitische Entscheidung, sich im Libyen-Konflikt im Uno-Sicherheitsrat der Stimme zu enthalten, gewiss eine Folge seiner kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst. Auch wenn er von vielen für diese Enthaltung damals kritisiert wurde - die weitere Entwicklung in Libyen zeigte, wie richtig er mit seiner Einschätzung lag.

Auch nach seiner Amtszeit als Außenminister haben Guido und ich uns gemeinsam mit unseren Ehepartnern getroffen - mal zum Golfspielen auf Mallorca, mal bei uns zu Hause in Strande. Er entdeckte bei uns seine Leidenschaft fürs Segeln. Auf dem Wasser zu sein, die Kräfte der Natur zu spüren, beeindruckte ihn. Noch im September haben wir auf Mallorca zu viert auf seine erfolgreiche Behandlung angestoßen. Nur wenige Wochen später verschlechterte sich sein Zustand. Obwohl ich wusste, dass es ernster geworden war, traf mich die Nachricht am Freitag wie ein Schlag.

Ich bin dankbar für die Stunden, die wir gemeinsam nach vorne blicken konnten. Ich bin unendlich traurig, dass ich jetzt zurückschauen muss, um mich des wunderbaren Menschen, der er war, zu erinnern.

Guido Westerwelle war mein Freund. Er wird mir sehr fehlen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eindrucksvoll
elbdampfer 20.03.2016
Ein sehr einfühlsamer und bewegender Nachruf. Sollte Pflichtlektüre für die "Politiker sind alle Verbrecher"-Rufer werden. Letztlich sind alle - von Wagenknecht bis Petry - Überzeugungstäter, die für die ihrer Ansicht nach richtige Sache etwas tun. Und damit haben Sie schon mal vielen SPON-Besserwissern und Facebook-shitstormern einiges voraus.
2. In der politischen Laufbahn...
ludwig49 20.03.2016
...von Westerwelle muss mir einiges entgangen sein. Aber wie dem auch sei, bei vielen Nachrufen schauen sich die Hinterbliebenen am Grab ungläubig an. Eine Freiheitsstatue der Republik...einige Nummern kleiner hätte es auch getan, Herr Kubicki!
3. Traurig, dass er tot ist
hanswurst3838 20.03.2016
So traurig das alles ist, dass Westerwelle an dieser heimtückischen Krankheit gestorben ist, so übertrieben ist es auch, diesem Mann nun plötzlich ein Denkmal nach dem anderen zu setzen. Er war ein durchschnittlicher Politiker, mehr nicht.
4. Warum ihn nicht gleich
seid-kritisch 20.03.2016
posthum zum Titan machen? Seien wir doch mal ehrlich. Er war vor allem etwas schrill. Dachte man an ihn, kam einem auch gleich Hella von Sinnen in den Sinn. Aussenminister wurde er ja nur, weil die CDU/ CSU den Kanzler stellen wollte.
5. Schade, sehr schade sogar
Dr.Ulrich 20.03.2016
Es ist nicht nur traurig, einen Menschen auf diese Art sterben zu sehen. Es ist auch traurig mit anzusehen, wie viele andere Politiker den Tod Guido Westerwelles zum Anlass nehmen, endlich mal wieder etwas über sich selbst zu erzählen. Auch, oder vielleicht gerade, weil das eigentlich niemanden interessiert.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die FDP-Vorsitzenden von Heuss bis Westerwelle
Theodor Heuß
1948-1949: Verzichtet auf den Parteivorsitz und wird erster Bundespräsident
Franz Blücher
1949-1954: Zunächst Vorsitzender ohne Parteitagsvotum, seit 1949 Bundesminister für den Marshall-Plan und seit 1953 für europäische Zusammenarbeit, für FDP-Verluste 1953 verantwortlich gemacht und nicht wiedergewählt
Thomas Dehler
1954-1957: Nach hefigem parteiinternen Streit um die West-Ausrichtung der deutschen Außenpolitik deutliche Wahlniederlage für die FDP, die Dehler angelastet wird
Reinhold Maier
1957-1960: Bekommt bei seiner Wahl 1957 mit 97,8 Prozent das beste Ergebnis aller FDP-Chefs
Erich Mende
1960-1968: Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen 1963-1966, als Gegner des neuen sozialliberalen Kurses der FDP als Parteichef abgelöst
Walter Scheel
1968-1974: Bundesaußenminister von 1969-1974, legt den Vorsitz nieder, um Bundespräsident zu werden
Hans-Dietrich Genscher
1974-1985: Außenminister 1974-1992, führt die FDP länger als jeder andere Parteichef, gibt Vorsitz wegen Kritik an seinem Führungsstil ab
Martin Bangemann
1985-1988: Wirtschaftsminister 1984-1988, verzichtet nach monatelangen Spekulation um einen Wechsel nach Brüssel auf erneute Kandidatur zum Vorsitzenden
Otto Graf Lambsdorff
1988-1993: Wird 1988 mit dem Minusrekord von 52,8 Prozent an die FDP-Spitze gewählt, kein Ministeramt als Parteichef, setzt sich 1991 über Rücktrittsforderungen hinweg und bleibt wie angekündigt bis 1993 Vorsitzender
Klaus Kinkel
1993-1995: Außenminister 1992-1998, verzichtet nach herben FDP-Wahlniederlagen auf weitere Kandidatur für den Vorsitz
Wolfgang Gehrhardt
1995-2001: Ohne Sitz im Bundeskabinett in der Zeit als Vorsitzender, wird nach Streit um den politischen Kurs an der Parteispitze abgelöst
Guido Westerwelle
seit 2001: Außenminister vom 28. Oktober 2009 an.

Bundestagsradar


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: