Berlin/Stuttgart - Ganze 202 Seiten ist das Gutachten der SMA-Ingenieure aus der Schweiz lang - die Bahn nimmt das Papier als Beleg dafür , dass sie die erforderlichen Ziele bei S21 erreicht. "Der Stresstest ist bestanden", sagte eine Sprecherin des Bahn-Projekts in Stuttgart.
Unter der Überschrift "Bewertung des Prozesses und der Ergebnisse" schreibt SMA auf Seite 7 nach Informationen von SPIEGEL ONLINE: "Unsere Prüfung der Simulationsergebnisse hat gezeigt, dass die geforderten 49 Ankünfte im Hauptbahnhof Stuttgart in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan mit wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können." Und weiter heißt es: "Die vom Schlichter geforderten anerkannten Standards des Eisenbahnwesens sind eingehalten."
Heiner Geißler hatte als Schlichter der S-21-Verhandlungen verfügt, dass der geplante unterirdische Bahnhof 30 Prozent leistungsfähiger sein muss als der bisherige Bahnhof. Beim Stresstest hatte die Bahn den Betrieb im geplanten Tiefbahnhof an 100 Tagen in der Zeit zwischen 6 und 10 Uhr simuliert. SMA vollzog daraufhin die Simulation der Bahn nach und bewertete sie.
Grüne sehen Ziele verfehlt
Allerdings sehen die Grünen das Gutachten keinesfalls als Beleg für die S-21-Leistungsfähigkeit. Boris Palmer, Wortführer der S-21-Gegner in der Schlichtung und Tübinger Oberbürgermeister, sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Bahn hat trotz aller Verrenkungen, das Ergebnis zu schönen, ihr Ziel klar verfehlt." In der Schlichtung sei vereinbart worden, dass S21 den Abbau von Verspätungen ermögliche. "Doch heraus gekommen ist lediglich, dass keine zusätzlichen Verspätungen entstehen", sagte Palmer. "S21 würde also schon am Tag der Eröffnung überlastet sein."
Die Sprecher des Aktionsbündnisses, Brigitte Dahlbender und Hannes Rockenbauch, erklärten am Donnerstag zur Begründung in Stuttgart, was die Bahn vorgelegt habe, habe nichts mit einem Leistungstest zu tun. Da nicht mehr auf Augenhöhe debattiert werde, wie in der Schlichtung vereinbart, müsse man "mit großem Bedauern" aus dem Dialog aussteigen. Intern hatte es im Aktionsbündnis in den vergangenen Wochen heftige Debatten darüber gegeben, ob man sich aus der Schlichtung zurückziehen oder weiter verhandeln solle.
Schlichter Geißler kritisierte den Ausstieg des Aktionsbündnisses aus der geplanten öffentlichen Vorstellung des Stresstest-Gutachtens. "Ich halte die Entscheidung für falsch, denn das Aktionsbündnis hat überhaupt keinen Grund, eine Gegenüberstellung der Argumente in einem Faktencheck zu scheuen", sagte Geißler. Er habe keinen Zweifel daran, dass die Gutachter des Schweizer Ingenieursbüros SMA den Leistungstest der Bahn nach wissenschaftlichen und fachlichen Gesichtspunkten bewerteten, sagte Geißer. Die Firma sei zudem von allen an der Schlichtung Beteiligten anerkannt worden. "Ich bin nicht der Psychotherapeut der Gegner. Es ist aus ihrer Sicht falsch, wenn man die Gelegenheit nicht wahrnimmt, die Argumente der Öffentlichkeit vorzustellen", so Geißler.
Geißler will kommende Woche präsentieren
Geißler will das Ergebnis des Stresstests für den Tiefbahnhof auch ohne die Gegner öffentlich präsentieren. Das Gutachten der Schweizer Verkehrsberater SMA zum Belastungstest werde am kommenden Dienstagvormittag offiziell vorgestellt, sagte der CDU-Politiker.
Auch Tübingens Oberbürgermeister Palmer hält die Boykott-Entscheidung für falsch. "Man muss keine Angst vor einer öffentlichen Gegenüberstellung haben", sagt der Grünen-Politiker. Bei der gemeinsamen Präsentation hätte das Aktionsbündnis "gut begründen können, dass der Stresstest nichts wert ist". Palmer und die Grünen hatten sich nach der Landtagswahl aus dem Aktionsbündnis zurückgezogen.
Die Gegner des Bahnprojekts hatten bereits in den vergangenen Wochen kritisiert, dass sie nicht früh genug in die Erstellung des Stresstests eingebunden waren und die Grundlagen wie den Fahrplan oder die Haltezeiten nicht kannten. Die Bahn habe sich die Aufgabe selbst gestellt und präsentiere nun eine Lösung, ohne aber den Lösungsweg offenzulegen.
Auch an Geißler persönlich übten die Bahnhofsumbau-Gegner scharfe Kritik. "Wir haben ihn als nicht mehr so neutral betrachtet wie im Laufe der Faktenschlichterphase", sagte Sprecherin Dahlbender. Geißler sei den Gegnern des Projekts zwar "erheblich beigesprungen", als er die Bahn dafür rügte, dass das Aktionsbündnis nicht an der Ausarbeitung des Stresstests beteiligt worden sei. Allerdings habe Geißler nicht die Konsequenz gezogen und der Bahn gesagt, dass dadurch eine der wesentlichen Prämissen der Schlichtung verletzt worden sei.
Die baden-württembergische Landesregierung hat zum Bahnhofsumbau eine gespaltene Haltung: Die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann angeführten Grünen sind gegen S21, während der Koalitionspartner SPD den Umbau befürwortet. Die Koalition hat sich darauf geeinigt, im Herbst einen Volksentscheid zu S21 durchführen zu lassen.
flo/anr/dpa/dapd
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