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Guttenberg-Abgang: Pathos und Phantomschmerz

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Was für ein einsames Ende: Ex-Minister Guttenberg hat seinen Rücktritt nicht mit der Kanzlerin, nicht mit dem CSU-Chef besprochen - und dann theatralisch inszeniert. Seine Karriere scheint beendet, aber Parteifreunde hoffen auf ein Comeback. Steht KTG dafür überhaupt zur Verfügung? Ein Psychogramm.

REUTERS

Berlin - Es gibt die verbitterten Rücktritte. So einen hat Horst Köhler hingelegt, als er "mit sofortiger Wirkung" nicht mehr Bundespräsident sein wollte. Es gibt die verhuschten, getriebenen Abschiede wie jenen des Edmund Stoiber, der am Ende noch über einen Stuhl stolperte, nachdem er seinen Rücktritt verlesen hatte und dann den Raum verlassen wollte.

Karl-Theodor zu Guttenberg aber will es pathetisch. Einsam kommt er die Treppe zum Säulensaal im Bendlerblock herunter, einsam steigt er sie nach sieben Minuten wieder hoch. Dazwischen bleibt der Satz hängen, dass er immer bereit gewesen sei zu kämpfen, "aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht".

Hoch gestiegen, tief gefallen. Es ist ja nicht so, als dass Guttenberg nicht immer auch mit einem Rückschlag gerechnet und sogar kokettiert hat. "Ein gewisser Absturz hätte bei mir längst kommen müssen", so hat er das wieder und wieder gesagt.

Einsames Ende

Doch der Rücktritt als Verteidigungsminister ist alles andere als ein "gewisser Absturz". Es ist das Ende eines politischen Superstars. So hat sich Guttenberg das nicht gedacht. Er habe "mit ganzem Herzblut" am Amt gehangen, sagt er.

Die Anatomie einer politischen Affäre: Wie kam es zu Guttenbergs Rücktritt?

Es ist ein ziemlich einsames Ende. Er hat sich nicht mit der Kanzlerin, nicht mit dem CSU-Vorsitzenden besprochen. Dabei hat der 39-Jährige tagelang mit sich gerungen, ob er wegen der Plagiatsaffäre hinschmeißt. Die Brisanz der Lage ist ihm früh klar, spätestens aber bei jenem Wahlkampfauftritt im südhessischen Kelkheim. Das war am Montag vor einer Woche.

So richtig wisse er selbst nicht mehr, was in ihn gefahren sei beim Schreiben der Doktorarbeit, hat er kurz vorher Vertrauten gesagt. Nach außen gibt er sich an diesem Abend kämpferisch: Eine "altfränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um", ruft er vor CDU-Publikum aus. Er will seinen Titel gegen die Karriere tauschen, gibt den Dr. jur. jetzt öffentlich zurück. Den ganzen Tag über hat er mit seiner alten Universität in Bayreuth telefoniert, hat der Leitung angeboten, öffentlich "gravierende Fehler" einzugestehen. So wie er es dann auch macht in Kelkheim. Doch der Uni, deren Ruf schon schwer angeschlagen ist, reicht das nicht. Die Wissenschaftler treiben das eigene Prüfverfahren weiter voran.

Guttenbergs Parteifreunde schimpfen über die vermeintliche "Kampagne" von Medien und Opposition, doch sie merken nicht, wie ihnen die seit jeher hoch gehaltenen bürgerlichen Werte entgleiten: Anstand, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Und der stürzende Star selbst empfindet die Angriffe nicht nur als hart. Er findet sie in Teilen ungerecht. Geradezu unerhört. So jedenfalls kommt das rüber, als er Medienvertretern mehr Selbstkritik empfiehlt. Im Bundestag erklärt er sich in seinem Umgang mit der Affäre gar zum Vorbild.

Die ganze Geschichte bekommt immer skurrilere Züge.

Mit jedem seiner Schritte, das ist heute klar, verstrickt sich Guttenberg mehr und mehr in der Affäre. Er selbst kann und will sich das nicht eingestehen. Nach dem Wahlkampfauftritt in Hessen etwa wirkt er richtig erleichtert. Auf dem Rückflug ist er aufgekratzt, macht Fotos mit der Besatzung.

Und so geht es weiter.

Noch am Montagmorgen versichert er vorm CSU-Vorstand in München, er fülle "das Amt mit Freuden aus". Tagsüber aber melden sich immer mehr kritische Stimmen aus der CDU, die meisten noch anonym. Auch in Guttenbergs eigener Partei ist manch einer empört über das Krisenmanagement des Ministers, man fürchtet Schaden für die Partei. Am Abend gegen 22 Uhr ist Guttenberg dann klar: Es geht nicht mehr. Gerade hat er dem Wissenschaftler Oliver Lepsius im Fernsehen dabei zugesehen, wie der ihn politisch hinrichtete. Das jedenfalls ist die Empfindung Guttenbergs. "An der Frage des Vorsatzes gibt es doch gar keinen Zweifel mehr", sagt Lepsius im "heute journal" mit Blick auf Guttenbergs Kopiererei.

Kehrt Guttenberg zurück?

Dem Juristen Guttenberg ist klar, dass damit die Staatsanwaltschaft wohl keine andere Wahl als ein Strafverfahren hat. Es liegen ja schon Dutzende Anzeigen gegen ihn vor. Als nächster Schritt steht ein Antrag auf Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Guttenberg an. Das wäre das Aus für seine politische Handlungsfähigkeit als Verteidigungsminister.

Guttenberg zieht jetzt selbst den Stecker. Am frühen Dienstagmorgen schreibt er der Kanzlerin erst eine SMS, dann telefonieren sie. Er macht es kurz und knapp: Nein, er könne einfach nicht mehr. Ein Minister mit anhängigem Ermittlungsverfahren, das gehe nicht.

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Guttenberg-Nachfolge: Die Kandidaten
Was nun? Erstmal Abklingbecken und dann, nach einer gewissen Zeit, die Rückkehr auf die Polit-Bühne? Am Abend zählte die Facebook-Seite "Wir wollen Guttenberg zurück" schon rekordverdächtige 200.000 Fans, Tendenz rasant steigend.

Auf ein Comeback setzt auch Horst Seehofer: "Ich persönlich werde alles dafür tun, dass er der deutschen Politik und seiner politischen Familie erhalten bleibt." Und Merkel gibt sich überzeugt, dass sie in Zukunft "Gelegenheit zur Zusammenarbeit" mit Guttenberg haben werde - "in welcher Konstellation auch immer".

Schon jetzt spüren Merkel und Seehofer den Phantomschmerz: Was tun ohne Guttenberg, den Hoffnungsträger? Das kann doch nicht das Ende sein. Oder doch?

Das Beispiel des Franz Josef Strauß wird gern angeführt dieser Tage in CSU-Kreisen. Gestürzt über die SPIEGEL-Affäre, ein paar Jahre später wieder auferstanden als Finanzminister der schwarz-roten Koalition. Strauß war groß. Aber Guttenberg ist doch ein Phänomen. Sagen sie bei den Christsozialen.

Und wenn nicht Berlin, dann eben Bayern. Soll Guttenberg doch auf Landesebene Karriere machen, Ministerpräsident werden vielleicht. Was spricht dagegen? Zum Beispiel die informelle Absprache, die Guttenberg einst mit Bayerns Umweltminister Markus Söder getroffen hat: Der eine in Berlin, der andere in München. So würde man sich nicht in die Quere kommen. Unwahrscheinlich, dass Söder und Co. Guttenberg nun aus politischen Altruismus vorauseilend weiß-blaues Asyl gewähren.

Wird Guttenberg sich das antun? Er wolle nicht wie Friedrich Merz enden, soll er in kleiner Runde gesagt haben, er könne sich auch ein Leben fernab der Politik vorstellen. Friedrich Merz, das ist jener blitzgescheite Ex-Unionsfraktionschef, erst von Merkel entmachtet, dann der Politik genervt den Rücken kehrend, aber stets verdächtigt der Hoffnung, dass es doch noch mal klappen könnte mit ihm und Berlin. Irgendwie. Irgendwann. Merz, das ist das Paradebeispiel für einen Abservierten, der doch immer weiter hofft.

Das will sich Guttenberg nicht antun.

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Forum - Guttenberg - Rücktritt zur rechten Zeit?
insgesamt 4616 Beiträge
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1.
yubi 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
nein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
2. Er hat großen Schaden angerichtet!
Habenichts, 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Eindeutig nein! Dieser Schritt war längst fällig! Das Verhalten des Herrn zu Guttenberg schadet dem bürgerlichen Wertesystem unserer Gesellschaft! Auch die Kanzlerin ist beschädigt! Ihm gelang es viele menschen zu blenden!
3. spät
Kurt G, 01.03.2011
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Bei einem früheren Rücktritt wäre dies einfacher gewesen.
4.
panda 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Ob er jemals noch eine Chance in der Politik erhält, kommt wohl auf seine Begründung an. Wenn er wieder Ausflüchte sucht, seine Angelegenheit verniedlicht und die Schuld bei anderen sucht, dann wird Guttenberg politisch wohl erledigt sein. Wichtig ist, dass Guttenberg selbst zurücktritt - eine Entlassung durch Fr. Merkel hätte ihn in bestimmten Kreisen auch noch zum Märtyrer gemacht. Ein Positives hat das Ganze, Guttenberg sei Dank. Es wird endlich wieder über Werte in unserer Gesellschaft diskutiert. Der ganze Vorfall könnte der Beginn eines fortlaufenden urdemokratischen Selbstreinigungsprozesses sein. Die Bürger haben Mittel und Wege gefunden Blender und Betrüger aufzudecken. Zu beackernde Felder gäbe es, nicht nur in der Politik, mehr als genug - man denke nur an die Bankenbonilandschaft oder an die maßlosen Selbstbedienungen von Vorständen in Aktiengesellschaften. Mit dem gerne verwendeten Begriff Leistung hat die horrende Bezahlung oft gar nichts mehr zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Bürger auch hier endlich geeignete Mittel und Wege finden. Mein Fazit: Der Fall Guttenberg hat mitten ins Schwarze getroffen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
5. Endlich!!!
ogg00 01.03.2011
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Das finde ich aber legitim. Dann kann der Wähler ja entscheiden, ob er lieber auf Gel als auf Ehrlichkeit setzen möchte. Ansonsten kann ich das Glück ja kaum fassen, aber warten wir ab.
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