Von Annett Meiritz, Wildbad Kreuth
Die CSU hat eine Humordisziplin erfunden: den Kreuther Guttenberg-Witz. Am Fuße des Blaubergkamms wird Generalsekretär Alexander Dobrindt nach seiner neuen Brille - Modell "Fashion-Statement" - gefragt. Ob er sich nicht die Augen lasern lassen wolle? Wie wäre es mit Kontaktlinsen?
Vielleicht helfe auch eine indische Wunderheilerin, schlägt Dobrindt vor und erntet den Lacher der Runde. Natürlich weiß jeder sofort, wem die Anspielung galt. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte in seinem Interviewbuch erzählt, eine indische Ärztin in den USA habe ihm das spontane Ende seiner Fehlsichtigkeit bescheinigt.
Der Geist von Guttenberg weht durch Kreuth, obwohl der Freiherr nicht einmal auf der Gästeliste steht. Konkret wird hier im Tegernseer Tal, wo die Bundestagsabgeordneten der CSU alljährlich ihre Marschrichtung beraten, nichts zu Guttenbergs Zukunft verraten. "Alles zu seiner Zeit", beschwichtigte Gastgeberin und Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt am Donnerstag. Ob, wann und wie der einstige Shootingstar eine Rückkehr vollzöge, "das kann allein er entscheiden".
Alles verziehen und vergessen?
Ganz ohne Nachdruck von oben läuft die Mission Comeback dann doch nicht. Dafür sorgt Parteichef Horst Seehofer höchstpersönlich. Ein paar Tage vor Kreuth streute er die Info, er traue Guttenberg wieder eine "wichtige Funktion" in der Partei zu. Zum Auftakt der Klausurtagung am Mittwoch bekräftigte er sein Werben. Den Blick fest in die Kameras gerichtet sagte er, er sähe Guttenberg "zu gegebener Zeit wieder in einer aktiven Rolle in der CSU".
Alles verziehen und vergessen also? Vor einem Jahr wurde der damalige Verteidigungsminister noch als potentieller Seehofer-Nachfolger gehandelt. Dann sorgte er mit seiner Plagiatsaffäre für einen der Eklats des Jahres, er strauchelte, stürzte, floh in die USA.
Als er aus der Versenkung zurückkehrte, schoss er als erstes gegen die eigene Partei - und seine Partei schoss zurück. Guttenbergs Buch schlage "Wunden, die so schnell nicht verheilen", monierte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im SPIEGEL Anfang Dezember. Der Bruch schien greifbar nah.
Sonderregeln für den Freiherrn
Dass nun wenige Wochen später die öffentliche Absolution durch Seehofer erfolgt, spricht dafür, dass Guttenberg bereits den Willen zur Rückkehr signalisiert hat. Und selbst wenn der einstige Kronprinz einmal Seehofers schärfste Konkurrenz war: Jetzt, mit gestutzten Flügeln, könnte Guttenberg der Schlüssel zum Machterhalt sein. Seine Beliebtheitswerte von einst erreicht der frühere Hoffnungsträger zwar längst nicht mehr. Doch Guttenberg könnte eine Wählerklientel mobilisieren, auf die Seehofer offenbar nicht verzichten will - oder kann.
Nicht wenige CSU-Abgeordnete in Kreuth trauern den Zeiten hinterher, "als KT die Hallen füllte". Vor seinem Sturz schmückte sich jeder gern mit dem Freiherrn im eigenen Wahlkreis. Guttenberg im Wahlkampf, das war ein Selbstläufer, heißt es. "Wir können auch jetzt nicht auf Guttenbergs Strahlkraft verzichten", sagen seine Fans.
"Wir setzen unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel", fürchten hingegen andere. Allein Name und Stammbaum würden bei Teilen der Basis genügen, um über den Skandal und seine Folgen hinwegzusehen - ob das der Wähler goutiere, sei fraglich. Der Freiherr habe kaum eine andere Karrieremöglichkeit, spottet ein Gast in Kreuth. Internetberater der EU-Kommission? Mitglied eines amerikanischen Think-Tanks? All das reiche einem wie Guttenberg nicht, der suche die große politische Bühne. Allerdings müsse man skeptisch sein, wie man den unberechenbaren, aufmerksamkeitsliebenden Guttenberg einfach so wieder "einbinden" könne.
Letzte Chance für ein Direktmandat: 2013
Die Option, in seinen Wahlkreis Kulmbach in Oberfranken zurückzukehren, hatte sich Guttenberg stets offengelassen. Will er noch einmal für den Bundestag kandidieren, müsste er sich bald entscheiden.
Ab Mitte des Jahres können die Direktkandidaten für die Bundestagswahl aufgestellt werden. Guttenbergs Bezirksverband hatte zwischen den Jahren eine "zeitnahe" Entscheidung gefordert - irgendwann in den kommenden Wochen wird sich Guttenberg dazu positionieren müssen.
Einige CSUler in Kreuth halten auch ein anderes Szenario für denkbar: Demnach würde Guttenberg erst einmal abwarten, wie sich die Stimmung für die eigene Partei im Bundesland entwickle. Zur heißen Phase im Landtagswahlkampf würde er sich dann öffentlichkeitswirksam zurück an Bord melden - um bei einem Wahlsieg direkt als Minister ins Kabinett einzuziehen.
Ende Januar will der Freiherr beim Aachener Karnevalsverein auftreten. Es könnte der Auftakt zur Mission Comeback in Deutschland sein.
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