Guttenberg-Euphorie CSU träumt von der K-Frage

"Irgendwann wird's mal wieder schnackeln": CSU-Chef Seehofer markiert den grundsätzlichen Anspruch seiner Partei auf eine Kanzlerkandidatur. Einen Kandidaten hat sie schon jetzt - Karl-Theodor zu Guttenberg.

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München - Sieben dürre Jahre war davon nicht mehr die Rede in der CSU. Kein Wort über eine Kanzlerkandidatur. Sieben Jahre liegt es zurück, dass sich Bayern-Primus Edmund Stoiber aufmachte, um die Macht in Berlin zu erobern - und knapp scheiterte.

Kanzlerkandidat der Zukunft? CSU-Wirtschaftsminister Guttenberg
ddp

Kanzlerkandidat der Zukunft? CSU-Wirtschaftsminister Guttenberg

Die Christsozialen waren in der Folge sehr mit sich selbst beschäftigt, wickelten den Vorsitzenden Stoiber ab, kürten das Tandem Beckstein/Huber, verspielten die absolute Herrschaft in Bayern. Das Ergebnis: Parteiumkrempler Horst Seehofer. Und ein 37-jähriger Bundeswirtschaftsminister, der innerhalb weniger Wochen zum beliebtesten deutschen Politiker aufgestiegen ist - und auf dieser Position ausgerechnet Angela Merkel abgelöst hat.

Plötzlich träumen sie in der CSU wieder von der Kanzlerschaft. Könnte es beim dritten Anlauf - nach Franz Josef Strauß 1980 und Edmund Stoiber 2002 - endlich klappen? Klar ist: Die CSU will wieder mitreden, wenn sich dereinst nach Merkel den Schwarzen die K-Frage stellt. Parteichef Seehofer: "Irgendwann wird's auch bei uns mal wieder schnackeln mit einem Kanzlerkandidaten oder einer Kandidatin."

Wobei Seehofer im Moment eher einen männlichen Bewerber vor Augen haben dürfte. Ob ihm mit Blick auf die jüngsten Popularitätswerte spontan ein CSU-Politiker einfalle, der diese Aufgabe dereinst übernehmen könnte? Seehofer grinst breit: "Ich kann das nur so beantworten, wie Sie denken." Also Guttenberg. "Ich bin so richtig entspannt und froh, dass wir ein breites bundespolitisches Personaltableau haben - mit Karl-Theodor ganz vorn in der Popularität."

Tatsächlich hat sich kaum eine Partei in Deutschland zuletzt mit derartiger Vehemenz verjüngt wie die CSU. Wo unter Stoiber noch die alten, konservativen Fahrensmänner das Bild prägten, hat das 43-Prozent-Debakel bei der Bayern-Wahl 2008 die Jungen in die Verantwortung geschwemmt.

Deshalb können sie in der CSU plötzlich über Langfristprojekte wie eine Kanzlerkandidatur nachdenken. Sie haben Zeit. Angela Merkel ist mit 51 Jahren Bundeskanzlerin geworden, Gerhard Schröder mit 54. Guttenberg hätte demnach noch mehr als ein Dutzend Jahre bis dahin.

"Wenn er lange genug Dienste getan hat als Minister, warum sollte er dann nicht mal für die CSU als Bundeskanzler antreten?" Mit dieser Frage eröffnete in der vergangenen Woche der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis den Guttenberg-Reigen im "Kölner Stadt-Anzeiger". Das sei "ohne Weiteres drin". Und: "Die CSU wäre ja auch mal dran." CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl stimmte zu: "Jeder Katholik kann auch Papst werden."

Aus dem SPIEGEL-TV-ARCHIV
Guttenberg vs. Steinmeier: Jungstar überholt "Spitzenbeamten"
(03.07. 2009)
All dies sind Szenarien der Zukunft. Die Gegenwart der Union ist Merkel. Und Seehofer bemüht sich in den vergangenen Wochen trotz Zwist in Steuerfragen und der Europapolitik um den öffentlichen Schulterschluss: "Wir führen jetzt einen Merkel-Wahlkampf aus tiefster Überzeugung."

Für Merkel ist klar: Anders als Vorvorgänger Stoiber hat Seehofer keine Ambitionen in Berlin. Das macht ihn zwar nicht gerade berechenbarer, aber ihre Position ist gesetzt.

Der fünf Jahre ältere Seehofer heizt immer wieder eine Art Kronprinzen-Kampf in der CSU an - Merkel verzichtet auf diese Art des inszenierten Nachfolgeringens. Als Konkurrent für Guttenberg könnte sich möglicherweise einmal Norbert Röttgen erweisen, 44, parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion und Wirtschaftsfachmann.

Mit einer Sache allerdings dürfte Seehofer nicht gerechnet haben - dass der Freiherr aus Oberfranken in der Popularität inzwischen auch ihn selbst überstrahlt. Nun hat der CSU-Chef nicht mehr alle Fäden im Kronprinzenspiel in der Hand. Zwischen ihm und Guttenberg zeichnen sich Rivalitäten ab.

Da ist zum einen die inhaltliche Ebene: etwa als Seehofer auf schnelle Rettung für den Versandkonzern Quelle drängte, Guttenberg aber ordnungspolitische Bedenken anmeldete. Da ist zum anderen aber auch das Emotionale, eben der Wunsch nach Popularität.

So bemerkt Seehofer nach all der Kanzlerkandidat-Guttenberg-Fragerei, dass man im Wahlkampf auch auf andere CSU-Spitzenpolitiker setze - wie Verbraucherministerin Ilse Aigner oder Landesgruppenchef Peter Ramsauer. Und fügt an: "Ich vermute, dass man auch den Parteivorsitzenden nicht in eine Kiste sperren muss während des Wahlkampfs."

insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
Nihil novi 17.07.2009
1.
Ministerpräsident Seehofer führt mit Ironie und Rasanz So kann man das natürlich auch nennen... Ironie und Rasanz ist mittlerweile auch vom SPON Leser gefordert.
Pinarello, 17.07.2009
2.
Zitat von Nihil noviMinisterpräsident Seehofer führt mit Ironie und Rasanz So kann man das natürlich auch nennen... Ironie und Rasanz ist mittlerweile auch vom SPON Leser gefordert.
Wie die jetzt beschlossene Lockerung des Nichtraucherschutzes in Bayern zum 1. August zeigt, führt Horst Seehofer sein Amt in München genauso wie seine Ämter in Bonn und Berlin, vor den TV-Kameras grinsend über die Interessen und Rechte der Bürger schwadronierend und wenn es um die Taten geht, genau das GEgenteil machend, also den Lobbyverbänden tief und fest in den Hintern kriechen. Das war in Berlin so bei der Kennzeichnung für Lebensmittel, das ist jetzt in München beim Lockerung des Nichtraucherschutzes, obwohl der Seehofer als ehem. Bundesgesundheitsminster ganz genau weiß, wie verheerend der Tabakkonsum auf die Gesundheit der Menschen und die Lage der Gesundheitskassen ist. Trotzdem sind im die Interessen seiner Bürger keinen Pfifferling mehr wert, die Lobby müssen nur lange und laut schreien. Ansonsten sollte sich der Seehofer seinen eigenen Satz zu Herzen nehmen, mit dem er vor einem Jahr sämtliche CSU-Größten ab 55 Jahren als zu Alt für seine Regierung bezeichnete, er selber aber ebenfalls die 60 bereits überschritten hat. Leider ist seit dem Rücktritt von Edmund Stoiber der rasante Abstieg der CSU nicht mehr aufzuhalten, hinter dem Seehofer lauern ja bereits solche Nullen wie Söder und die Haderthauer, beide haben ja bereits als Generalsekretäre der CSU ihre Inkompetenz glänzend unter Beweis gestellt.
lupenrein 17.07.2009
3.
Es ist Wahlkampf und die Bevölkerung merkt offenbar nicht, wie sie schon wieder belogen und über den Tisch gezogen wird. Das Spielchen, das CDU und CSU z.Z. treiben, stinkt schon zum Himmel. Wen sie dann gewählt sein werden, haben Merkel und Seehofer alles vergessen und sie machen genau so weiter wie bisher. Das BVerG wird auf schändliche Weise verhöhnt. Alle Versprechungen waren dann nur 'Überlegungen', die zwar angestellt wurden, aber leider nicht verwirklicht werden konnten. So werden die Statements unserer Volksverdumm erlauten. Das traurige an der Sache ist, dass die Medien das alles mitmachen und sich als Plattform für die Lügen der Öügenbarone regelrecht anbieten. Aber die medien sind ja leider nicht unabhängig, sondern fest in der Hand der Politik. Das gilt für Zeitungen und insbesondere für das offentlich-rechtliche Fernsehen. Schäne neue Fernsehstudios wie im ZDF, die Abermillionen kosten, sind ein gutes Mittel, um das Volk eizulullen. Kann es wirklich so weiter gehen ?
dasky 17.07.2009
4. Altlasten
Zitat von sysopAuf dem Nürnberger CSU-Parteitag trifft CDU-Chefin Merkel auf eine Schwesterpartei, die sich binnen Monaten gewandelt hat. Ministerpräsident Seehofer führt mit Ironie und Rasanz. Alles ist dem großen Ziel untergeordnet: wieder auf 50 Prozent kommen. Gerät die Unions-Allianz durch den CSU-Ehrgeiz unter Druck?
Das Bild (http://www.spiegel.de/img/0,1020,1446953,00.jpg) kommt mir bekannt vor. Diese Lasten (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=4016698&postcount=2072) empfindet Herr Seehofer möglicherweise als Belästigung.
Elessar 17.07.2009
5.
Zitat von sysopAuf dem Nürnberger CSU-Parteitag trifft CDU-Chefin Merkel auf eine Schwesterpartei, die sich binnen Monaten gewandelt hat. Ministerpräsident Seehofer führt mit Ironie und Rasanz. Alles ist dem großen Ziel untergeordnet: wieder auf 50 Prozent kommen. Gerät die Unions-Allianz durch den CSU-Ehrgeiz unter Druck?
Diese Allianz wird nie unter Druck geraten. Letzendlich ist es eine Allianz der Unfähigen und der Feigen. Nichts schweißt mehr zusammen als Prinzipienlosigkeit, Opportunismus und Dummheit! Ich hoffe nicht, daß diese Allianz untergeht. Ich hoffe, daß diese sogenannten "Volksparteien" da landen, wo sie schon längst gehören: Auf dem Müllhaufen der Geschichte.
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