Guttenberg in Afghanistan Minister für PR und Pathos

Hat der Verteidigungsminister überzogen? Mit seinem Ausflug nach Afghanistan erregte das Ehepaar Guttenberg viel Zorn. Kritiker werfen dem CSU-Star eine billige PR-Kampagne vor - doch der lässt die Angriffe abprallen. In Wahrheit könnten sie ihm sogar nutzen.

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Masar-i-Scharif/Berlin - Die ersten Pressestimmen bekam Karl-Theodor zu Guttenberg schon am späten Montagabend auf der Rückreise von Afghanistan nach Berlin ins Flugzeug übermittelt. Zum größten Teil waren sie ziemlich unangenehm für ihn.

Zitiert wurden nicht nur die scharfen Attacken der Opposition von "geschmackloser Inszenierung" bis zu "vorweihnachtlicher Kameradschaftsduselei". Auch die meisten Kommentatoren stimmten in den Chor der Empörung ein. Über den "Ego-Feldzug am Hindukusch" lästerte die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Rundschau" empörte sich über die "Werbespotisierung der Politik", "peinlich" urteilte das "Handelsblatt", und selbst die sonst wohlgesonnene "Frankfurter Allgemeine Zeitung" warnte: "Zu Guttenberg muss langsam darauf achten, nicht eines Tages für Gottschalk gehalten zu werden." Einzig der Springer-Verlag hielt ihm die Treue: Von einer "öffentlichen Liebeserklärung an unsere Soldaten", schwärmte "Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner.

Am Polit-Pathos des Star-Ministers Guttenberg haben sich in der Vergangenheit schon viele gestoßen. Doch noch nie war das Echo so verheerend wie auf den jüngsten Afghanistan-Trip des CSU-Politikers. Es hagelt Kritik, weil sich der Verteidigungsminister bei seinem Truppenbesuch in der Vorweihnachtszeit von seiner Ehefrau Stephanie an die Front begleiten und im Bundeswehrcamp gleich noch eine Talkshow mit Sat.1-Moderator Johannes B. Kerner aufzeichnen ließ.

Soldaten standen Schlange für ein Bild mit dem Minister

Hat Guttenberg damit überzogen? Hat er die Grenze der erträglichen Eigen-PR überschritten, womöglich gar die Soldaten instrumentalisiert und so den Krieg verharmlost?

Der Minister selbst tat überrascht, als er die harschen Reaktionen auf die Reise ins Kriegsgebiet hörte. Doch Gedanken, das Ganze könne diesmal nach hinten losgehen, waren bald verflogen. Guttenberg ist sich seiner Sache sicher. Bestärkt durch den Empfang der Soldaten, die ihren Dienstherrn - und diesmal auch dessen Ehefrau - wie schon bei früheren Besuchen feierten, sieht er seine Mission voll erfüllt: Er will die maximale Aufmerksamkeit auf den gefährlichen Einsatz in Afghanistan lenken und Anerkennung für die Soldaten vermitteln - auch mit ungewöhnlichen Mitteln.

Auch die öffentliche Wahrnehmung abseits der kritischen Presse scheint das Bild aus Masar-i-Scharif und Kunduz, wo die Soldaten für Fotos mit den Guttenbergs Schlange standen, zu bestätigen. Zufrieden nahmen der CSU-Mann und sein Umfeld an diesem Dienstag eine erste, allerdings nicht repräsentative n-tv-Telefonumfrage zur Kenntnis: Weit mehr als 70 Prozent der Zuschauer fanden die Kritik am partnerschaftlichen Truppenbesuch demnach nicht gerechtfertigt. Guttenberg kann wohl darauf hoffen, dass er die Beliebtheitsranglisten auch im Januar weiterhin unangefochten anführen wird.

Guttenberg will seine Frau wieder mitnehmen

Die Reaktion am Tag danach war denn auch ein typischer Guttenberg, frei nach dem Motto: Jetzt erst recht! Am Dienstagnachmittag kam der Minister mit einer trotzigen Ankündigung zur letzten Sitzung der Unionsfraktion in diesem Jahr. "Ich werde meine Frau selbstverständlich wieder zu den Soldaten mitnehmen, wenn wir das für richtig halten, so wie es gestern richtig war", sagte Guttenberg vor dem Sitzungssaal. Und er werde sich auch weiterhin von Journalisten begleiten lassen, wenn es dem Verständnis der Realität der Soldaten diene.

Der Unterstützung aus den eigenen Reihen kann sich der Minister bisher sicher sein. Angela Merkel steht hinter dem "Powerpaar", wie sie die Guttenbergs im kleinen Kreis selbst schon nannte. Für die Kanzlerin sei entscheidend, dass der Besuch bei den Soldaten gut angekommen sei, hieß es am Dienstag in Regierungskreisen. "Sie schätzt es sehr, dass der Verteidigungsminister einen so engen Kontakt zur Truppe in Afghanistan hält."

In der Unionsfraktion mag der eine oder andere abseits der Mikrofone über den Hang zur Vermischung von Amt und Image bei den adligen Superstars lästern - öffentlich aber gab es am Dienstag nur Unterstützung. Die CSU forderte von SPD-Chef Sigmar Gabriel gar eine Entschuldigung, weil dieser sich zu der Bemerkung hatte hinreißen lassen, in der Entourage des Ministers fehle eigentlich nur noch TV-Sternchen Daniela Katzenberger.

Guttenberg als Hassfigur

Der schrille Angriff illustriert gut, wie schwer die Sozialdemokraten sich mit dem Phänomen Guttenberg tun. So findet man bis in die Parteispitze hinein Genossen, die hinter vorgehaltener Hand vom aufstrebenden Verteidigungsminister schwärmen, wenn auch weniger von seinen politischen Fähigkeiten, als vielmehr von seinem darstellerischen Talent. Öffentlich stürzen sie sich jedoch bei jeder Gelegenheit auf den fränkischen Adligen, als handele es sich um die Hassfigur schlechthin.

Dahinter dürfte die ehrliche Empörung über manch unbescheidene Guttenbergsche Attitüde stecken. Auch die Sehnsucht, den Polit-Star zu entzaubern, ihn endlich mal zu packen, wird eine Rolle spielen. Und vielleicht sind die scharfen Attacken auch Ausdruck des Frusts über die eigene Situation. Die SPD selbst hat derzeit keinen ähnlich schillernden Politiker vorzuweisen, schon gar nicht in dieser Altersklasse. Mit jedem hübschen Foto des Verteidigungsministers wird den Genossen dieser Mangel aufs Neue vor Augen geführt.

Das Problem ist: Die Tonlage mancher Attacke sorgt dafür, dass berechtigte Kritik am Minister verpufft oder nach hinten losgeht. Gabriels Einwurf ist dafür ein Beispiel, jedenfalls hat er mit dem Katzenberger-Satz auch in seiner eigenen Partei Abwehrreflexe hervorgerufen. Der junge SPD-Abgeordnete Lars Klingbeil nannte die Aufregung um den Guttenberg-Trip unverständlich. "Wir alle sollten in unserem Land dankbar für jeden sein, der sich für unsere Soldatinnen und Soldaten einsetzt", sagte der Verteidigungspolitiker der "Bild"-Zeitung.

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Gabriel in Sachen Guttenberg einen taktischen Fehler begangen hat. Als der Verteidigungsminister sich im Dezember 2009 im Zuge des Tanklaster-Bombardements von Kunduz in Widersprüche verstrickte, forderte Gabriel viel zu früh seinen Rücktritt. Wollen die Sozialdemokraten die Stimmung gegen Guttenberg drehen, brauchen sie einen neuen Umgang mit dem Minister.

Einstweilen sieht es jedoch so aus, als könne der Verteidigungsminister auch die jüngste Show-Empörung schadlos überstehen - selbst wenn er die breite Kritik als Mahnung verstehen dürfte. Nervös sei der Bevölkerungsliebling aus dem sonst recht farblosen Merkel-Kabinett nicht, heißt es aus seinem Haus. Eher im Gegenteil.

Polarisierung hat dem CSU-Mann bisher noch nie geschadet.

Mitarbeit: Severin Weiland

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insgesamt 276 Beiträge
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Seite 1
lebenslang 14.12.2010
1. cool
Zitat von sysopHat der Verteidigungsminister überzogen? Mit seinem Ausflug nach Afghanistan*erregte das Ehepaar Guttenberg*viel Zorn. Kritiker werfen dem CSU-Star eine billige PR-Kampagne vor - doch der lässt die Angriffe abprallen. In Wahrheit könnten sie ihm sogar nutzen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,734517,00.html
wenn er cool bleibt nutzen sie ihm, ohne frage, der bürger honoriert ausflüge die etwas mit pathos aufgemotzt sind, der soldat sehnt sich nach solchen auftritten, die seiner mission den anschein von bedeutung geben. dem politischen gegner bleibt nur häme ohne substanz, das wiederum mag der bürger nicht und der soldat hasst es, da es den eindruck erweckt er sei es nicht wert, das man ihm etwas unterhaltung gönnt. guttenberg muss nur cool bleiben und er gewinnt.
agendaman 14.12.2010
2. Auf Marlenes Spuren!
Auch diese Reise wird zu Guttenberg nutzen, wie alles andere was er tut. Dies ist zwar kaum zu verstehen, aber viele sehen in ihm eine Art Messias. Seine Frau spielt die Truppenbetreuerin wie einst Marlene Dietrich bei unseren amerikanischen Freunden und der um Einschaltquoten kämpfende JBKerner verlegt sein Studio ins Kriegsgebiet. Dies wäre eine tolle win-win.Situation, wenn es angesichts der Lage nicht völlig unangemessen wäre. Am Besten hat mir noch der Kommentar von SPD-Chef Gabriel gefallen.
slider 14.12.2010
3. Hat der Verteidigungsminister überzogen?
Ganz kalr: Nein ! Guttenberg ist im Rahmen seiner geistigen und moralischen Möglichkeiten geblieben. Von einem Politiker mit Format hätte ich persönlich erwartet, dass er der Truppe mitgeteilt hätte, dass er nicht zum Ringelpitz mit anfassen gekommen ist, sondern der Truppe mitgeteilt hätte:" Weihnachten 2010 feiert ihr bei euren Familien, packt eure Sachen. Frohe Weihnachten !"
RaMaDa 14.12.2010
4. Schleimer
Ein wirklich guter Politiker hat dieses "Rumgeschleime" einfach nicht nötig...
elpaso, 14.12.2010
5. Wer möchte auch schon
die Nahles oder den dicken SPD-Versager in AFGH sehen. Dazu müßten die sich erstmal aus der sozialromantischen und vor allem sicheren Kuschelecke herauswagen. Da polemisiert man doch lieber billig von der heimischen Kücheneckbank, bevor man sich im Tiefflug nach Masar traut.
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