Guttenberg in Not: Union fürchtet den Abgang des Superstars
Geh' nicht! In der Union wächst die Sorge, Karl-Theodor zu Guttenberg könnte wegen der Plagiatsaffäre hinwerfen. Kanzlerin Merkel und CSU-Chef Seehofer stärken dem Verteidigungsminister den Rücken. Doch auch sie wissen: Ihr Superstar ist unberechenbar - und vielleicht bald nicht mehr zu halten.
Berlin - Horst Seehofer, einer der letzten großen Ironiker der deutschen Politik, verkneift sich an diesem Montag jede noch so kleine Doppeldeutigkeit. "Ich habe ihm gesagt: 'Du hast meine volle Unterstützung'. Das gilt und bleibt auch so", beteuert Seehofer. Das sei keine Pro-Forma-Erklärung: "Wir stehen. Und wir bleiben. Gehen Sie davon aus." Und noch einmal, damit es jeder kapiert: "Der Karl-Theodor hat die Unterstützung seiner politischen Familie." Dann zieht er das entscheidende Wort in die Länge. "Und zwar un-ein-ge-schränkt."
Nein, nicht einmal dem bayerischen Ministerpräsidenten ist zum Scherzen zumute in diesen Tagen. Die Lage ist ernst. Die CSU fürchtet um ihren Superstar, um Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Angst geht um: Der Verteidigungsminister könnte zurücktreten, wegen der schwerwiegenden Vorwürfe, er habe es in seiner Doktorarbeit mit den Quellen nicht so genau genommen.
Seit Tagen bestürmen christsoziale Parteifreunde Guttenberg, nur ja weiterzumachen. Unzählige SMS, Mails und Anrufe hat der Minister bekommen, deren Inhalt, auf einen Nenner gebracht: Bitte bleib! Egal ob KT-Freund oder -Neider: Alle in der CSU wissen, dass die Zukunft ihrer Mandate und Ämter vor allem auch von diesem fränkischen Freiherrn abhängen. In Umfragen haben sie sich nach ihrem Absturz in den vergangenen Jahren wieder stabilisiert - wegen des Guttenberg-Faktors, wie ihnen die Demoskopen versichern.
Die Unsicherheit bleibt
Spricht man mit den Unterstützern, dann geben sie sich entspannt, Guttenberg habe einen Rücktritt ausgeschlossen. Nur ganz sicher sind sie sich dann doch nicht. Denn der Mann ist bekannt für seine schnellen Entscheidungen. War es nicht auch so in der Kunduz-Affäre, als er von heute auf morgen Staatssekretär und Generalinspekteur entlassen hat? Oder bei der Suspendierung des "Gorch-Fock"-Kommandanten? In der Plagiatsaffäre aber gibt es niemanden, dem Guttenberg die Verantwortung zuschieben kann. Er müsste selbst die Konsequenzen ziehen.
Ist ein Rücktritt auszuschließen? "Ja, da habe ich keinen Zweifel", sagt Seehofer. Um dann noch hinterher zu schieben: "Wenn Sie etwas anderes wissen, dann sagen Sie es." Die Sorge bleibt.
Guttenberg habe die letzten Tage "einen stabilen Eindruck gemacht", meint Seehofer. Doch längst ist klar, dass dem Freiherrn die immer neuen Enthüllungen über kopierte Textpassagen in seiner Dissertation nahe gehen. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" - das bürgerliche Referenzblatt für Guttenberg - rechnete nun zudem mit seinem gesamten Lebenslauf ab: Den habe der Politiker "aufgeblasen". Es folgten drei Seiten mit Überschriften wie "Die Studierstube ist seine Bühne nicht" und einer Illustration mit Guttenberg und seiner Frau als Ken- und Barbie-Puppe.
Überhaupt war das Medienecho am Wochenende und an diesem Montag weitgehend verheerend. Die Lage hat sich kein bisschen beruhigt, seit Guttenberg am vergangenen Freitag in seiner Erklärung die Chance zur demütigen Geste verpasste.
Guttenberg-Abgang schlimmer als Hamburg-Desaster
Das haben sie auch in der Schwesterpartei CDU aufmerksam registriert. Höchst gefährlich finden selbst führende Christdemokraten die ganze Angelegenheit. Sie ahnen, dass die Affäre noch lange nicht ausgestanden ist, viele finden die Beweislast gegen Guttenberg erdrückend und wundern sich über das schlechte Krisenmanagement des sonst so redegewandten CSU-Kollegen.
Doch die Schadenfreude, die manch CDUler gelegentlich äußerte, wenn in der Vergangenheit am Lack des Guttenberg'schen Saubermann-Images gekratzt wurde, hält sich in Grenzen. Niemand hat ein Interesse daran, dass der beliebteste Minister des Kabinetts hinwirft. Bisher, so sagen zumindest die Meinungsforscher, halten die Deutschen ihrem Liebling die Treue. Die Mehrheit will, dass er im Amt bleibt. Ein Rücktritt, so kurz vor den wichtigen und wahrscheinlich engen Abstimmungen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, hätte wohl weitaus gravierendere Folgen als jede noch so übel verlorene Hamburg-Wahl. Er könnte viele Stimmen kosten.
Am Montag soll sich der wahlkämpfende Südwest-Ministerpräsident Stefan Mappus in der Sitzung des CDU-Präsidiums besorgt erkundigt haben, wie man in der Plagiatsaffäre weiter vorgehen wolle. Angela Merkel, so berichten es Teilnehmer, erklärte, was sie später auch öffentlich noch einmal kundtat: Guttenberg habe ihre "volle Unterstützung".
Merkels Sorge um den Superstar
Auch Merkel treibt die Sorge um, der populäre Verteidigungsminister könnte ihr ausgerechnet jetzt als zugkräftiger Wahlkämpfer verloren gehen. Sie weiß, dass er wichtig ist für die Stabilität der CSU und damit auch für die Koalitionsarithmetik. Sie weiß aber auch, dass etwas dran sein muss an den Copy-und-Paste-Vorwürfen. Einem Urteil über die im Raum stehenden Vorwürfe aber enthält sie sich, so weit es geht. Am Montag, auf der Nach-Wahl-Pressekonferenz in der Berliner CDU-Zentrale, verweist sie nur auf die "Fehler", die Guttenberg selbst eingeräumt habe.
Ansonsten aber versucht sie, den Dr. jur. Guttenberg vom Minister Guttenberg säuberlich zu trennen. Sie habe nämlich "keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen". Für sie gehe es um Guttenbergs Arbeit als Bundesverteidigungsminister. "Die erfüllt er hervorragend", sagt Merkel, "und das ist das, was für mich zählt." Allerdings: Die Frage, ob das auch bedeuten würde, dass Guttenberg Minister bleibe, lässt die CDU-Chefin unbeantwortet.
Durchhalten, heißt die Parole einstweilen. Aber auch Merkel ist bewusst: Sollte die Universität Bayreuth Guttenbergs Dissertation in weiten Teilen tatsächlich als Plagiat brandmarken und ihm die Doktorwürde wieder entziehen, wäre Guttenberg kaum noch zu halten - zumal das auch bedeuten würde, dass der Minister die Unwahrheit gesagt hat.
"Dann", so heißt es in CDU-Kreisen, "lässt sich die Person Guttenberg nicht mehr vom Politiker Guttenberg trennen."
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