Guttenberg-Rücktritt: Copy, paste, delete

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Es war eine Karriere im Zeitraffer: In wenigen Jahren stieg Karl-Theodor zu Guttenberg vom einfachen Bundestagsabgeordneten zum Politstar der Republik auf. Jetzt ist er über die Plagiatsaffäre gestürzt. Sein Rücktritt versetzt die Koalition in einen Schockzustand.

DPA

Berlin - Es ist ein Abgang wie im Film. "Meine Damen und Herren, der Minister", ruft ein Militär. Seine Stimme hallt durch den Raum. Dann schreitet Karl-Theodor zu Guttenberg die große Treppe herab, die in den Säulensaal führt. Er geht allein, keiner begleitet ihn.

"Grüß Gott", sagt Guttenberg, und es klingt, hier im Bendlerblock aus Kaisers Zeiten in Berlin, ein bisschen trotzig.

Dann senkt er den Blick, liest seinen Rückzug vom Amt des Verteidigungsministers mit versteinerter Miene vom Blatt ab ( Wortlaut hier). "Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens", sagt er. Seine Hände liegen links und rechts neben dem Manuskript, der Rücken ist durchgestreckt. Guttenbergs Rücktritt am Mittag dieses ersten Märztages - es ist die Inszenierung eines gefallenen Superstars als Opfer, der ganz unterschiedliche Reaktionen auslöst ( Liveticker hier).

Das Amt, die Bundeswehr, die Wissenschaft und die Unionsparteien drohten Schaden zu nehmen, sagt Guttenberg und kritisiert die "enorme Wucht der medialen Betrachtung" seiner Person. Die "Mechanismen im medialen Geschäft" könnten zerstörerisch sein. Der Tod und die Verwundung von Soldaten rückten dabei in den Hintergrund. Dies sei eine "dramatische Verschiebung". Für das fordernde Amt des Verteidigungsministers brauche man ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit. "Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten", sagt er.

"Ich war immer bereit zu kämpfen"

Warum er erst heute zurückgetreten sei? Niemand gebe leichtfertig ein Amt auf, "an dem das ganze Herzblut hängt". Oben, ein Stock höher an der Balustrade, lehnen die Mitarbeiter und Bediensteten, die meisten in Uniform. Manche halten erschrocken die Hand vor den Mund. "Ich war immer bereit zu kämpfen", sagt Guttenberg am Schluss, "aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht." Er schaut auf, die Augen glänzen feucht, er nickt. Dann dreht sich Guttenberg auf dem Absatz herum, die Treppe wieder hinauf. Wieder allein. Ein Feldjäger versperrt hinter ihm den Weg.

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Karl-Theodor zu Guttenberg: Vom Shootingstar zum Copy-and-Paste-Sünder
Es ist ein tiefer Fall für Karl-Theodor zu Guttenberg. Vor wenigen Wochen noch war er der Quasi-CSU-Vorsitzende und der Fast-Kanzler. Jetzt scheint alles verloren.

Rund zwei Wochen stand er im Feuer. Von Tag zu Tag wurde deutlicher, in welch krassem Ausmaß Guttenberg bei der Abfassung seiner Doktorarbeit vor fünf Jahren betrogen hat. Fremde Textbausteine ziehen sich durch die gesamte Arbeit. Ohne Fußnoten. Ohne korrekte Quellenangaben.

Nur formale Fehler, kleine Täuschereien? Oder eben doch ein Grund zum Rücktritt?

Guttenberg hat die Antwort gegeben. Er hat stets hohe Maßstäbe an sich und andere angelegt. Verfehlungen in seinem Umfeld hat er nicht geduldet. Nun konnte er kaum anders handeln mit Blick auf sein eigenes Tun. Der erst 39-jährige Guttenberg mit seinen überirdischen Popularitätswerten baute seine Politik auf jener Glaubwürdigkeit auf, die ihm vom Bürger zugerechnet wurde. Kein anderer Politiker in Deutschland verfügte über dieses Kapital in einem solchen Maße.

Guttenberg wusste es zu nutzen. Er initiierte eine Bundeswehrreform, die die Aussetzung, eigentlich aber die Abschaffung der Wehrpflicht, zur Folge hat. Noch vor wenigen Monaten wäre ein solches Unterfangen völlig undenkbar gewesen.

Plötzlich war er Pop

Am Ende traute man Guttenberg alles zu. Die Frage war nur noch, ob er zuerst Kanzler oder Parteichef werden würde. Horst Seehofer? Das sei ja der bayerische Ministerpräsident, scherzte damals Harald Schmidt: "Jedenfalls so lange, bis Guttenberg sagt: 'Danke, es reicht'."

So war die Stimmung.

Obwohl Guttenberg noch kaum etwas wirklich verändert und bewegt hatte in der Politik, obwohl er kein Projekt wirklich gestemmt, keine Reform bis zum Ende gemeistert hatte, schien er schon unantastbar.

Warum? Weil er über einen Mythos verfügte: sein Nein in der Opel-Nacht, damals als frisch gekürter Wirtschaftsminister der Großen Koalition im Mai 2009. Die anderen wollten den Autobauer retten, er favorisierte die geordnete Insolvenz - und bot Merkel seinen Rücktritt an. So was hatte man ja lange nicht mehr gesehen in der deutschen Politik.

Und plötzlich war Guttenberg Pop. Wenn die Menschen ihn sahen, sagten sie jetzt "der KT". Seine verschwurbelten Sätze mit dem "gerüttelt Maß an Bockbeinigkeit" wurden Kult. Nun schien alles denkbar. Kanzlerformat. Der Mann kam an, weil er so anders war als die anderen. Er drückte sich nicht um klare Ansagen herum. Den Krieg in Afghanistan etwa nannte er: einen Krieg. Guttenberg inszenierte sich als Anti-Politiker. Auch dies ist eine Form von Populismus. Und Guttenberg ist ein begnadeter Populist.

Rücktritt versetzt Koalition in Schockzustand

Es war eine Karriere wie im Zeitraffer. Guttenberg ist schnell aufgestiegen und schnell gefallen. Er hat das Volk für sich eingenommen, ist der beliebteste Politiker Deutschlands geworden.

Sein Rücktritt, so viel scheint klar, wird bei vielen Leuten eine gewisse Wut erzeugen. Wut auf jene, die den vermeintlichen Superstar abgeschossen haben: die Neider aus den eigenen Reihen, die Opposition, die Medien. Kurz: Jene politische Klasse, die ihn - so die Vermutung der Verärgerten - nicht hat erdulden wollen. Guttenberg könnte der potenzierte Horst Köhler werden. Denn auch beim Ex-Bundespräsidenten können noch immer viele Menschen fern des politischen Berlin dessen Rücktritt nicht nachvollziehen.

Guttenbergs Rücktritt ist ein herber Schlag, für die Union und für die Kanzlerin. Angela Merkel hatte sich mit Guttenberg solidarisiert, sie hatte eine problematische Unterscheidung gemacht zwischen dem Wissenschaftler Guttenberg und dem Minister und damit die Akademiker dieses Landes erst gegen sich aufgebracht. Merkel hatte gehofft, dass der Franke die Debatte übersteht, weil seine Popularität das ganze Kabinett zu tragen schien. Sie hatte darauf spekuliert, dass seine Unterstützer ihm den massiven Fehltritt verzeihen.

Mit Guttenbergs Rückzug wankt die Statik der Regierungsmannschaft. Und das ausgerechnet im Superwahljahr 2011. Es ist niemand da, der ähnlich populär ist wie der Christsoziale. Ohne den schillernden Freiherrn wirkt das ohnehin dröge Kabinett noch ein bisschen mittelmäßiger. Trotzdem muss Merkel die Lücke irgendwie füllen und sich nebenbei gegen den Vorwurf wehren, mit ihrer heiklen Verteidigungsstrategie die Entzauberung eines Idols mit begünstigt zu haben. Ob die eigene Anhängerschaft eher erleichtert oder eher enttäuscht ist über den Schritt des Ministers - das wird vielleicht schon die Wahl in Baden-Württemberg zeigen.

Chance auf spätere Rückkehr

Der Rückzug des Polit-Zauberers ist aber nicht zuletzt auch für die CSU ein Riesenproblem. Die bayerischen Christsozialen hatten ihre Zukunft schon längst mit Guttenberg geplant, Seehofer galt ihnen als der Vorsitzende des Übergangs. Der Adelige war ihr Wechsel auf die Zukunft, das Versprechen, das irgendwann vielleicht mal wieder 50-Prozent-plus-X drin sein könnten.

Pustekuchen. Guttenberg ist weg. Seehofer muss länger bleiben. Man sollte Letzterem nicht unterstellen, dass er sich darüber freut. Er war zwar entschlossen, sich in den kommenden Jahren noch gegen Guttenberg zu behaupten, aber für ihn verkörperte der 39-Jährige die Zukunft der Partei. Nur Guttenberg traute Seehofer zu, den schweren Parteitanker zu steuern. Dass sich die CSU in den letzten Monaten wieder über 45 Prozent in den Umfragen etablieren konnte, das rechnen Meinungsforscher dem Guttenberg-Faktor zu. Der entfällt jetzt. Die Partei wird leiden.

Und was wird jetzt aus Guttenberg? Mit noch nicht einmal 40 Jahren privatisieren? Das ist nicht vorstellbar. Der Mann ist schließlich ein politisches Wesen durch und durch. Klar ist: Sein Rücktritt kommt spät, aber wohl immer noch rechtzeitig genug, um sich die Chance auf eine spätere Rückkehr zu erhalten. Vielen dürfte er weiterhin als prinzipientreu gelten, ohne Rücksicht aufs eigene Fortkommen. Das Abkupfern und Schummeln bei der Dissertation könnte darüber in Vergessenheit geraten. Es gibt ja auch in seiner Partei Vorbilder. Zum Beispiel Franz Josef Strauß. Der musste wegen der SPIEGEL-Affäre als Verteidigungsminister zurücktreten.

Ein paar Jahre später war er wieder da. Als Finanzminister einer Großen Koalition.

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Forum - Guttenberg - Rücktritt zur rechten Zeit?
insgesamt 4619 Beiträge
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1.
yubi 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
nein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
2. Er hat großen Schaden angerichtet!
Habenichts 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Eindeutig nein! Dieser Schritt war längst fällig! Das Verhalten des Herrn zu Guttenberg schadet dem bürgerlichen Wertesystem unserer Gesellschaft! Auch die Kanzlerin ist beschädigt! Ihm gelang es viele menschen zu blenden!
3. spät
Kurt G 01.03.2011
Zitat von yubi.... auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Bei einem früheren Rücktritt wäre dies einfacher gewesen.
4.
panda 01.03.2011
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg will von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Ob er jemals noch eine Chance in der Politik erhält, kommt wohl auf seine Begründung an. Wenn er wieder Ausflüchte sucht, seine Angelegenheit verniedlicht und die Schuld bei anderen sucht, dann wird Guttenberg politisch wohl erledigt sein. Wichtig ist, dass Guttenberg selbst zurücktritt - eine Entlassung durch Fr. Merkel hätte ihn in bestimmten Kreisen auch noch zum Märtyrer gemacht. Ein Positives hat das Ganze, Guttenberg sei Dank. Es wird endlich wieder über Werte in unserer Gesellschaft diskutiert. Der ganze Vorfall könnte der Beginn eines fortlaufenden urdemokratischen Selbstreinigungsprozesses sein. Die Bürger haben Mittel und Wege gefunden Blender und Betrüger aufzudecken. Zu beackernde Felder gäbe es, nicht nur in der Politik, mehr als genug - man denke nur an die Bankenbonilandschaft oder an die maßlosen Selbstbedienungen von Vorständen in Aktiengesellschaften. Mit dem gerne verwendeten Begriff Leistung hat die horrende Bezahlung oft gar nichts mehr zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Bürger auch hier endlich geeignete Mittel und Wege finden. Mein Fazit: Der Fall Guttenberg hat mitten ins Schwarze getroffen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
5. Endlich!!!
ogg00 01.03.2011
Zitat von yubiDas wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Das finde ich aber legitim. Dann kann der Wähler ja entscheiden, ob er lieber auf Gel als auf Ehrlichkeit setzen möchte. Ansonsten kann ich das Glück ja kaum fassen, aber warten wir ab.
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