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Linken-Fraktionschef im Reisefieber: Gysi-Jet

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Fraktionschef mit Fernweh: Gysis Reisen Fotos
DPA

Eine Amtseinführung in El Salvador, eine Vermittlungsmission in Moskau und jetzt eine Woche Diplomatie in Nahost: Gregor Gysi ist so viel auf Reisen wie ein Außenminister. Dabei müsste er daheim einen neuen Streit in seiner Partei zähmen.

Berlin - Gregor Gysi besucht die Mauer. Ein "umfassendes Bild der Lage" an der israelischen Sperranlage will er sich machen. In den Gaza-Streifen plant der Linken-Politiker auch zu reisen. Er will mit Fraktionschefs in der Knesset reden - an einem Termin mit einem Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde werkeln Gysis Leute und die deutsche Vertretung vor Ort noch.

Es ist eine interessante Zeit in Nahost: ein neuer Präsident in Israel, ein neuer Versuch einer Einheitsregierung in Palästina, mittendrin nun Gregor Gysi: "Hochrangige Gespräche" werde er führen. Genug Zeit wäre dafür. Acht Tage bleibt der Fraktionschef der Linken und Oppositionsführer in Berlin im Nahen Osten.

Gysi ist diesen Wochen so viel unterwegs wie ein kleiner Außenminister. Zuletzt war er in El Salvador, Moskau und Peking, jetzt der lange Aufenthalt in Israel und Palästina. Dass auch Oppositionspolitiker ins Ausland reisen, ist normal und öffnet im besten Fall den Horizont. Gysis Pensum aber ist außergewöhnlich. Es hat wohl auch damit zu tun, was den Linken zu Hause erwartet.

Dort inszenieren Partei und Fraktion gerade eine Neuaufführung des Klassikers Flügelstreit. Es gibt unter anderem Zoff über ein Papier zu "personellen No-Gos" aus dem Büro der Parteivorsitzenden - einer Art Blacklist. Eine Abgeordnete fühlt sich gemobbt, der Realoflügel ist wegen Personalentscheidungen ohnehin deprimiert. Auch an der Heimatfront wäre also Krisendiplomatie erforderlich. Gysi aber ist weg. "So musste er nicht jeden Konflikt mitmachen", heißt es aus seinem Umfeld.

Gysis Traum vom Außenministerium

Vier große Reisen hat Gysi in den vergangenen sieben Wochen unternommen. In Moskau empfingen ihn ein Vize-Außenminister und der Duma-Präsident wie einen deutschen Diplomaten, Gysi saß vor Wimpeln mit deutschen und russischen Flaggen. Als vergangene Woche El Salvadors neuer Präsident Salvador Sánchez Cerén, ein früherer Guerillakämpfer, sein Amt antrat, war Gysi auch dabei. Im April dozierte er in Peking zum Thema "Die Partei Die Linke und linke Politik in Deutschland".

Gysis Interesse an der Weltpolitik zeigte sich zuletzt immer wieder, in Interviews spricht er gern von seinem Traum, einmal Außenminister zu sein. Der Boulevardzeitung "BZ" sagte er kürzlich: "Ich bin nicht der Typ, der unbedingt Bundesminister werden will, aber wenn, dann würde mich die Außenpolitik reizen. Nur müsste ich dazu besser Englisch sprechen."

Dass sich die Termine so gehäuft hätten, sei reiner Zufall, heißt es bei Gysis Leuten. Er habe nun mal ein "Faible für die beiden Regionen" Lateinamerika und Nahost, und in Moskau habe die Pflicht zur Deeskalation gerufen. Gysis Sprecher betont, der Fraktionschef sei außerdem "bei allen Abstimmungen im Bundestag dagewesen".

Wagenknecht redet, Gysi sitzt im Flieger

Doch als die Kanzlerin vergangenen Mittwoch ihre Regierungserklärung vor dem G7-Gipfel hielt, als es im Bundestag um die Großthemen dieser Wochen EU und Ukraine ging, da saß Gysi noch im Flieger auf dem Heimweg aus El Salvador. Stattdessen antwortete dann Sahra Wagenknecht auf die Kanzlerin. Die Linke hat als knapp stärkste Oppositionsfraktion das Recht auf die erste Gegenrede.

Fraktionsvize Wagenknecht, die Gysis Posten im Auge hat und bei dem Thema Ukraine stets eine andere Tonart als dieser anschlägt, sagte dann, Deutschland müsse sich "aus dem Schlepptau der US-Kriegspolitik" in Osteuropa lösen. Prompt wurde es hitzig. Grünen-Frau Göring-Eckardt warf den Linken "billigsten Populismus" vor, Linken-Linksaußen Sevim Dagdelen verglich die Grünen-Fraktionschefin daraufhin mit "Verbrechern". Es krachte mal wieder zwischen Grünen und Linken in der Ukraine-Krise. Gysi hatte zuletzt immer wieder die schrilleren Äußerungen von Linksaußen einfangen müssen, nun war er nicht da.

Der Fraktionschef verfasste nach seiner Rückkehr dann gemeinsam mit den Parteichefs eine Rüge Dagdelens. Ansonsten hält sich der Fraktionschef in dem Streit, der sich um Personalien in seiner Fraktion dreht, zurück. Das könnte damit zu tun haben, dass auch über eine Ablösung Gysis ein Papier aus der Parteizentrale geben soll - in ähnlichem Ton wie das "No Go"-Papier. Der Parteitag votierte kürzlich ohnehin dafür, dass künftig eine Doppelspitze statt die One-Man-Show aus Ostberlin die Fraktion leiten soll.

Die Berliner Abgeordnete Halina Wawzyniak, die als "No Go" bezeichnet wurde, warf nach dem SPIEGEL-Bericht über das Papier ihren Posten als stellvertretende Parlamentarische Geschäftsführerin hin. Kipping bestreitet, das Papier zu kennen, doch Wawzyniak ist maximal verstimmt, will im Moment nicht einmal mit ihren Parteichefs reden. Mit Gysi würde sie das schon - wenn er denn da wäre. "Im Moment ist es schwer, weil er wieder im Ausland ist", sagt Wawzyniak. Aber sie gehe davon aus, "dass wir reden, wenn er wieder im Lande ist".

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1. Das stimmt nicht
ostborn 11.06.2014
Zitat von sysopDPAEine Amtseinführung in El Salvador, eine Vermittlungsmission in Moskau, und jetzt eine Woche Diplomatie in Nahost: Gregor Gysi ist so viel auf Reisen wie ein Außenminister. Dabei müsste er daheim einen neuen Streit in seiner Partei zähmen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gysi-linken-fraktionschef-im-reisefieber-a-974397.html
Das von Dagdelen vorgetragene Zitat Brechts bot die Alternative, ein Dummkopf zu sein oder ein Wahrheitsverdreher (Verbrecher). Frau Göring-Eckart entschied sich für letzteres.
2. repsekt für gysi
Andrej 11.06.2014
er ist deutschland's letzter Politiker der sich nicht manipulieren lässt. machen sie weiter so...
3.
Bundeskanzler20XX 11.06.2014
Zitat von sysopDPAEine Amtseinführung in El Salvador, eine Vermittlungsmission in Moskau, und jetzt eine Woche Diplomatie in Nahost: Gregor Gysi ist so viel auf Reisen wie ein Außenminister. Dabei müsste er daheim einen neuen Streit in seiner Partei zähmen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gysi-linken-fraktionschef-im-reisefieber-a-974397.html
Gysi-can Mit solchen Leuten an der Spitze und derartigen Wahlprogrammen muss sich der gute Gregor keine Gedanken über einen Posten als Minister machen. Fragt sich nur ob er die ganzen Besuche im offiziellen Auftrag der Bundesregierung ableistet oder ob er die Reisen selbst bezahlt hat. Ich hoffe ja nicht, dass er hier ohne Auftrag auf Staatskosten um die Welt jettet.
4. optional
RalfHenrichs 11.06.2014
SPON muss sich halt noch daran gewöhnen, dass Gysi Oppositionsführer und damit natürlich ein sehr gefragter Gesprächspartner im Ausland ist. Ansonsten beschreibt SPON Stürmchen im Wasserglas. Kipping und Riexinger sind vor kurzem noch wiedergewählt worden und Doppelspitzen eigentlich auf allen Ebenen bei den Linken normal. Das sind alles keine ernsthaften Konflikte.
5. er ist doch ein kleveres kerlchen
micromiller 11.06.2014
er war Jahrzehnte eingesperrt im sozialistischen reich und nun nutzt die freiheit und reisen bildet. wenn er irgendwann die spd eintritt um endlich voran zu kommen, dann wird er bestimmt aussenminister, mit einem tollen erfahrungshorizont und der faehigkeit links fuer rechts oder gruen fuer blau zu erklaeren ist er ein geborener winner.
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