Parteinahme für Lafontaine: Linke gehen auf Gysi los

Wer wird Parteichef der Linken? Geht es nach Gregor Gysi, soll es Oskar Lafontaine noch einmal machen. Dieser sei ein "herausragender" Politiker, sagt der Fraktionschef. Der Vorstoß heizt den Personalstreit bei den Genossen an - die Unterstützer von Dietmar Bartsch reagieren entsetzt.

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Linken-Fraktionschef Gysi: "Lafontaine ist ein herausragender Politiker"

Berlin - Oskar Lafontaine? Oder Dietmar Bartsch? Seit Tagen streitet die Linke darüber, wer von beiden die Partei als Vorsitzender künftig führen soll. Nachdem eine Sitzung der Linken-Spitze am Dienstag ergebnislos geblieben war, flammt der Konflikt nun wieder auf. Auslöser ist eine Mitteilung von Fraktionschef Gregor Gysi.

Gysi schlägt sich darin erstmals klar auf die Seite Lafontaines. "Oskar Lafontaine ist zweifellos ein herausragender deutscher und europäischer Politiker", so der Fraktionschef. "Auch Dietmar Bartsch ist ein herausragender Politiker, hat aber nicht das gleiche Gewicht, was schon aufgrund seines geführten Lebens nicht möglich war. Er ist aber ein besserer Parteiorganisator." Gysi forderte die Kontrahenten auf, aufeinander zuzugehen. Sein Vorschlag: Lafontaine soll Parteichef werden, Bartsch Bundesgeschäftsführer. Die Linke sei "in einer sehr schwierigen Situation", räumte er ein.

Der Vorstoß Gysis sorgt in der Partei für heftige Reaktionen. Besonders ostdeutsche Landesverbände und Teile des pragmatischen Flügels, die mehrheitlich Bartschs bereits im vergangenen Jahr erklärte Kandidatur unterstützen, sind alarmiert. Sie lesen die Erklärung als indirekte Aufforderung an Bartsch, seine Kandidatur für den Linken-Vorsitz zum Wohle der Partei zurückzuziehen.

"Das ist eine absurde Nummer von Gysi", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Landeschef Steffen Bockhahn SPIEGEL ONLINE. "Nur weil Lafontaine nicht bereit ist, sich einer Gegenkandidatur zu stellen sondern sich lieber absegnen lassen möchte, muss man die Sache nicht auf diese Weise lösen. Ich wüsste nicht, warum man Gysis Vorschlag akzeptieren sollte." Ähnlich äußerte sich Jan Korte, seit 2009 Mitglied im Fraktionsvorstand. "Aufeinander zuzugehen ist ein schöner Vorschlag", sagte Korte. "Aber ich bleibe dabei: Ich unterstütze die Kandidatur von Dietmar Bartsch." In Zeiten von Piraten und offener Demokratie sei eine Kampfkandidatur nichts Schlimmes: "Wo ist das Problem?"

Der Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, reagierte entnervt auf die Führungsdiskussion. "Wir führen im Moment ein Schmierentheater auf, und das finde ich sehr bedauerlich", sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Künftiger Vorsitzender dürfte über Richtung der Partei entscheiden

Erst am Dienstag hatte der 68-jährige Lafontaine seine Bereitschaft zu einer erneuten Kandidatur für den Linken-Vorsitz erklärt, gleichzeitigt aber betont, nicht in eine Kampfkandidatur gehen zu wollen. Bartsch will bislang jedoch an seiner Kandidatur festhalten. Der 54-jährige Reformer ist derzeit stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Zwischen 2005 und 2010 bekleidete er schon einmal das Amt des Bundesgeschäftsführers der Linken. Wer von beiden die Partei künftig führt, dürfte auch für die Ausrichtung der Partei entscheidend sein. Während Lafontaine für einen strikten Oppositionskurs steht, setzt sich Bartsch seit längerem für eine strategische Öffnung gegenüber der SPD ein.

Der Vorstoß Gysis ist auch deshalb bemerkenswert, weil sein Verhältnis zu Bartsch seit einiger Zeit als belastet gilt. Im Januar 2010 hatte Gysi dem damaligen Bundesgeschäftsführer Bartsch auf einer öffentlichen Veranstaltung Illoyalität vorgeworfen und ihn für ein "Klima der Denunziation" in der Partei verantwortlich gemacht. Dass Gysi Bartsch nun abermals in die Parade fährt, sorgt bei dessen Unterstützern für Kopfschütteln.

Nicht alle im Bartsch-Lager werten Gysis Vorstoß indes als Grätsche. So kursiert auch die Deutung, der Fraktionschef wolle mit seinem Vorschlag, beide Kontrahenten in die künftige Führungsspitze einzubinden, Lafontaine in eine schwierige Lage bringen. Gysi wisse genau, dass Lafontaine einen Bundesgeschäftsführer Bartsch nicht akzeptieren werde. Wenn der Saarländer dies aber öffentlich erkläre, würde dies seinen Rivalen im Kampf um den Parteivorsitz stärken.

Gysi warnte seine Partei in der Mitteilung zudem vor einer Spaltung. "Der Sieg der einen über die anderen oder umgekehrt ist kein Weg zur Vereinigung, sondern läuft letztlich auf eine Trennung hinaus", heißt es. Es gebe zwei Möglichkeiten, mit den innerparteilichen Differenzen umzugehen: "Entweder man trennt sich oder man findet zusammen." Gysi forderte die Frauen in der Linken auf, ebenfalls für den Vorsitz zu kandidieren. "Nach unserem Statut können zwei Frauen Parteivorsitzende werden, auf jeden Fall aber nur ein Mann und gleichberechtigt dazu eine Frau. Es wird Zeit, dass sie sich selbst melden und Ansprüche artikulieren."

vme

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Nur weiter so ...
Anton 100 16.05.2012
Nur weiter so, verehrte "Linke"! Die einzigen, die einem leid tun können, sind die vielfach durchaus pragmatischen und konstruktiven Ex-PDS-ler im Osten. Aber warum haben sie auch auf Charaktere wie Lafontaine und Ernst gesetzt?
2. Ich mag meine Linke!
ostrakismos 16.05.2012
Wenn schon alle Welt auf meiner Partei herumhackt, möchte ich mal etwas Positives sagen: Ja, ich mag Euch alle, Ihr Antifaschisten, Antisexisten, Ihr Sozialisten und Kommunisten, ihr Ökos, Sozialdemokraten, Rocker und Penner, Hartzer und Gewerkschafter, PDSler uns WASGler. Ich fühle mich genau richtig in dieser Partei. Ich mag diese ganz spezielle Art von masochistischem Humor; ja. Leute, wir sind die Gutmenschen, und, ja wir machen weiter - und pflanzen, da die Welt bekanntlich morgen untergeht, erst einmal ein Apfelbäumchen;-) AH, IST DAS SCHÖN!
3.
roostercockburn 16.05.2012
Das Video der Pressekonferenz von Herrn Ernst lässt sehr deutlich werden, dass die Führung der Linken zutiefst zerstritten ist und gewisse Leute des inneren Führungszirkels nicht mehr miteinander, sprich mit Hr. L. kompatibel sind. Die Führungsschwäche des Herrn Ernst ist nur noch peinlich. Das riecht ganz klar nach Zerreißprobe und Spaltung.
4.
garfield 16.05.2012
Zitat von ostrakismosund, ja wir machen weiter - und pflanzen, da die Welt bekanntlich morgen untergeht, erst einmal ein Apfelbäumchen;-) AH, IST DAS SCHÖN!
Da ich nie verstanden habe, warum Manche zwischen (wirklichen) linken Atheisten und (wirklichen) Christen unbedingt einen Trennstrich sehen wollen, geht Ihr Zitat eines Martin Luther auch völlig in Ordnung.
5.
CompressorBoy 16.05.2012
Zitat von Anton 100Nur weiter so, verehrte "Linke"! Die einzigen, die einem leid tun können, sind die vielfach durchaus pragmatischen und konstruktiven Ex-PDS-ler im Osten. Aber warum haben sie auch auf Charaktere wie Lafontaine und Ernst gesetzt?
Was heißt "pragmatisch" und "konstruktiv"? Die Ostlinken sind opportunistisch und durch institutionelle Macht korrumpierbar. Da wird dann schon mal gegen das eigene Volk gearbeitet, wenn der eigene Machterhalt es will - einfach nur widerlich. Ohne Lafontaine hätte die Linke im Westen null Chance gehabt.
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