Hackerangriff Datenklau alarmiert deutsche Politik

Handynummern, Ausweise, private Kommunikation: Hacker haben Daten von Hunderten Politikern im Internet veröffentlicht. In den Parteien herrscht Entsetzen, die Bundesregierung spricht von einem ernsten Angriff.

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Die Nachricht machte am frühen Donnerstagabend die Runde. Da erfuhren die Spitzen der Parteien und Bundestagsfraktionen, dass persönliche Daten zahlreicher Politiker entwendet, ins Internet gestellt worden waren und dort womöglich seit geraumer Zeit abrufbar waren.

Handynummern, Kreditkarteninfos, Privatadressen und private Nachrichten - all das findet sich in den Dateien, die offenbar schon im Dezember über einen - inzwischen gesperrten - Twitteraccount veröffentlicht wurden. Bis in den Vormittag wurde in der Regierung, in den Fraktionen und Parteien hektisch telefoniert, an Krisenplänen gearbeitet, sich um Aufklärung bemüht. Doch noch steht man offenbar am Anfang: Wer hinter dem Angriff steckt, und wie der oder die Täter an die Daten gelangten, ist noch völlig unklar.

Betroffen von der wohl massiven Hackerattacke sind laut Bundesregierung Politiker aus dem Bundestag, dem Europaparlament, den Landtagen bis hin zu den Kommunen. Das ganze Ausmaß lässt sich am Freitagmittag noch nicht abschätzen (Lesen Sie hier mehr darüber, was über die Hacker und ihre Opfer bislang bekannt ist).

Die Bundesregierung verspricht Aufklärung. Man nehme den Vorfall "sehr, sehr ernst", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz. Die Behörden arbeiteten mit Hochdruck an der Aufklärung des Falls. Dies werde aber wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Der Sprecher des Innenministeriums sagte, das Cyberabwehrzentrum habe die Koordination in diesem Fall übernommen. Es ist beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) angesiedelt.

Sensible Daten aus Kanzleramt sollen nicht betroffen sein

Nach einer ersten Durchsicht sind viele Daten, etwa Handynummern oder Adressen, authentisch, manche veraltet. Vizeregierungssprecherin Fietz warnte davor, die veröffentlichten Daten seien mit "großer Vorsicht zu handhaben". Selbst in authentische Dokumente könnten gefälschte Daten eingeschleust worden sein.

Nach ihren Angaben sind von dem Hackerangriff keine sensiblen Daten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betroffen. Auch das Kanzleramt habe am Donnerstagabend Kenntnis von der Attacke erhalten.

Justizministerin Katarina Barley sprach von einem "schwerwiegenden Angriff". "Die Urheber wollen Vertrauen in unsere Demokratie und ihre Institutionen beschädigen", sagte die SPD-Politikerin. Die Täter müssten rasch ermittelt und ihre möglicherweise politischen Motive aufgeklärt werden. "Kriminelle und ihre Hintermänner dürfen keine Debatten in unserem Land bestimmen", so Barley.

Parteien drängen auf rasche Aufklärung

"Die zuständigen Behörden müssen jetzt schnell aufklären", erklärte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. "Eine mögliche politische Motivation dieses Angriffs muss geklärt werden." Auffällig ist, dass zumindest auf den ersten Blick keine Vertreter der AfD betroffen sind. Dies kann aber auch mit dem Zeitraum des Datendiebstahls zu tun haben. Die Rechtspopulisten sitzen erst seit der laufenden Wahlperiode im Bundestag.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, teilte mit, IT-Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet zu haben, "um den Schutz der Kommunikation und die Funktionsfähigkeit der parlamentarischen Arbeit zu gewährleisten". Der demokratische Wettbewerb lasse sich "nicht durch auf illegale Weise gewonnene persönliche Daten kompromittieren. Dies sollte für alle politischen Parteien und andere Beteiligten gelten".

"Wir stehen in Kontakt mit der Bundestagsverwaltung, die wiederum mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeitet", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Patrick Schnieder. "Wir drängen auf eine rasche Aufklärung." Aus CDU und CSU sind wohl die meisten Politiker betroffen.

Nach Angaben von Thomas Jarzombek, IT-Experte der Unionsfraktion, richteten sich die Angriffe nach ersten Prüfungen allesamt gegen private Accounts - dienstliche E-Mail-Konten des Bundestagsnetzwerks seien offenbar nicht gehackt worden. Jarzombek ist Mitglied der sogenannten luK-Kommission des Ältestenrats des Bundestags, die für IT-Fragen zuständig ist. Seinen Angaben zufolge seien vor allem Daten aus privaten Twitter- und Facebookaccounts wie zum Beispiel Chatverläufe aus der Nachrichten-App Facebook-Manager entwendet worden.

Mehreren der betroffenen Politiker waren nach Angaben Jarzombeks in der Vergangenheit Unregelmäßigkeiten bei ihren privaten E-Mail-Accounts aufgefallen - die zeitweise nicht mehr zugänglich gewesen wären. Mehrere Facebook-Nutzer seien zudem darüber informiert worden, dass es Angriffe auf ihre Konten gegeben habe, die jedoch hätten abgewehrt werden können.

Die FDP im Bundestag hat nach eigenen Angaben bereits juristische Schritte eingeleitet. Insgesamt seien 28 Namen und Handynummern von Abgeordneten der Bundestagsfraktion veröffentlicht worden, teilte die Generalsekretärin der FDP Baden-Württemberg, Judith Skudelny, mit. Die Betroffenen wüssten Bescheid und könnten selbst entscheiden, ob sie die Handynummern ändern wollten.

Bundestagsausschüsse sollen tagen

"Das ist ein schwerer Anschlag auf die Demokratie in unserem Land. Es ist ein Anschlag auf den sozialen Zusammenhalt in unserem Land", erklärte Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Grünen-Fraktionsmanagerin Britta Haßelmann sprach von einem "sehr ernstzunehmenden Versuch, unsere Demokratie zu destabilisieren".

Die Grünen haben eine Sondersitzung des Innenausschusses sowie eine Sitzung der IuK-Kommission beantragt. Das Netz des Bundestags könnte ein Angriffspunkt sein, über den sensible, teils private Daten abgeflossen sind.

Die SPD-Abgeordneten Falko Mohrs und Jens Zimmermann fordern zudem eine Sondersitzung des Ausschusses für Digitale Agenda. In einem Brief an den Ausschussvorsitzenden schreiben sie, in einer solchen Sitzung müssten die zuständigen Behörden "eine umfassende Schadensanalyse und Aufklärung" liefern. Außerdem müssten sie aufklären, "ob eine der Institutionen bereits vor den Medien Kenntnis über das Datenleck hatte und wenn ja, wer darüber informiert worden ist".

SPIEGEL ONLINE berichtet ausführlich über die Hackerangriffe gegen Politiker und Personen des öffentlichen Lebens. Mit Details aus den Datendiebstählen gehen wir allerdings zurückhaltend und vorsichtig um. Privatadressen, Telefonnummern oder weitere Informationen, an denen nach jetzigem Kenntnisstand kein öffentliches Interesse besteht, veröffentlichen wir nicht.

Mit Material von dpa und Reuters



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Heinz.null.eins 04.01.2019
1. Datenklau alarmiert deutsche Politik
Echt, schon wieder?
Hollowmen 04.01.2019
2. ...
Die Sicherheitsbehörden werden sich freuen, wenn hunderte aufgeregte Abgeordnete aus Bund und Land persönlich wissen wollen was passiert ist. Vielleicht sollte man den ermittelnden Behörden etwas Zeit geben und von spekulativen Äußerungen über das Motiv des Angriffs absehen.
Lak Moose 04.01.2019
3. Ja wie jetzt?
Ich dachte wir haben doch alle nichts zu verbergen und Datenschutz ist nur was für die verklemmten, verzagten Deutschen. Alle anderen wären ja viel viel weiter und offener und würden die Technologie nicht so ausbremsen wie die Angstbundesbürger. Und jetzt soll das plötzlich doch schlimm sein, dass die Datenöffentlich gemacht wurden? Und das Bedenkenträgertum in der Hinsicht doch nicht so falsch? Da fällt mir nur Orwell's Farm der Tiere ein.
herm16 04.01.2019
4. da
springen dutzende Datenbeauftragte, durch die Gegend und keiner merkt was. Die Frage drängt sich auf, ob man die Leute braucht
smallbit 04.01.2019
5. Ist doch schön, wenn Politiker sich auch mal wie wir fühlen
Was war denn das noch alles? Volksbefragung Lauschangriff Offenlegung des Bankgeheimnis (FA) und einiges mehr.... Bloß bei den Parteien herrscht Entsetzen, ein ernster Angriff usw. Wetten, da werden schnell neue Gesetze gefordert und erlassen, die uns weiter einschränken und die tatsächlichen Kriminellen unbehelligt lassen, weil die sich nicht drum kümmern und erwischen lassen.
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