Modellauto-Affäre um Haderthauer Schnellen Erfolg vor Augen

Angeblich wollte die bayerische Staatsministerin Christine Haderthauer mit ihrer Beteiligung an einer umstrittenen Modellbaufirma nur Gutes tun. Weitere Geschäftspapiere der Sapor sprechen aber dafür: vor allem Gutes für sich und ihren Mann.

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Politikerin Haderthauer: "Von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art"
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Politikerin Haderthauer: "Von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art"


Am 11. Januar 1994 schreibt eine junge Start-up-Unternehmerin einen Brief an ihren früheren Kompagnon. Es geht um die Abfindung, die er bekommen hat, als er aus der Firma ausschied, und warum es jetzt keinen Nachschlag mehr gibt. Denn die Geschäfte gehen angeblich nicht so gut wie erwartet: "Bei laufenden Unkosten von über 80.000 DM pro Jahr konnten wir uns in diesem Jahr gerade stabilisieren." Das aber hatte sich die junge Geschäftsfrau ursprünglich doch ganz anders vorgestellt: "Wie Ihnen ja auch bekannt ist, hatten wir bei Gründung der Firma einen wesentlich schnelleren Erfolg vor Augen."

Einen schnelleren Erfolg vor Augen? Die junge Start-up-Unternehmerin hieß Christine Haderthauer, und das Ziel, das sie vor Augen hatte, war demnach das Ziel aller Start-up-Unternehmer: möglichst schnell Geld verdienen. Glaubt man dagegen, was die heutige bayerische Staatsministerin Haderthauer derzeit glauben machen will, dann war ihre Firma Sapor Modelltechnik eher so eine Art Charity-Veranstaltung. Dann hatte Christine Haderthauer damit in erster Linie psychisch kranken Straftätern in Ansbach und Straubing ein "Therapieangebot finanziert". Ließ die Insassen Automodelle bauen, schenkte ihnen Erfolgserlebnisse, päppelte ihr Selbstwertgefühl auf. Dass ihr Mann die Therapie leitete und gleichzeitig die Familie von den gebauten Modellen profitierte, sei deshalb auch gar nicht fragwürdig gewesen. Vielmehr habe es sich um ein "von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art" gehandelt.

"Kalkulation für die Werktherapie für 1 Jahr"

Was davon zu halten ist, zeigen nun weitere Auszüge aus der Firmenkorrespondenz der Sapor Modelltechnik. Sie stehen im Gegensatz zu den Aussagen der Staatsministerin und machen deutlich, dass ihre Sapor-Beteiligung alles andere als uneigennützig war. Vielmehr ging es darum, die zu Dumpinglöhnen gebauten Autos - 250 Mark pro Mann und Monat - teuer zu verkaufen. Und aller Jammerei zum Trotz: Die Einnahmen flossen auch. Allerdings nicht in die Taschen des früheren Kompagnons. Und nicht in die Taschen jenes weiteren Geschäftspartners, des Franzosen Roger Ponton, der Anfang Mai eine Strafanzeige gestellt hatte.

Wie viel beim Geschäft hängen bleiben sollte, zeigt schon ein Papier, das Roland S. 1989 verfasst hat. Der Dreifachmörder, ein brillanter Modellbauer und der technische Kopf des Projekts, hatte darin eine "Kalkulation für die Werktherapie für 1 Jahr" aufgestellt. Darin berechnete er die Herstellungskosten für 25 Modelle des Typs Mercer 35 J mit 63.850 DM, pro Stück also mit 2554 DM. Den Verkaufspreis taxierte er für ein Auto auf 20.000 Mark. So kam er nach Abzug der Mehrwertsteuer auf einen Überschuss von 14.646 Mark, bei 20 Modellen von knapp 300.000 Mark.

Viel Geld Anfang der Neunzigerjahre, aber andererseits nur eine Kalkulation. Hatte Roland S. mit Mondpreisen gerechnet, weit weg vom Markt? Offenbar nicht. Einer der wichtigsten Abnehmer der Sapor war der US-Händler Gary Kohs aus Michigan, der Sapor an die 20 Modellautos abgekauft haben will. Ende 1993 schickte Hubert Haderthauer ihm eine Übersicht über die Modelle, die Sapor in dem Jahr an Kohs verkauft hatte, Stand 3. November. Dort mit ihren DM-Preisen aufgeführt:

"Mercedes Simplex 15.500,
Motor 4000,
Mercer 15.500,
Motor 4000,
Vitrine 1000,
Mercedes Simplex 17.825,
Mercer 17.825,
Mercer 17.825,
Mercer 17.825,
Mercedes Simplex 17.825"

Demnach betrug das Sapor-Geschäftsvolumen für 1993 allein mit Kohs knapp 124.000 DM, von denen rund 82.825 Mark auch bereits bezahlt waren.

Im nächsten Jahr war das US-Geschäft ähnlich lebhaft, wie eine Übersicht zeigt, die Hubert Haderthauer am 11. September 1994 an Kohs schickte.

Dort aufgeführt:
eine Rechnung über 17.825 DM,
die nächste über 64.000 DM,
noch eine über 62.000,
weitere über 20.000, 18.000 und über 4000 DM.

Damit stellte Haderthauer allein seinem Kunden Kohs für Lieferungen im Jahr 1994 mehr als 185.000 DM in Rechnung.

Allerdings wollte Kohs, einer der größten US-Händler für exklusive Modelle, dann doch nicht mehr mit Sapor weiterarbeiten. Die Modelle seien nicht komplett maßstabsgerecht, bemängelte er. Außerdem war Kohs auch aufgegangen, dass die Mini-Autos von psychisch kranken Straftätern gebaut wurden; Kohs fürchtete um sein Image.

"Die Gewinnerwartung war ein untergeordneter Gesichtspunkt"

Stattdessen wollte Hubert Haderthauer auf eigene Faust versuchen, Automodelle an Liebhaber in Frankreich zu verkaufen, deren Namen er von Kohs kannte. In einem Schreiben an seinen damaligen Mitgesellschafter Ponton vom 29. Mai 1995 lieferte Haderthauer für diese Geschäfte eine Preisliste mit, die erneut zeigt, wie viel Geld mit den Modellen gemacht werden sollte:

"Bisher wurden von uns entwickelt und verwirklicht:

Mercer Raceabout 1913, 25 Stück,
Mercedes Simplex 1904, 50 Stück,
Bentley Blower 4,5 l, Kompressor 1929, 25 Stück lieferbar ab Okt. 95.

Die Modelle werden von uns persönlich zu folgenden Preisen angeliefert:

Mercer Raceabout 21.400 DM,
Mercedes Simplex 24.900 DM,
Bentley Blower 22.900 DM."

Unterm Strich standen damit geplante Umsätze von mehr als 2,3 Millionen Mark.

"Die Gewinnerwartung war ein untergeordneter Gesichtspunkt", behauptet Hubert Haderthauer gleichwohl, "Arbeitsabläufe und Geschwindigkeiten" seien "therapeutischen Gesichtspunkten" gefolgt. Dagegen hat sein früherer Geschäftspartner Ponton längst gesagt, worum es für ihn bei der Sapor ging und worum es auch den Haderthauers in Wahrheit gegangen sein soll: um ein gutes Geschäft. Von Therapieerfolgen sei da nicht die Rede gewesen, und Spaß am Modellbau, nein, den habe er bei Haderthauer auch nicht entdecken können.

Geld verdienen sei der Antrieb für die Sapor-Modellautos gewesen. Und Ponton erinnerte sich vor einem Jahr, als die Affäre bekannt wurde, auch noch gut daran, welchen Traum sich der Therapiearzt Hubert Haderthauer damals gern erfüllt hätte.

Ein früherer Sapor-Mitgesellschafter habe zu einer Zeit, bevor Christine Haderthauer bei Sapor einstieg, einen schwarzen Ferrari Testarossa gefahren. Den habe sich Hubert Haderthauer gern mal für eine Spritztour durch Ansbach ausgeliehen, während die damaligen Sapor-Eigner mit dem Dreifachmörder Roland S. im Maßregelvollzug gesprochen hätten. Hubert Haderthauer äußert sich nicht dazu, auch nicht zu einem Satz aus seinem Munde, an den sich Ponton auch noch erinnern will: "Vielleicht erlaubt mir meine Frau auch mal so einen."



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insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
knusperfinger 09.08.2014
1. Typisch
Bayrisches Gutmenschentum aus reinster nächstenliebe, zum Geld.
jakam 09.08.2014
2.
Wer "nur Gutes" tun will, bereichert sich nicht so unverschämt oder gibt den Gewinn fair nach unten weiter. Lachhaft und peinlich.
fazil57guenes 09.08.2014
3.
Genau solche Politiker braucht das Land. Politiker denen es nicht fremd ist und die nichts dabei finden in die eigene Tasche zu wirtschaften. Wann hat sie endlich die Grösse, persönliche Konsequenzen zu ziehen.
freemailer2000 09.08.2014
4. Eine..
Zitat von sysopDPAAngeblich wollte die bayrische Staatsministerin Christine Haderthauer mit ihrer Beteiligung an einer umstrittenen Modellbaufirma nur Gutes tun. Weitere Geschäftspapiere der Sapor sprechen aber dafür: vor allem Gutes für sich und ihren Mann. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/haderthauer-wollte-mit-modellautos-geld-verdienen-a-985177.html
..Ministerin schreibt über UNkosten?Pisa lässt grüssen.Armes Bayern!
xerkses 09.08.2014
5. Potemkinsches Dorf
Frau Haderthauer und ihrem Gatten, ist bei der Erbauung potemkinscher Dörfer, sichtlich kein Weg zu schade, um ihrer persönlichen Gel(d)tuchssucht gerecht zu werden. Ich könnte Nachts kein Auge mehr zumachen. Doch ich denke, das Gewissen arbeitet bei Haderthauers etwas langsamer.
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