Teure Haftpflicht Gröhe will Hebammen mit Beitragsgeld helfen

Die in ihrer Existenz bedrohten freien Hebammen sollen mehr Geld von den Krankenkassen bekommen. Gesundheitsminister Gröhe will so die Geburtshelferinnen unterstützen, deren Versicherung für Kunstfehler rapide teurer geworden ist.

Gesundheitsminister Gröhe: Krankenkassen sollen freie Hebammen retten
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Gesundheitsminister Gröhe: Krankenkassen sollen freie Hebammen retten


Berlin - Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will den teilweise um ihre Existenz bangenden Hebammen in Deutschland mit Geld der gesetzlichen Krankenkassen helfen. Die Hebammen beklagen seit langem steigende Prämien für ihre Haftpflichtversicherungen. Viele können die jüngsten Prämienanstiege mit den bisher von den Krankenkassen dafür vorgesehenen Mitteln nicht bezahlen.

Ein Vorschlag Gröhes sieht nun vor, dass die Kassen einen Sicherstellungszuschlag bezahlen, damit auch freie Hebammen mit nur wenigen Geburten die Kosten für die Versicherung bezahlen können. Das geht aus einem Schreiben Gröhes hervor. Der Radiosender NDR Info hatte zuerst darüber berichtet.

Das Problem stellt sich für freiberufliche Hebammen mit wenigen Geburten, denn die Kassen bezahlen sie pro Geburt. Über Monate hatte eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung mehrerer Bundesministerien das Problem beraten. Für die Zeit bis Mitte 2015 gibt es bereits eine Lösung. Die Beratungen über einen langfristigen Plan gestalteten sich aber äußerst schwierig. Sämtliche anderen Vorschläge - etwa die Einrichtung eines Fonds - fanden keine Mehrheit.

Kosten für Haftpflicht haben sich fast vervierfacht

Das Thema gilt in der Koalition als sehr sensibel. Die Hebammen-Organisationen hatten mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit viele Sympathien in der Bevölkerung erlangt, auch wenn sie sehr unterschiedlich betroffen sind. Es gibt auch viele Geburtshelferinnen, die mit dem Geld der Kassen für die Versicherungsprämien gut auskommen.

Regress-Ansprüche der Krankenkassen gegenüber den Versicherungen im Schadensfall sollen zudem eingeschränkt werden: Kranken- und Pflegeversicherung sollen sich demnach künftig kein Geld mehr von den Haftpflichtversicherungen zurückholen können. Dies spare im Gegenzug Maklercourtage und Versicherungssteuer, so eine Sprecherin Gröhes.

Zahlten Hebammen 2004 noch 1352 Euro für die Versicherung, werden es ab Juli 5091 Euro sein. Gerichte schraubten im Fall eines Fehlers der Hebammen bei der Geburt die Summen für die Betroffenen immer weiter in die Höhe - auch weil ein behindertes Kind heute wegen des medizinischen Fortschritts oft viel länger lebt als früher.

ade/dpa



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insgesamt 27 Beiträge
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SNA 30.04.2014
1. Ursachenerläuterung
Den Hebammen machen heute nicht mehr, sondern weniger Behandlungsfehler. Die hohen Kosten werden auch nicht den Gerichten "hochgeschraubt". Die Ursachen liegen in der besseren medizinischen Versorgung. Ein Neugeborenes mit schwerem Hirnschaden ist früher eben gestorben. Jetzt kann es gerettet werden, verursacht aber Pflegekosten von 20.000,-- Euro pro Monat und das 50 Jahre lang. Das wird in dem Artikel nicht ausreichend deutlich.
tdmdft 30.04.2014
2. Es wäre Zeit
die Regelsätze für Geburten anzupassen. Versicherungen legen zu Recht das zu Versicherte Risiko auf alle Versicherten um. Das ist die Kernidee einer Versicherung. Es muss klar sein, dass am Ende der Auftraggeber, also die Patientinnen dieses Zusatzkosten aufbringen müssen, und das geschieht durch die Regelsätze. Vielleicht läßt sich das Risiko auch auseinanderdividieren, wenn es Hebammen gibt, die nur Krankenausgeburten übernehmen, und damit ein viel geringers Risiko als Hebammen mit Hausgeburten tragen. Ebenfalls sollten noch einmal die Details der Vergütung untersucht werden. Es gibt hinweise, dass der Lobby-verband der Hebammen auch massiv Stimmung macht. In einer großen Tageszeitung wurde berichtet, dass die höheren Versicherungkosten bei vielen schon durch deutlich höhere Einnahmen in den letzten Jahren mehr als abgedeckt wurden. Aber Jammern schadet mal nichts und andere Lobby-Gruppen machen das vor.
andere Hobbys 30.04.2014
3. Klingt ja alles
sehr unkonkret. In dieser Arbeitsgruppe hat es dann wieder ein Ministerium auf das andere geschoben. Ab wie vielen Geburten kann den eine Hebamme diese Versicherungsprämie verschmerzen ?? Pro Geburt gibt es ca. 300 Euro. Da kann man sich ausrechnen, wie viele Geburten dafür draufgehen. Viele selbstständige Hebammen haben deshalb gar keine Geburten mehr gemacht. Die angestellten Hebammen müssen zwar keine Versicherung bezahlen, werden aber von den Krankenhäusern mit einem Hungerlohn abgespeist. Dafür, das sie immer mit einem Fuss im Knast stehen , steht das in keinem Verhältnis. Zumal die Eltern, wenn das Kind nicht den hochgesteckten Zielen entspricht, die Hebamme auch 30 Jahre später auf einen Geburtsfehler verklagen können.
walter_e._kurtz 30.04.2014
4. Kunstfehler
Ich will mal ein Faß aufmachen. Womöglich vergleiche ich auch Äpfel mit Birnen, aber sei´s drum: Direkt ins Auge gesprungen ist mir der Begriff "Kunstfehler" (schrecklicher Begriff). Da fingen meine Synapsen direkt an zu arbeiten. Mich würde doch brennend interessieren, wie viel ein Artzt (ebenfalls freischaffend im Gesundheitswesen) in eine Versicherung gegen "Kunstfehler" investieren muß. Hintergrund der Frage: Offensichtlich scheint es ja nicht all zu schwer, einer Hebamme einen "Kunstfehler" nachzuweisen, während es Ärzten (nach Allem, was man so hört) schwer bis unmöglich ist, "Kunstfehler" nachzuweisen. Da läuft doch bezüglich Rechtssprechung und/oder Versicherungsstruktur einiges im Argen zu liegen, oder!?
omop 30.04.2014
5. Lobbying der Hebammen wirkt..
bevor ich mir eine Meinung bilde,möchte ich gerne mal die Datenlage genau bewerten können. M.W. haben die Krankenkassen die Vergütungen für freiberufliche Hebammen seit 2007 deutlich angehoben. Insofern stellt sich die Frage ob das nur Jammern auf hohem Niveau ist oder ein berechtigtes Anliegen.
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