Hakenkreuze beim Dorfumzug Heimatverein Colmnitz wehrt sich gegen Kritik

Das sächsische Colmnitz feiert - mit dabei sind Darsteller in Wehrmachtsuniformen mit Hakenkreuzen. Der Veranstalter versteht die Aufregung darüber nicht.

Marcus Fischer

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Nach der Präsentation von Wehrmachtsuniformen und Hakenkreuzsymbolen bei einem Festumzug im sächsischen Colmnitz ermittelt nun die Polizei. "Wir haben die Ermittlungen aufgenommen", sagte ein Sprecher der zuständigen Polizeidirektion Dresden. Es werde geprüft, ob bei der Veranstaltung Kennzeichen Verfassungswidriger Organisationen im Sinne von Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs gezeigt wurden. Die Ermittlungen richten sich bisher gegen Unbekannt. Grundlage seien zunächst die Medienberichte über den Umzug, vor Ort seien keine Polizeibeamten zugegen gewesen.

Der 1400-Einwohner-Ort Colmnitz hatte am Wochenende die Ersterwähnung der Gemeinde im Jahr 1346 gefeiert. Bei einem Festumzug traten laut Augenzeugen sechs Teilnehmer als Wehrmachtsoldaten verkleidet auf. An ihren Kostümen waren auch das verbotene Hakenkreuzsymbol und nationalsozialistische Abzeichen zu erkennen, einige fuhren in Militärfahrzeugen durch den Ort - auf den Wagen waren Maschinengewehrattrappen zu sehen.

Gestört hat das beim Umzug am Sonntag offenbar niemanden. So zumindest berichtete es der Fotograf Marcus Fischer, der von dem Umzug Bilder machte (Lesen Sie hier mehr). Insgesamt sollen mehr als 400 Menschen bei dem Umzug durch das Dorf mitgelaufen sein.

"Wir sind schwer enttäuscht"

Eckhard Schmieder ist der Vorsitzende des Heimatvereins Colmnitz, sein Verein hat die Feierlichkeiten geplant. Dreieinhalb Jahre habe das gedauert - und jetzt werde alles von der Berichterstattung über die Wehrmachtsuniformen überschattet, klagte er am Montag am Telefon. Er fühle sich missverstanden.

Schmieder verwies auf einen Vertrag, den er mit den "Militärfreunden Sachsen" abgeschlossen habe, diesen werde er auch der Polizei vorlegen. Vor Beginn des Umzugs habe er bei der Gruppe extra nachgefragt, "ob alles seine Richtigkeit hat". Das sei bestätigt worden. "Ich hatte ja die Verantwortung."

Er habe keine Hakenkreuze gesehen, betonte Schmieder, auch die Leute aus dem Dorf, mit denen er gesprochen habe, hätten nichts bemerkt. Zudem sei die Gruppe nur eine von vielen gewesen, eben nur ein kleiner Teil des langen Umzugs, der sich durch das ganze Dorf gezogen habe. Ein Umstand, auf den auch mehrere Leser in E-Mails an SPIEGEL ONLINE hinweisen.

Der Vorsitzende zeigte sich am Telefon kurz angebunden. "Wir sind schwer enttäuscht. Das ganze Dorf ist enttäuscht. Das ist doch Wahnsinn, was jetzt passiert", sagte er. "Ihr macht alles kaputt." Wen er damit meine? "Euch, die Medien." Dann legte er auf.

Ziel des Umzugs sei es gewesen, die Geschichte des Orts in den letzten 900 Jahren darzustellen, sagte Thomas Schumann, Gründungsmitglied des Heimatvereins, Süddeutsche.de. "Der Zweite Weltkrieg gehört da eben dazu." Am Montagmittag teilte der Heimatverein 58 Fotos vom Festumzug auf seiner Facebookseite, Aufnahmen der Teilnehmer mit Wehrmachtsuniform sind nicht dabei.

Nicht das erste Mal Empörung über Wehrmachtsuniformen

Wer sind die "Militärfreunde Sachsen", von denen der Heimatvereinschef Schmieder spricht? Im Internet stößt man unter diesem Suchbegriff auf die Seite der "Militärtechnikfreunde Sachsen". Dort will man von einem Vertrag mit dem Heimatverein Colmnitz nichts wissen.

"Das höre ich zum ersten Mal. Von uns war niemand beteiligt", sagte ein Vertreter der Gruppe auf Nachfrage. Er verwies auch auf die Informationen auf der Internetseite, dort heißt es: "Jegliche Versuche, unsere Leidenschaft für historische Militärtechnik und deren bewegte Darstellung mit einer speziellen Gesinnung zu verbinden, weisen wir entschieden zurück. Wir bewahren sogar großen politischen Abstand dazu!"

Die "Militärtechnikfreunde Sachsen" wollen nun Kontakt mit der Gemeinde aufnehmen. Zudem habe man sich die Bilder der Fahrzeuge angeschaut, um herauszufinden, wem diese gehören könnten.

Es ist nicht das erste Mal, dass es Aufregung über Wehrmachtsuniformen im Freistaat gibt. Auf Gemeindefesten ist NS-Folklore häufiger zu sehen. 2012 etwa, beim "Tag der Sachsen" in Freiberg, traten Militariafreunde in Wehrmachtsuniformen und einem Kampfanzug der Waffen-SS auf. Damals waren es Mitglieder der Gruppe "Militärtechnikfreunde Sachsen".

Die Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen wegen Verwendung verbotener Symbole allerdings wieder ein. Wehrmachtsymbole sind, anders als SS-Zeichen, nicht verboten.

SPIEGEL TV Magazin (08.05.2016)

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