Mutmaßlicher Täter von Hamburg Ahmad A. war Behörden als Islamist bekannt

Nach dem tödlichen Angriff in einem Hamburger Supermarkt erhärten sich die Erkenntnisse zum mutmaßlichen Täter: Ahmad A. war den Behörden als Islamist bekannt, handelte aber laut Innensenator wohl als psychisch labiler Einzeltäter.

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Der mutmaßliche Messer-Attentäter von Hamburg Ahmad A. ist den Sicherheitsbehörden bekannt gewesen. Es habe Anzeichen für eine Radikalisierung gegeben, sagte Hamburgs Innensenator Andy Grote. Der Palästinenser sei als Islamist in die entsprechenden Dateien aufgenommen worden. Man sei aber nicht zu der Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit gelangt.

Der Mann hatte am Freitag im Stadtteil Barmbek unvermittelt auf Menschen eingestochen. Ein 50-Jähriger starb. Laut Grote gab es sieben weitere Opfer, die zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden.

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Messerattacke in Hamburg: Angriff beim Einkauf

Bei dem Mann gebe es einerseits Hinweise auf religiöse Beweggründe und islamistische Motive, andererseits auch auf eine "psychische Labilität", so Grote. Die Polizei gehe bei dem Tatmotiv von einer Gemengelage aus und wisse noch nicht, was letztlich den Ausschlag für den Messerangriff gegeben habe.

Video: Hamburgs Innensenator zu Messerangreifer

Keine Hinweise auf Netzwerk

Nach den bisherigen Erkenntnissen war Ahmad A. ein Einzeltäter. Es habe keine Einbindung in die örtliche islamistische Szene gegeben, sagte Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß. Es gebe auch keine Hinweise auf ein Netzwerk.

Der 26-jährige A. war nach Angaben der Behörden im März 2015 nach Deutschland gekommen. Zuvor habe er Stationen in anderen europäischen Ländern gehabt: in Norwegen, Schweden und Spanien. Über Norwegen sei der Mann im März 2015 nach Deutschland gekommen, zunächst nach Dortmund. Von dort aus sei er im klassischen Asylverteilungsverfahren nach Hamburg weitergeleitet worden. Hier sei er im gleichen Monat eingetroffen und habe schließlich im Mai 2015 einen Asylantrag gestellt. Dieser wurde jedoch abgelehnt.

Nach Angaben von Grote war der Mann daraufhin bereit auszureisen. Dies scheiterte jedoch daran, dass A., in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und der Volksgruppe der Palästinenser angehörend, keine Ausweispapiere hatte. Der Mann half bei der Beschaffung neuer Papiere. Bis zur Attacke am Freitag waren diese noch nicht eingetroffen.

Nach Angaben des Verfassungsschutz Hamburg hatte ein besorgter Bekannter Ahmad A. bei der Polizei gemeldet. Er habe Veränderungen an seinem Freund bemerkt, teilte der Mann mit. Ahmad A. soll demnach verstärkt aus dem Koran zitiert und keinen Alkohol mehr getrunken haben. Der Verfassungsschutz kontaktierte Ahmad A. daraufhin, kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich um eine Mischform zwischen psychischer Instabilität und religiös motivierter Radikalisierung handelte. Für eine unmittelbare Gefährdung habe es keine Hinweise gegeben, sagte Voß.

Neue Details zum Tathergang

Das Landeskriminalamt Hamburg gab am Samstag auch weitere Einzelheiten zum Tatablauf bekannt. Demnach war Ahmad A. zunächst in den Edeka-Markt gegangen, um etwas zu kaufen. Dann verließ er den Laden und stieg in einen Bus. Sofort danach stieg er jedoch wieder aus und ging zurück in den Supermarkt. Dort ging er zielgerichtet auf einen Warenaufsteller zu, griff sich ein Küchenmesser, packte es aus und stach unvermittelt auf den 50-Jährigen ein, der noch am Tatort verstarb.

Auf seinem Weg aus dem Laden verletzte A. weitere Kunden schwer, unter anderem einen 19-Jährigen, der am Freitag notoperiert werden musste. Erst auf der Straße wurde der Attentäter von couragierten Passanten gestoppt und von der Polizei festgenommen.

Im Video: Passanten stoppen Attentäter von Hamburg

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Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat bestürzt auf den tödlichen Messerangriff reagiert. "Erneut trifft eine schreckliche Attacke unsere Gesellschaft", sagte er. "Meine Trauer gilt dem Toten, mein Mitgefühl seinen Angehörigen und den verletzten Opfern." Mit Blick auf die möglichen Hintergründe der Tat sagte der Minister: "Wir müssen damit rechnen, dass die dschihadistische Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung für Taten herangezogen wird, die vielleicht aufgrund ganz anderer Motive begangen werden."

"Die eigentlichen Motive können dann auch in der Persönlichkeit des Täters liegen", so de Maizière. "Es ist wichtig, die Hintergründe der Tat so schnell wie möglich zu analysieren, um aufzuklären, wie es zu der Tat kommen konnte", betonte der CDU-Politiker.

Schwerpunktsendung zu Hamburg
  • Das SPIEGEL TV Magazin widmet der Messer-Attacke einen Schwerpunkt. Sendetermin: Sonntag, 30.07.2017, 22.35 - 23.20 Uhr, RTL

sep/dpa

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